… weil ich so mein Fahrrad lieb …

Fahrradfahren und französische Avantgarde um 1900 – das bringt der eigenwillige Konzeptkünstler Rainer Ganahl in den derzeitigen Schwerpunkten seines Oeuvres unter einen Hut. Und zieht dabei auch vor religiösen Motiven und Fetischismus nicht die Bremse.

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Dass Rainer Ganahl irgendwann auch mal das Auto nimmt, ist schwer vorstellbar. Wie besessen widmet er sich in zahlreichen Projekten, Perfomances, Videos, Fotostrecken und Schriftstücken einzig dem einen Fortbewegungsmittel – dem Drahtesel. Er hält es dabei wie sein Idol Alfred Jarry. Der um 1900 lebende französische Schriftsteller, Proto-Dadaist und Erfinder der Pataphysik (Wissenschaft von den imaginären Lösungen) wurde als Provokateur, Eigenbrötler und Enfant Terrible der Pariser Künstlerszene bekannt. Eine Persönlichkeit, in der sich die Grenzen zwischen Kunstfigur und realem Charakter aufgelöst hatten. 1869 erwarb Jarry ein Fahrrad – es sollte fortan sein Markenzeichen werden. Er selbst erschien stets in Fahrradmontur, statt Klingelläuten feuerte er Revolverschüsse ab.

Passion Christi als Fahrradrennen

Rainer Ganahl, dem ein kauziger Hang zur Skurrilität nicht abzusprechen ist, verarbeitet nun Jarrys Schriften und Anschauungen, adaptiert den exzentrischen Franzosen in- und auswendig. So posiert der 1961 geborene Tiroler mit Wohnsitz in New York und Professur in Stuttgart als Lookalike mit einem Fahrrad Baujahr 1869 oder baut dessen Sattel in sein eigenes Gefährt ein. »The Passion Considered as an Uphill Bicycle Race or I wanna be Alfred Jarry, 1903 / 2011« basiert auf einem Schriftstück Jarrys, das die Passion Christi mit einem Fahrradrennen gleichsetzt. Ganahl vollzieht den Kreuzgang als Bergwanderung mit geschultertem Fahrrad, um am Gipfel Jarrys Worte einer Kuh vorzutragen. Mit »Ce Qui Roule – That – Which – Rolls (Early forms of rollin‘ rocks)« inszeniert Ganahl ein Theaterstück in drei Akten für und mit Fahrrad, dem ebenfalls Jarrys Texte, z.b. »Le Supermâle«, zugrunde liegen. Und es wird ein weiterer intellektueller Ahne zitiert: Marcel Duchamp, der schon 1913 das »Roue de Bicyclette« als eines der ersten Ready-mades herstellte. Das Bike mutiert in Ganahls Stück gar zum mittelalterlichen Folterinstrument mit einem anzüglichen Touch: eine nackte Frau – ein Zitat von Duchamps letztem großen Werk »Entant Donné« (1946-66) – wird zwischen vier Fahrräder gespannt. Das Motiv dieser Vierteilung setzt Ganahl in weiteren Versionen um: mittels einer Fahrradmaschine etwa, an die tatsächlich vier Pferde gebunden werden. Oder mit der eigenen »Kreuzigung« als Street Performance.

Auch abseits französischer Vorbilder entwickelt sich Ganahls Manie: »I wanna be Chinese / Dinghi, 2011« ist ein Promotion-artiges Video, das den Künstler auf einer mitunter halsbrecherischen Fahrt mit einem Elektrobike made in China begleitet. Anliegen: Bewusstsein für Umwelt und Weltwirtschaft: 50 Prozent der Straßen sollen zu Bikeways werden. Damit verbunden kann man sich beim Lesen des »Fahrrad-Manifest« eventuell davon überzeugen lassen, auf das Zweirad umzusteigen. Fest steht jedenfalls: Rainer Ganahl ist dem Fahrradspleen verfallen.

»I Wanna Be Alfred Jarry« ist im Tresor des Bank Austria Kunstforum von 9. Mai bis 15. Juli zu sehen. Zur Eröffnung werden "Bikes and Vibes" mit den DJs Moogle und Laminat ab 19uhr gefeiert. Hier geht es zum Facebook-Event.

www.bankaustria-kunstforum.at

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