Who's Bad?

Auf die Frage des elften Albums "Who’s Bad?" kann es nur eine Antwort geben: Die Goldenen Zitronen. Im Interview sprachen die Hamburger über die aktuelle Poplandschaft, den Verzicht auf Feindbilder und darüber, wie der Punk zum Krautrock kommt.

In der allgemeinen politischen Fruststimmung werden Die Goldenen Zitronen zum neuen Album immer wieder gefragt, was sie noch antreibe ihre kritischen Songs zu schreiben. Die Antwort, die die Goldies im Gespräch auch The Gap entgegnen, zeugt von einer Selbstverständlichkeit und einem Selbstverständnis, die man auch in ihrer Arbeitsweise und Musik findet. Warum man den Goldenen Zitronen auch auf „Who’s Bad?“ wieder zuhören sollte? – Weil sie immer noch etwas zu sagen haben.

Etwa über Gentrifizierung oder den Verlust des Privaten. Über die große Idee von Europa, aber auch über den Protest gegen den Abriss der Esso-Tanke im kleinen St. Pauli. Über Aktuelles genauso wie über zeitlose Themen, z.B. den ständigen Kampf um Platz und die menschliche Psyche. „Duisburg“ dagegen ist das songgewordene Epitaph für die Ideale der Techno-Kultur, die mit der letzten Love Parade in Duisburg endgültig zu Grabe getragen wurden, aber durch die Umstände des Unglücks, der Verantwortungslosigkeit der Veranstalter, auf ewig dazu verdammt sind als Geist im kollektiven Gedächtnis zu spuken.

Selbst bei Abgesängen wie diesen auf einstige Subkulturen, z.B. auch bei „Rittergefühle“, klingen die Goldenen Zitronen im Gegensatz zu vielen anderen ihrer Generation, die das Politische im Pop suchten, nie verbittert. In ihrem Post-Punk – der quasi mustergültig ist, wenn man diese Bezeichnung nicht nur als vage, hohle Genrebezeichnung verwenden will – führen sie den Stachel und die Verweigerung des Punk in eine Form abseits von drei geschrammelten Akkorden. Und das schon seit Jahren auf immer neue Weise, denn das Anders-machen-wollen ist der Idee des Punk ja ganz nahe.

Zu den Blüten, die diese treibt, gehören u.a. die musikalische Herangehensweise von Kautrock und Texte mit eigenständigem literarischen Anspruch. Aber das lassen wir im Gespräch Schorsch Kamerun, Ted Gaier und Mense Reents am besten selbst erklären. Denn im Jahr 2013 wissen die Goldenen Zitronen als Band, die ihre eigene Geschichte und Methoden immer wieder überdenkt und neue Strategien verfolgt, längst, wer sie sind.

Am Samstag habt ihr hier in Berlin ein Benefizkonzert für „Fight Racism Now!“ gespielt. Vom neuen Album habt ihr nur einen Song gespielt. Wie sucht man ein Set aus, wenn man so ein großes Repertoire hat wie ihr?

Mense Reents: Wir haben einfach geschaut, welche Stücke vom letzten Auftritt wir noch einigermaßen spielen können, weil wir nicht regelmäßig proben. Zwei Proben, das war’s.

Schorsch Kamerun: Dann schauen wir, was von den Texten her noch stimmt, was wir musikalisch vertreten können und zum Teil, was Spaß bringt. Man braucht eine gute Mischung und vielleicht ein paar Dramaturgiebausteine. Die ganz alten Stücke spielen wir nicht. Von der neuen haben wir deswegen noch nichts Richtiges gespielt, weil sie noch nicht mal raus ist. Und wir können es tatsächlich noch nicht.

Ted Gaier: Es ist tatsächlich schwierig Stücke zu spielen, die niemand kennt – bei einer Band, die jeder kennt. Das ist blöd, aber es ist so.

Weil ihr es schon erwähnt habt: Ihr trefft euch nicht regelmäßig zum Proben oder Schreiben. Wie läuft das dann ab?

Reents: Es gibt Time Slots, in denen alle Zeit haben und dann wird das Album aufgenommen – in relativ kurzer Zeit. Wir haben uns verstreut über zwei Jahre jeweils für eine knappe Woche getroffen, drei- oder viermal.

Kamerun: Zum Schluss schauen wir, welche Texte sich für welche Musiken eignen. Dann macht man vielleicht noch Overdubs. Anschließend wird gesungen, was allein drei Wochen dauerte – dieses Mal jedenfalls. Ich habe echt noch nie so lange gebraucht.

Das Album klingt sehr durchdacht, fast konzeptionell. Manche Texte spiegeln sich sehr auf der Musikebene wider, z.B. "Duisburg", "Unter der Fuchtel des Unterbewussten" oder "Typ, Lederjacke, in der Ecke stehend“. Fügt ihr Text und Musik quasi zusammen oder schreibt ihr Lyrics erst zur Musik?

Kamerun: Sie kommen erst später auf die Musik drauf. Bei uns kommt niemand mit einem fertigen Song ins Studio, der dann aufgenommen wird. Irgendwann hat man die Praxis, so dass es nicht wirkt, als gehöre es nicht zusammen. Es ist nicht so einfach, weil die Rhythmik jeweils auf die Stücke völlig neu gebaut werden muss.

Gaier: Es ist eine sehr gute Herausforderung, z.B. bei so etwas wie "Unter der Fuchtel des Unterbewussten“. Man hört es und denkt: Wo kann da jetzt der Text rein? Das und der vorhandene Rhythmus beeinflusst natürlich das Texten selbst. Sonst hat man oft schon ein paar Zeilen und bastelt dazu eine Melodie, aber so kommt man zu interessanten Ergebnissen. Deswegen haben wir das, obwohl es ein bisschen mühsam ist, so kultiviert.

Das ist eine originellere Form von Rockmusik, bei der wir es schaffen, etwas zu machen, was vielleicht bestimmte Referenzen antriggert, aber trotzdem eine sehr eigene Form ergibt. Wir haben schon sehr früh versucht wegzukommen von standardisierten Formen des Songwritings.

Kamerun: Ich bin es mittlerweile gewohnt in einen Text eine Art Melodie reinzubringen oder ihn irgendwie zu rhythmisieren. Damals bei den ersten längeren Texten, z.B. über die Progrome in Deutschland bei "Das bisschen Totschlag", wollten wir ja keinen Rap imitieren.

Weiter zu den Zitronen über blöde Backstagepässe, Kanye West und radikalste Kunst, die am schnellsten im Museum landet.

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