1978 bis 1985: Wiens schnelle Jahre als Buch

Zwischen 1978 und 1985 muss man in Wien gewesen sein. Ein neu aufgelegtes Buch erzählt in Bildern und Texten von der Aufbruchsstimmung dieser besonderen Zeit.

Drahdiwaberl-Performance mit Falco (li.), ca. 1980 Foto: © Clarisse Grumbach-Palme

Mit dem Ende der 70er-Jahre ließ Wien das Muffige der alten Zeiten hinter sich und stieg zur schillernden Metropole auf. Geprägt von New Wave, Punk und Neuer Deutscher Welle, Hainburg, Galerien- und Lokalboom entfaltete sich die „Idealzone Wien“. Das gleichnamige, vor Kurzem in zweiter Auflage erschienene Buch erinnert in dokumentarischen bis launigen Beiträgen an die „schnellen Jahre“. Mitherausgeber Martin W. Drexler im Interview.

Nivea und A-gen 53 im Metropol, 1981 © Michael Snoj
Nivea und A-gen 53 im Metropol, 1981 © Michael Snoj

„Jede Generation ist der Annahme, dass ihre Zeit die beste ist“ – dieser Satz steht als Zitat von dir auf der Rückseite des Buches „Idealzone Wien“. Ich gehe davon aus, dass ihr das aus eurem Blickwinkel über die Jahre 1978 bis 1985 sagt, dass ihr das aber natürlich auch humorvoll relativiert. Was macht für euch diese Zeit aus?

Das ist mir deswegen eingefallen, weil wir bis dahin immer von unseren Urgroßeltern, Großeltern, Eltern und Verwandten gehört hatten, dass dieser oder jener Zeitabschnitt vor uns angeblich so viel besser war. Und nun waren plötzlich wir es, die die 80er in Wien als die beste Zeit für sich in Anspruch nahmen und ja teilweise auch noch nehmen. Wien in den 80ern war einfach auf allen Ebenen ein absolut unbeschwertes Drauflos – und das auch nur mit eigenem Kapital, ohne auf eine Förderung von der Stadt oder vom Staat gewartet zu haben, wie dies heute von den sogenannten Start-ups regelrecht erwartet, ja fast eingefordert wird.

The Vogue, Gary Danner und Ronnie Urini, 1980 © Michael Snoj
The Vogue, Gary Danner und Ronnie Urini, 1980 © Michael Snoj

Was von damals war oder ist Wien-spezifisch?

Die Wiener Kunstszene, die durch den Glücksfall Peter Pakesch und seine kleine Galerie in der Ballgasse entstanden ist. Die typische Wiener Beislszene, die damals regelrecht explodiert ist. Es gab ja zur Hochblüte fast jeden Abend zumindest eine Lokaleröffnung, die nur durch Flyer und Mundpropaganda angekündigt war. Das U4 mit der U-Mode – lach mich bitte nicht aus – die im U4 und danach in den damals noch nicht umgebauten Hofstallungen (im heutigen Museumsquartier; Anm. d. Red.) so etwas wie die Vorwegnahme der Londoner, der New Yorker bzw. der Berliner Fashion Week gewesen ist, aber aus den verschiedensten Gründen sich leider nicht weiterentwickeln konnte. Und das dadurch entstandene generelle Aufblühen der Stadt, natürlich auch durch die damals legendären Stadtfeste, die Eröffnung der Donauinsel als unglaublich vielfältiges Naherholungsgebiet zusätzlich zur Lobau, und noch vieles mehr. Diese wichtigen Bausteine haben dazu beigetragen, dass Wien sich ab dieser Zeit als unglaublich lebenswerte Stadt entwickeln und behaupten konnte und kann.

Tom Pettings Hertzattacken, 1982 © Clarisse Grumbach-Palme
Tom Pettings Hertzattacken, 1982 © Clarisse Grumbach-Palme

Liest man die Liste der Beitragenden durch – etwa mit Walter Gröbchen, Manfred Klimek, dem leider heuer verstorbenen Gert Winkler, Karin Resetarits und anderen – gewinnt man den Eindruck, dass zum einen überdurchschnittliche viele der Protagonisten der damaligen Zeit in der Medienbranche gelandet sind und dass zum anderen viele heute noch aktiv sind. Also auch in dem Sinne, dass sie Schlüsselrollen innehaben, die vielleicht auch schon jüngere Leute übernehmen hätten können.

Die Medien generell haben sich ab den 80ern konsequent neu- bzw. weiterentwickelt, ich erinnere hier nur an das Printmedium Wiener, das Gert Winkler erfunden hat. Und die Tatsache, dass heute noch so viele in Schlüsselpositionen von wichtigen Medien – nicht nur in Wien – arbeiten, zeigt, dass diese Menschen offensichtlich weiterhin exzellente Arbeit leisten. Und in den Privatradio-  und privaten TV-Anstalten oder bei FM4 arbeiten auch schon deutlich jüngere Leute. Hab ich selbst gesehen.

U4, Peter Savic und Modelle, 1981 © Michael Snoj
U4, Peter Savic und Modelle, 1981 © Michael Snoj

Neben deinem Job als Digitalspezialist lehrst du auch als Medienprofessor an der Graphischen in Wien, wo du ebenfalls immer viel mit jungen Menschen zu tun hast – und ich weiß, dass du diese sehr schätzt. Deswegen frage ich dich, ohne Angst davor, nun Negativklischees zu hören: Wo siehst du die größten Unterschiede und Entwicklungen zwischen den Generationen von heute und damals?

Wie schon in der ersten Frage angesprochen, wollten wir einfach raus und weg von daheim, wir waren ein Generation von Nestflüchtern. Und wir wollten einfach alles ausprobieren, selbst machen, auf niemanden warten. Die Generation jetzt besteht eher aus Nesthockern, die sich größtenteils von den Sozialen Medien sedieren lassen. Das Schlimmste ist meiner Meinung nach aber Folgendes: Während die Punks eigenständig und freiwillig aus kalkuliertem Trotz „No Future“ proklamierten, wird dies der Generation von heute und morgen leider von den Politikern beschert.

Punkfrisuren von Peter Savic im U4, 1980 © Michael Snoj
Punkfrisuren von Peter Savic im U4, 1980 © Michael Snoj

Gibt es überhaupt Generationen – oder nur Szenen in bestimmten Umfeldern?

Ich bin überzeugt, dass sich – egal wo – die jeweiligen Szenen schlichtweg generationsbedingt formieren, ja formieren müssen, außer diese sind rein politisch bedingt. Punk war ja auch nix für über 40-Jährige und auch die Idealzone Wien war den Lodenmänteln aus den schicken Wiener Bezirken einfach zu suspekt.

Wie schätzt du die Tatsache einer weitreichenden Digitalisierung ein? Was wäre damals mit diesen Möglichkeiten passiert oder hätten diese vieles auch gar nicht entstehen lassen?

Schwer zu sagen, aber wir haben uns trotzdem immer dort getroffen, wo wir es uns teilweise Wochen vorher ausgemacht hatten – ohne Smartphones und deren adaptive Devices. Für die heutige Generation schlichtweg nicht nachvollziehbar. Wir hatten einfach eine ungleich kompaktere und konsequentere Kommunikation drauf, als dies die heutige Generation mit den sogenannten Sozialen Medien schafft, weil wir die damaligen Kommunikationskanäle besser und ernsthafter ausgereizt haben.
Dazu ein Beispiel, das wohl alles sagt: Als der damalige Bundeskanzler Sinowatz am Morgen des 19. Dezember 1984 den Startschuss zur Rodung der Hainburger Au gab und es deshalb zu Tumulten zwischen den Aubesetzern und der Gendarmerie kam, sind am selben Abend in Wien um die 40.000 Menschen friedlich, aber mit einer unglaublichen Symbolkraft, über den Ring zum Ballhausplatz gezogen. Und das alles ohne Soziale Medien, SMS, Twitter oder WhatsApp – lediglich via Telefon und Fax koordiniert. Das hat die Regierenden so dermaßen in Angst versetzt, wie sich blitzartig so viele Menschen eigenständig mobilisiert haben, dass das Kraftwerk in Hainburg sofort vom Tisch war.
Das extrem Positive in und an Wien heute, das es aufgrund der technischen Umstände bis 2010 gar nicht geben konnte, sind das Open Government und die Open-Data-Angebote der Stadt, was bedeutet, dass durch die Datentransparenz die offene Zusammenarbeit zwischen der Verwaltung, der Politik und der Öffentlichkeit nun möglich ist und konsequent ausgebaut wird. Hier ist Wien weltweit federführend.

 

„Idealzone Wien – Die schnellen Jahre (1978–1985)“, herausgegeben von Martin W. Drexler, Markus Eiblmayr und Franziska Maderthaner, ist vor Kurzem in zweiter Auflage im Falter Verlag erschienen.

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