»Wir wollten die Musikgeschichte revolutionieren« – Gabi Delgado-López von DAF im Interview

Mit minimalistischen, rein rhythmusbasierten Tracks, einer Mischung aus kühler Nazi-Ästhetik und heroisierendem Ostblock-Design schrieben DAF Anfang der 80er-Jahre Musikgeschichte. Ihr Ansatz: alles hinterfragen, alle provozieren und Musik komplett neu denken. Morgen gibt das Duo eines seiner seltenen Livekonzerte, in der Grellen Forelle in Wien.

© Sabine Raef

DAF, kurz für: deutsch-amerikanische Freundschaft, gelten als Pioniere der Electronic Body Music. Die Alben, die das Duo in den frühen 80er-Jahren veröffentlichte, wirken bis in die Jetztzeit. House, Techno und sämtliche Subgenres wären ohne Gabi Delgado-López’ und Robert Görls Musikvision heute nur schwer vorstellbar. The Gap traf Delgado-López im Vorfeld des längst ausverkauften Wienkonzerts der Band zum Interview – um mehr über DAF, ihre Geschichte und aktuellen Pläne herauszufinden.

Es gibt jetzt sechs neue Remixes und in der Vinylversion der DAF-Box eine 7-Inch mit zwei neuen Songs sowie ein brandneues Buch über euch. Ist das eine Renaissance von DAF?

Gabi Delgado-López: Wir haben uns immer dem Druck der Industrie widersetzt, waren freiheitsliebend und sicher keine pflegeleichten Künstler. Damals und jetzt machen wir Dinge, die uns Spaß machen, bei denen die Post abgeht. Das ist für uns das Entscheidende. Die beiden neuen Lieder haben gutes Feedback bekommen und im Herbst des kommenden Jahres wird es ein neues Album von uns geben.

Was erwartet uns beim Konzert in Wien: Spielt ihr live immer noch mit 20 Tapedecks auf der Bühne, die den artifiziellen Charakter von DAF unterstreichen?

Nein, wir spielen nicht mehr mit Tapedecks (lacht). Wir spielen pro Jahr vielleicht mal zehn Konzerte. Wir sind keine Tour-Band, das liegt uns nicht. Wir wollen keine Routine, wir wollen viel lieber Konzerte, bei denen alles frisch klingt und der Spaß an der Sache absolut im Vordergrund steht. Wir sind nach wie vor zu zweit auf der Bühne und haben dort unsere CD-Player samt Mixer, die aber nicht wie in den 80er-Jahren auf der Bühne inszeniert werden. Wir spielen in Wien also ein klassisches DAF-Konzert mit minimalistischer Bühnenshow. Und nein, wir spielen auch keine Nummern von unseren Soloprojekten. DAF only!

DAF: Robert Görl und Gabi Delgado-López (unten) © Sheila Rock

Was macht DAF eigentlich aus?

Ich war früher mal ein Punk. Robert hat das hingegen nicht interessiert. Punk zu sein war toll, aber die Musik war viel zu herkömmlich, viel zu traditionell mit Gitarre, Bass usw., das war nicht Punk. Und wir wollten nie eine Rock-’n’-Roll-Kapelle sein, aber auch nicht wie Kraftwerk klingen. Wir wollten die Musikgeschichte mit unseren Vorstellungen von reduzierter Synth-Musik revolutionieren, wir wollten die Hörgewohnheiten der Menschen ändern. Das stand im Vordergrund. Wir wollten auch keine klassischen Songwriter werden, sondern hatten die Vision von rhythmusbasierten Tracks auf Basis von Synthesizer-Sequenzen. Körperbetonte, glasklare, absolut tanzbare Musik, die mit den passenden Texten eine Einheit bilden.

Wie seid ihr von der eher klassischen Bandformation zum Duo geworden?

Zuerst suchten wir nach der Gründung der Band Musiker, die zu unseren Vorstellungen von Musik passten. Man darf nicht vergessen, dass die Musikinstrumente und vor allem die Synthesizer damals sehr teuer waren. Robert und ich merkten dann aber, dass diese klassische Besetzung nicht passte, und es gab Unstimmigkeiten in der Band. Erst als wir zu zweit waren, konnten wir unsere Ideen besser umsetzen – nämlich noch straighter und noch minimaler zu spielen.

DAF leisteten Pionierarbeit, was Electronic Body Music betrifft. Wie habt ihr eigentlich eure Songs geschrieben?

Wir haben als erstes die Sequenzen am Synthesizer zusammengestellt, und zwar vollkommen unabhängig von den Beats. Danach kam der »Tanzcheck«, bei dem es einfach darum ging, ob dieses Grundgerüst tanzbar war. Wenn ja, kamen als nächstes die Beats dazu, erst ganz am Schluss der Gesang.

Hat es eine Arbeitsteilung zwischen dir und Robert gegeben?

Ja, es hat sich im Laufe der Zeit herauskristallisiert, dass Robert die Komposition machte und ich die Texte. Zusammen mit Conny Plank, dem Studiobetreiber, habe ich die Produktion mit den ganzen technischen Details übernommen.

Auf der nächsten Seite: »Tonkutscher« Conny Plank und seine Studiotricks, die DAF-Ästhetik und Freiheit statt Schlager

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