Wozu der ganze Zirkus?

Der Neue Zirkus ist ein umfassendes Kunstwerk, das aus mehreren Disziplinen schöpft. Weg von Tieren, Attraktionen, Wohnwagen, und meist auch weg vom Zelt.

Angsteinflößende Clowns beschäftigen nicht nur die Popkultur – man denke an den Stephen King-Thriller »Es« – Studien belegen auch, dass viele Kinder die geschminkten Bespaßer gar nicht lustig finden und sich eher vor ihnen fürchten. Tut man das auch im Erwachsenenalter noch, spricht man gar von Caulrophobie – so wird die pathologische Angst nämlich bezeichnet. Zur Beruhigung: Der Neue Zirkus, Gegenstand dieses Artikels, hat mit der klassischen Vorstellung von Clowns nur mehr wenig zu tun. Clowneske Stücke gibt es zwar nach wie vor, mit Klischees und Luftballons wird jedoch aufgeräumt. Der Neue Zirkus ist eher eine Verschmelzung aus den verschiedensten Kunstformen wie Tanz, Theater, Performance und bildender Kunst.

Neue Förderung

Nachdem dem österreichischen Bundeskanzleramt für Kunst und Kultur dieses Jahr mehr Geld zugestanden wurde, ist der Zirkus erstmals in die Förderrichtlinien aufgenommen worden. Der – zwar relativ kleine – Topf mit ungefähr 200.000 Euro ist für heimische Artisten und Artistinnen nicht nur finanziell von Bedeutung. Die neue Förderung ist auch aus emotionaler Sicht wichtig. Denn zeitgenössischer Zirkus wurde hierzulande bisher nie als Kunstform anerkannt, sondern als reine Unterhaltung mit kommerziellen Absichten abgetan. Elena Kreusch vom Verein KreativKultur spricht von einem »revolutionären Schritt« für die Branche. Der hat lange gebraucht und ist ein Ergebnis langjähriger Bestrebungen vor allem der IG Kultur Österreich, des Jugendzirkus KaOs und des Vereins KreativKultur.

Neue sinnvolle Kunst

Neuer Zirkus bricht mit den kindlichen Träumen und Erinnerungen an seine traditionelle Form. Attraktionen wie zersägte Jungfrauen, Zauberer und tanzende Bären sucht man hier vergebens. Letzteres wäre in Österreich ohnehin nicht mehr möglich, denn seit 2005 ist die Vorführung von Wildtieren verboten. Entwickelt hat sich »Nouveau Cirque« in den 70er-Jahren in Frankreich. Künstlerinenn und Künstler begannen den klassischen Zirkus in Frage zu stellen. Sie wollten mit seinen Methoden experimentieren, um daraus eine »sinnvolle« Kunst zu kreieren, in der sie auch soziale, persönliche oder politische Aussagen machen können.

Neue Kommunikation

Wie bei allen Kunstformen können dieselben Werkzeuge dennoch unterschiedliche Welten hervorbringen. Ein völliger banaler Vergleich: Ein Showgirl in Las Vegas zeigt Tanz mit einer anderen Intention, als Doris Uhlich im Wiener Brut – auch wenn beide dabei vielleicht nackt sind. Im traditionellen Zirkus geht es um spektakuläres, risikoreiches und scheinbar übermenschliches Können. Es gibt Helden, die in der Manege etwas Unglaubliches vollbringen. Ein fliegender Trapezakt zum Beispiel löst Erstaunen bei den Zusehern aus. Die meisten Performances werden nach ähnlichen Showformeln aufgebaut, um positive Emotionen bei Publikum zu bewirken. Moderner Zirkus hingegen strebt ein viel breiteres Ausdrucksspektrum an. Er ist unterhaltend, ohne gleichzeitig kommerziell zu sein. Er zeigt nicht nur akrobatische Hochleistung, sondern erzählt immer auch eine Geschichte. Und die kommt ohne Worte aus: Es werden Kommunikationswege gefunden, die jenseits von Sprachen, Landesgrenzen und Kulturkreisen funktionieren.

Neues Körperbild

Gleichzeitig wird auch das Körperideal des klassischen Zirkus dekonstruiert: Scheitern und somit auch Menschlichkeit werden zugelassen. Der Neue Zirkus zerlegt oftmals ungleiche Gesellschafts- und Geschlechterverhältnisse kritisch und künstlerisch: Beim französischen Trio Cirque Inextremiste beispielsweise, das beim Winterfest in Salzburg zu Gast war, springen und schlagen zwei der Artisten Saltos auf langen Holzbrettern, die auf Gasflaschen liegen. Der dritte, Rémi Lecocq, ist seit einem schweren Sturz querschnittgelähmt und sitzt im Rollstuhl – balanciert dennoch auf den wackeligen Flächen. Seine Behinderung wird von den anderen belustigt zur Schau gestellt. So sehr, dass es das Publikum peinlich berührt. Dennoch ist das Trio letztendlich aufeinander angewiesen, denn die Konstruktion kann nur durch das Gewicht aller im Gleichgewicht bleiben. Neben ihren akrobatischen Kunststücken zeigen sie mit viel schwarzem Humor ein Gleichnis für das menschliche Zusammenleben – wo ohne Solidarität nichts funktionieren würde.

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Bild(er) © Bild 1: Die brasilianischen Brüder Luis und Pedro Sartori do Vale treten mit ihrem Projekt "Dois" beim La Strada Festival auf. Bild 2: Auch die schwedische Kompanie Cirkus Cirkör mit ihrer neuen Produktion "Limits". Fotocredit: Mattias Edwall. Bild 3: Das österreichische Trio Dada Zirkus sind Roxanne Szankovich, Arno Uhl und André Reitter. Fotocredit: Franzi Kreis. Bild 4: Das franzöische Trio Cirque Inextremist mit ihrem aktuellen Programm "Extension". Fotocredit: Jean Pierre Estourne. Bild 5: The 7 Fingers aus Kanada sind gerngesehene Gäste in Österreich. Fotocredit: Alexandre Galliez
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