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1 200 000 Tonnen Honig werden weltweit pro Jahr produziert. Alles Diebstahl, sagen radikale Tierschützer. Brauchen wir das Wahlrecht für Bienen?

Das Domizil der dem österreichischen Verhaltensforscher nachempfundenen Romanfigur Ludwig Kaltenberg in Dresden ist ein Habitat für viele Arten. Die Dohlen leben im Dachgeschoß, das Untergeschoß gehört den Fischen, die Enten sitzen am Teppich und ein Freigeist namens Kakadu ist Pendler zwischen den Welten. Für Menschen sind keine freien Stühle reserviert. Wenn Exemplare des Homo Sapiens ins Haus kommen, zeigen sie sich in Marcel Beyers Roman »Kaltenberg« schnell mal belustigt über den weltberühmten Biologen. Sie müssen sich schon ziemlich zusammenreißen, damit ihnen eine ernsthafte Frage auskommt: »Warum machen Sie das?« »Ich studiere«, antwortet der spinnerte Herr Professor. »Was ist an den Tieren so interessant?« Kunstpause. »An diesen Tieren? Welche Tiere? Ich studiere euch.«

Ähnliches würde vielleicht auch der Dokumentarfilmer Nicolas Philibert über seine Doku »Nénette« sagen, die ein Orang-Utan-Weibchen im Zoo in ihrem Alltag – und gerade aufgrund der Abwesenheit einer interpretativen Anleitung umso insistierender fragt: Was sehen wir, wenn wir Tiere betrachten? Was sehen die Tiere in uns? Die ehemaligen Labor-Affen, die im bei der Berlinale 2013 laufenden Film »Unter Menschen« gezeigt werden, würden wohl sagen: nichts Gutes. Denn sie waren gewiss voller Hass auf die Menschen, die sie nur als Wärter kannten. Die 40 schon als Babys verschleppten und nach Österreich verschickten Schimpansen sind durch medizinische Experimente mit HIV- und Hepatitisviren verseucht und lebten jahrelang in Isolationshaft. 2012 sehen die traumatisierten Tiere nach einem behutsamen Resozialisierungsprogramm erstmals wieder freien Himmel. Die Freiheit ist allerdings relativ und der Himmel nur ein Fragment über einem Gefängnishof, bewehrt durch vier Meter hohe, unter Starkstrom gesetzte Mauern.

Antispeziesmus

Die sich rasant entwickelnden Animal Studies stellen die Frage nach Freiheit und Autonomie der Tiere in den Mittelpunkt ihrer politischen Hoffnungen. Sie treffen damit offenbar einen Nerv, den etwa die Documenta 13-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev in ihrer vorschnell als typischer Kunstsprech-Gagaismus weggelächelten Forderung nach einem »Wahlrecht für Erdbeeren« ebenfalls angezapft hat. Dahinter steckt nämlich eine um sich greifende, tiefe Verunsicherung über das Verhältnis von Mensch und Tier. Je mehr wir über Tiere wissen, desto weniger sind wir uns sicher, was eigentlich unseren Sonderstatus als diejenige Spezies, die sich die anderen ungefragt und ungestraft untertan machen kann, legitimiert. Wir teilen mit Tieren die Welt, wir beuten sie aus und schlachten sie als Nutztiere, verhätscheln sie als Haustiere, bekämpfen sie als Schädlinge, bestaunen sie als unsere mehr oder weniger engen Verwandten im Zoo.


Tiere, das weiß jeder Hundebesitzer, können denken, sie haben Gefühle, sie benötigen Rechte und sie sind keine Sachen wie vor Gericht. Der »akademische Arm der Tierschützer« (Heiko Werning) kämpft für deren Aufwertung im Namen des Antispeziesmus. Der Antispeziesmus ist eine Ausweitung der Anti-Diskriminierungsmaßnahmen wie dem Antirassismus oder dem Antisexismus auf nicht-menschliche Lebensformen. Die Forderung nach dem Wahlrecht für Erdbeeren klingt, wenn Tiere per Dolmetscher eine parlamentarische Stimme erhalten sollen, wie es etwa Bruno Latour vorschlägt, also gar nicht mehr so absurd. Denn Tiere sind unsere Compagnion Species, wie es die feministische Cyborg-Vordenkerin Donna Haraway formuliert. Wer etwa im komplexen Verhältnis Hund-Mensch wen domestiziert, sei gar nicht so klar. Will das pawlowsche Frauchen und Herrl am Ende nur das, was der sich blöd stellende ehemalige Wolf immer schon wollte: Futtergeben auf Blickkommando statt jagen bis zum Abwinken?

Die Konsequenz dieser Aufweichung der (biologisch ohnehin nicht zu argumentierenden) Hierarchien der Arten ist die Verabschiedung der Legitimität des Menschen, den Tieren seine Herrschaft aufzuzwingen. Der Mensch ist das Tier, das es geschafft hat, sein Tier-Sein zu zügeln, sagt Jonathan Safran Foer. Der Schriftsteller hatte mit seinem Buch »Tiere essen« die Debatte um Fleischkonsum und die industrielle Ausbeutung der Tiere neu entfacht. Wir Menschen haben im Unterschied zu den Tieren die Wahl, sekundieren die radikalen Tierschützer. Ginge es nach deren Willen, dürften Tiere nicht nur nicht gegessen, sondern auch nicht in Zoos oder als Haustiere gehalten, geschweige denn in Hühnerfarmen oder in Ställen gehalten werden (Freiheitsberaubung). Jede Form von Ausbeutung (Reiten, Melken, Eiersammeln), jeder Diebstahl (Honig) sollte verboten werden, und auch die Haltung von Wildtieren sei problematisch, weil diese ein Widerspruch in sich sei.

Eigenartig an der Anwaltschaft für die geknechteten und ihrer Natur entfremdeten Tiere ist aber, dass sich die vertretene Gruppe im Unterschied zu von Rassismus und Sexismus Betroffenen nicht zu Wort melden kann. Ihre Stimme ist die von Menschen, die menschliche Anliegen als tierische ausgeben. Die Fürsprecher einer transhumanen Moral projizieren Errungenschaften der Aufklärung und der Political Correctness auf unsere Companion Species. Ist für ein Tier die Freiheit wirklich in jedem Fall das größte Gut – oder führen Tiere, die nicht dem Stress der Dauerjagd und der Dauerverfolgung durch andere Jäger ausgesetzt sind, vielleicht ein komfortableres Leben? Will ein Garfield lieber fernsehen oder autonom Mäuse jagen? Und welches Menschentier kann und darf das beurteilen – außer Garfield selbst?

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