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50 Prozent der US-Amerikaner sind mittlerweile für gleichgeschlechtliche Ehen. Werden wir sogar noch eine queere Präsidentin erleben?

»Sexualität hat keine Lobby«, beklagt die amerikanische Historikerin Dagmar Herzog in einem Interview in der TAZ. Sie meint aber offenbar die progressive Sexpolitik. Vom sexuellen McCarthyismus und seiner Abstinenzerziehung weiß sie nämlich Übles zu berichten. Sie erinnert an den Wahlkampf der Republikaner, in dem nicht nur die üblichen Antiabtreibungstiraden erschallten, sondern auch das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch im Fall einer Vergewaltigung in Abrede gestellt wurde. Abseits der in Sonntagsreden verordneten Neo-Keuschheit plappert und produziert freilich nicht nur das freie Unternehmen in Form der Sexindustrie, sondern formiert sich auch politischer Widerstand. Der hat sehr wohl eine mächtige Lobby, nämlich die Obama-Administration. Die nun aus der Regierung geschiedene Hillary Clinton hat nicht nur Frauenrechte mit Menschenrechten in eins gesetzt, sondern auch die Anliegen von Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen auf die Agenda gesetzt. Mittlerweile wirbt auch Obama für die gleichgeschlechtliche Ehe im puritanisch geprägten Amerika.

In den Werkstätten der Kunst, den urbanen Szenen und an den Unis ist man natürlich schon einen Schritt weiter. Die auf Verwirrtaktiken zwischen Identitäten spezialisierte deutsche Band FSK hat einmal in einem Song gefragt: Warum kann dein Mann nicht lesbisch sein? Ein Künstler wie Tobaron Waxman macht Performances, in denen er sich Bart und Haare rasiert und dann auf jiddisch und hebräisch alte Lieder oder Versionen von Lou Reeds »Candy Says« singt, die von einem Anders-Werden voller Hoffnung erzählen. Es geht um den Übergang, um eine »queere Diaspora«, um die Bewegung zwischen Oppositionen wie Mann und Frau.

Wenn man sich solche selbstbewussten transsexuellen Aushängeschilder ansieht, die auch andere Bühnen der Selbstdarstellung wie Theater, Clubs oder Bars bevölkern, könnte man meinen: Das Lesbisch-Werden der Männer geht doch eh! Männer und Frauen, das ist oldschool. In einem Facebook-Kommentar schlug vor einigen Monaten übrigens jemand in seinem heterosexuellen Jammer vor, ein Museum für die prähistorischen Gattungsirrtümer Mann und Frau einzurichten, auf dass künftige Generationen überhaupt noch wissen, was damit einmal gemeint war.

Im Reich der Gender-Freiheit

In der aktuellen Musikdoku »Turning« von Charles Atlas bekommt die queere Entourage von Transgender-Star Antony Hegarty ihren großen Glam-Auftritt. Man räkelt sich auf Drehbühnen, während Antony am Piano die Zumutungen einer untergehenden Welt der Geschlechteridentitäten im großen Seufzen und Schmachten endgültig verabschiedet. Wir sehen Stars von der Straße, die ihre Warhol-Lektion gelernt haben und sich in der medialen Projektion als überlebensgroßes Bühnenbild narzisstisch überhöhen.


Die November-Retro im Wiener Filmmuseum über die 60ies-Camp-Ikone Jack Smith dürfen die Performer wohl auch mit gutem Gewissem geschwänzt haben. Denn dessen in Exotismen und viel Musik getränkten Liebeserklärungen an das Gewimmel der Hände, Münder und anderer Partialobjekte gehören sowieso zur ästhetischen Grundausbildung. In »Turning« hingegen hat das bei Jack Smith ins kollektive Taumeln gebrachte Individuum wieder festen Grund unter dem Boden.

Es will stolz und selbstbestimmt in eine Welt blicken, die ihm ein Anderssein ermöglicht. In den eingestreuten Interviewpassagen zwischen den Selbstdarstellungsritualen erzählen die Protagonisten dann teilweise auch recht ungeschminkt von ihrem Coming-out und dem Übertritt aus dem Reich des sexuellen Identitätsterrors in das Reich der Gender-Freiheit. Früher war man vielleicht eine todunglückliche Kellnerin in der Vorstadt, aber »Today I am a boy« auf der Bühne, wie ein zentraler Song von Antony heißt.

Ist das der Moment, in dem sich queere Lebenspraxis und die eher akademische Frage nach der »queeren Abstraktion«, also nach einer Ausweitung eines nicht normativen Denkens von Gemeinschaft und Identitäten, treffen? Die an der Akademie der Bildenden Künste in Wien laufende Ausstellung »Rosa Arbeit auf goldener Straße« spürt etwa den Freiheitsversprechungen eines Lebens im Gedenken an Rosa von Praunheims frühen schwulen Gegenentwürfen zur »Heteronormativität« nach. Es geht dabei nicht nur um die flamboyante Geste der Überschreitung, sondern auch um die Mühen des Alltags.

Jenseits aller Lust an den sexuellen Parodien, an der Umwertung der Zeichen in der Maskerade und den Genderdekonstruktionen erscheint freilich oft ungeklärt, auf wen oder was sich eigentlich ein libidinöses Begehren richtet, das sich nicht um Subversion kümmert. Eine heute unvorstellbare Szene in der ersten Staffel von »Mad Men« zäumt das Pferd von der anderen Seite auf. Bürohengste im weißen Hemd jagen durch die Gänge und heben die Röcke der Sekretärinnen, um die Farbe der Unterhosen zu verifizieren – Wette gewonnen und noch einen Whiskey, Sweetheart!

Es sind Was-kostet-die-Welt-Typen in der New Yorker Überflieger-Werbeagentur von 1960, angeheizt durch ein paar After-Work-Drinks.Die Männer sind außer Rand und Band, die Frauen sind – ja was eigentlich? Auf jeden Fall bleiben sie offenbar lieber am Ort des Geschehens als nach Hause zu gehen. Am nächsten Morgen krabbeln aus den einzelnen Büros die verkaterten Paare der Nacht und richten sich die Haare zurecht. Das eben gar nicht subversive, sondern zwanghafte Rollenspiel namens heterosexistischer Alltag hat sie wieder. Die Frauen müssen ins Vorzimmer, die Männer lassen sich von ihnen den Kaffee servieren.Trotzdem: Kann es sein, dass auch die Frauen in der Nacht ihren Spaß an der Party hatten

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