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1.087 Schritte in etwas über 17 Minuten. So lange braucht der Körper von Romuald Karmakar, um die Ausdehnung der Längsseite des Vernichtungslagers Madjanek zu erfahren. Und unser Kopf?

Die erste ungeschnittene, vom Schritte mitzählenden und über die Anstrengung keuchenden O-Ton des Regisseurs begleitete Einstellung von „Land der Vernichtung“ (2004) zeigt, wie sich ein neugieriges Auge einer Vergangenheit nähert, deren Sichtbarkeit im wuchernden Grün des polnischen Sommers zu verschwinden droht. Umgekehrt wirken die medialen Repräsentationen des Holocaust, die Leichenberge, die ausgemergelten, befreiten Opfer, die Massengräber und die Stacheldrähte wie eingebrannt in unser kollektives Gedächtnis. Und doch gelten sie, trotz aller schockhaften Monströsität, nicht mehr als Nullpunkt der Bilder. Oft scheint es gar, als seien sie zur didaktischen Routine, zum leeren Ritual der sogenannten Vergangenheitsbewältigung oder zum Wirklichkeitsbeglaubigungsmaterial für diverse TV- und Kino-Rührstücke herabgesunken. Was, fragt nun ein eigensinniger und kompromissloser Filmemacher wie Karmakar, kann man diesen „einsortierten“ Bildern über den Holocaust heute noch hinzufügen? Wie kann man die Auswirkungen der Geschichte im Hier und Jetzt mit filmischen Mitteln erfassen? Es sind unter anderem solche Problemstellungen, die ab dem 20. März idie m Wiener Filmmuseum laufende Retrospektive des singulären und vielseitigen Regisseurs (verantwortlich u. a. für „Der Totmacher“ mit Götz George und eine Trilogie zur elektronischen Musik) auszuloten versucht.

Der 45-Jährige mit dem französischen Pass, der in Athen zur Schule ging, später in München lebte, sich dort für Film, Fußball und Punk interessierte und heute in Berlin arbeitet, wählt jedenfalls in „Land der Vernichtung“ einen Zugang, der physische Erfahrung und analytische Abstraktion verbindet. So zeigt die 140-minütige Erkundung des Raums um die ehemaligen Vernichtungslager Madjanek, Treblinka, Sobibor und Belzec in Südostpolen einen neugierigen Mann mit Kamera, der nicht nur die stummen Ruinen registriert, sondern sie in Beziehung zum Leben im heutigen Polen setzt. Da erzählen Zeitzeugen in lichten Wäldern, die zur Tarnung der Orte des Verbrechen in den letzten Kriegsmonaten gepflanzt wurden, von den einstigen Brutalitäten vor Ort. Und da hört ein Teenager, der mit seiner Familie in unmittelbarer Nachbarschaft des Lagers Sohibor lebt, während des Besuchs von Karmakar in der Wohnung eine okkulte polnische Metal-Band namens Kat (Henker).

Es sind solche zufälligen Funde, die die stumme Vergangenheit wieder zum Sprechen bringen und uns gleichzeitig etwas über die Normalität der Verdrängung erzählen. Dabei ist „Land der Vernichtung“ selbst nur Vorarbeit. Genauer: Resultat einer zweiwöchentlichen Recherche vor Ort, initiiert durch das Studium von 12.000 Seiten an Strafakten der Hamburger Staatsanwaltschaft, die wiederum die Grundlage für einen bislang nicht realisierten Spielfilm über die Verbrechen des Hamburger Polizeibataillons 101 bilden sollen. Dessen Arbeitstitel liefert ein Zitat eines Täters: „Ich habe mich, und das war mir möglich, bemüht, nur die Kinder zu erschießen.“

//Verständnis für Täter, nicht Mitleid mit Opfern//

Auch in anderen außerordentlichen Filmen wie die durch einen Schauspieler herauspräparierte Rhetorikstudie „ Das Himmler-Projekt“, das die berüchtigte Posener Rede Himmlers vor SS-Führungspersonal 1943 zur Gänze in einem nüchternen Aufnahmestudio nachbaut, verzichtet Karmakar auf das vielstrapazierte Moment der Opfer-Einfühlung, das etwa auch kürzlich in einer Podiumsdiskussion von Ruth Beckermann kritisiert wurde. Die Wiener Filmemacherin regte dabei, als Alternative zu den üblichen Klassenfahrten nach Mauthausen, den Besuch von exemplarischen Orten der Naziverwaltung an. Denn vom Mitleid mit den Opfern, so Beckermann, lerne man nichts, vom Verstehen der Täter aber schon.

Die Podiumsdiskussion folgte übrigens der Premiere der Doku „Defamation“ des israelischen Regisseurs Yoav Shamir über die Auswirkungen eines globalen Wahns namens Antisemitismus. Dessen eindringlichste Momente wiederum finden sich weniger im Wettstreit der Argumente über die politischen Instrumentalisierungen des Antisemitismus, sondern in den Einsichten persönlicher Desorientiertheiten. Shamir begleitete etwa auch eine Gruppe israelischer Schüler nach Auschwitz. Deren Reaktionen schwanken zwischen sie selbst schockierender mangelnder Empathie, der Relativierung des palästinensischen Leids angesichts der Gaskammern und dem (sich selbst im nächsten Moment gleich wieder verbotenen) Wunsch nach Rache.

So kehrt die Geschichte hier wieder; traumatisch und nicht bewältigbar. Das ist das schwarze Loch, aus dem Tarantino seine Pulp-Version einer Rachefantasie schöpft und in das Oscar Röhler in seiner kruden Mischung aus wichtigtuerischem, streicherschwerem Ernst und karikaturhafter Exploitation in „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ trotz einiger tarantinoesker Szenen immer wieder zurückplumpst.

Auch in „Eine Freundschaft in Deutschland“, einer Super 8-Doku von Karmakar aus dem Jahr 1985, spielt dieses schwarze Loch des Nicht-Erzählbaren eine zentrale Rolle. In dem hinterfotzigen Filmessay über die fiktive Freundschaft eines erzählenden Spezis mit dem „Adi“ in Hitlers München heißt es nach allerlei abstrusen, ausschließlich privaten Anekdoten am Ende über die Übersiedlung von Hitler nach Berlin im Januar 1933 kurz und bündig: „Seitdem habe ich nix mehr vom Adi gehört.“

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