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… So viele Lampen hat der News-Ticker am New Yorker Times Square. Anfang der 80er Jahre war er außer Betrieb und die Stadt fast pleite. Dafür nistete sich an der ruinösen Lower East Side der Underground ein. Über das »Cinema of Trangression« von damals und die Überbietungslogik des Schocks von heute.

Fuck you. Laut Nick Zedd ist das der kleinste gemeinsame Nenner des Cinema of Transgression, dem derzeit in den Berliner Kunst-Werken die Ausstellung »You Killed Me First« gewidmet ist. Auf vier, den Zeitgeist des New Yorker Undergrounds zwischen 1983 und 1992 rekonstrierenden Stockwerken dröhnt, scheppert, kreischt und wummert der brachiale Sound der einschlägigen 80er Jahre Industrial- und Noisefiguren von den Swans bis zu J. G. Thirwell, die die akustische Atmosphäre zu vielen der (damals schon antiquierten) Super 8-Kurzfilmen beisteuerten. Im Eingangsbereich liegen Sonic Youth und Lydia Lunch in ihrem Musikvideo zu »Death Valley 69« blutüberströmt und erschossen in einem Haus, dazu fliegt eine Rakete, der Vietnamkrieg flackert auf, und Woodstock ist toter als je zuvor. Nach diesem furiosen Auftakt geht es hinein in ein Szene-Selbstbild, dass sich vom damaligen porn chic am Times Square genauso nährte wie von der täglichen Erfahrung eines eben erst dem Bankrott entronnenen rotten apple mit seiner korrupten, gewalttätigen Polizei und einer konservativen Wende in Washington unter Reagan, für die man nicht einmal Hohn und Spott übrig hatte. Das Epizentrum des Undergrounds war die Lower East Side, die an an manchen Ecken aussah wie eine zerbombte Stadt. Die Mieten waren billig, Drogen gab es an jeder Straßenecke. »Für mich sah die Stadt so aus wie das Ende der Welt«, sagt die Prinzessin der Dunkelheit, Lydia Lunch.

In den Filmen, die in ihrem pechschwarzen Humor auf verschlungen Wegen auch an die Queer-Avantgarde von Jack Smith andockten und die eher emanzipativ-experimentell ausgerichtete »No Wave«-Szene der späten 70er Jahre im Rückspiegel hatten, ging es hart zu Sache. Körper und Psyche wurden malträtiert, Macht und Ohnmacht zelebriert, gewalttätige Genderverhältnisse in XXX gefilmt. Geboten war, was verboten war. In einem Manifest von 1985 nimmt man sich vor, »soviel Regeln wie möglich zu brechen«. Vom Elternwegballern im Wohnzimmer in »You Killed Me First« über die Nekrophilie in der misogynen Nihilismusversuchsanordnung »Thrust In Me« bis zur tödlichen Tierquälerei samt elendsgeilem Drogenmissbrauch in »Rat Trap« und dem Skandal-Vergewaltigungstrip »Fingered« – immer wieder ging es darum, Deformiertheit ohne Wenn und Aber auszustellen. Heute kennt man die Lower East Side als gentrifizierte Kuschelecke der New Yorker Neo-Hipster. Manche von ihnen sehen das Ende der Welt in der Wall Street symbolisiert, während die Stadtverwaltung nicht mehr über Verbrechen und Drogen in Manhattan, sondern über den zweiten Erziehungsweg der Bürger in Form einer Festlegung des Salzgehalts von Speisen diskutiert.

Anti-moralisches Suhlen im Dreck

2010 entstand in Belgrad, einer Stadt, die noch in den 90er Jahren reale Bomben erlebt hatte, »A Serbian Film«, ein Bolero der Monströsitäten. »A Serbian Film« ist rasch zum Kultobjekt jener Hardcore-Horrorfans avanciert, die das ästhetische Korsett der politischen Korrektheit scheuen wie die Kettensäge einen leeren Benzintank. Das perfide Werk lässt sich aber nicht nur als systematisch jedes Tabu aufreißender Schocker verstehen, sondern auch als Stresstest über Umgangsweisen mit politischer Inkorrektheit. Die gepeinigte Hauptfigur, der Snuff-Movie-Darsteller Miloš, ist nämlich nicht nur realer Opfertäter, sondern soll auch als symbolisches Opfer der Brutalisierung Serbiens nach dem Krieg verstanden werden. Behaupten zumindest die Macher von »A Serbian Film«. Sie bemühen sich im Film durch vage Andeutungen über den Zustand Serbiens sowie in diversen Interviews darum, nicht auf einen platten Provokationsgestus reduziert zu werden (was sicher auch aus Gründen der Filmdistribution und der Filmfestivalakzeptanz gemacht wird). So wird der nackte Horror zu einer neuen Version des Cinema of Trangression umgedeutet. Das amoralische, oder genauer: anti-moralische Suhlen im Dreck wird durch einen zutiefst moralischen Beweggrund zu legitimieren versucht.

Anhand einer der abscheulichsten Szenen des Films, der Vergewaltigung eines neugeborenen Babys, identifiziert Regisseur Srdjan Spasojević die Opfer der filmischen Gewaltexzesse mit der Erfahrung, die er und seine Generation mit der serbischen Gesellschaft gemacht haben. In einem Interview mit dem US-amerikanischen Horrorfilm-Magazin Fangoria sagt er: »Wir wollten mit dieser Szene nicht provozieren, sondern nur unsere tiefsten und aufrichtigen Gefühle darüber ausdrücken, wie sehr wir uns verletzt fühlen. Das Baby repräsentiert uns und alle anderen, deren Jugend bzw. Unschuld uns von jenen genommen wurde, die uns heute mit undurchsichtigen Absichten regieren. Mit dieser Szene haben wir nur eine literarische Metapher für unseren Gefühlszustand auf die Leinwand gemalt. Das Bild ist so extrem, dass es eigentlich Gewalt ächtet und im Kern annulliert.«

Vor 27 Jahren sagte Nick Zedd: Wir müssen »soviel wie möglich sündigen«. Heute wird in einem (dezitiert humorfreien) Torture Porn auf den moralischen Legitimationsbedarf der Exploitation hingewiesen. Ganz so, als ob heute das Gespenst der Political Correctness auch in den fiesesten Fantasien herumgeisterte und die Geste der Überschreitung ihre pubertäre Unschuld oder auch ihr Bataille’sches Pathos verloren hätte – während Richard Kern jetzt seine Brötchen für Leitmedien der inkorrekten Coolness wie Playboy oder das Vice Magazine verdient.

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