Acht

Die 8 ist nicht nur im Roulette schwarz. Vor 8 Jahren verstarb James Stinson, eine Hälfte von Drexciya. Im Rahmen der Kunstbiennale Manifesta 8 ist derzeit ein Video über die Techno-Visionäre Drexciya aus Detroit zu sehen, das den Mythos eines Black Atlantis befördert. Über Esoterrorismus, flüssige Planeten und Black Sound im White Cube.

Verantwortlich für das abstrakte Kunstvideo zeichnet die dieses Jahr für den renommierten Turner-Preis nominierte Otolith Group, die wiederum von der Künstlerin Anjalika Sagar und dem britischen Musikjournalisten und Autor Kowdo Eshun gegründet wurde. Eshun gilt als Technologiefetischist und Spezialist für den »mechanized soul« afrofuturistischer Musik. In seinem unter anderem auf Public Enemys Album »In Fear Of A Black Planet« anspielenden Artikel »In Fear Of A Wet Planet« rekonstruiert Eshun die Sonic Fiction von Drexciya als Verbindung von Geschichtsbewusstsein und High Tech, martialischer Widerstandsrhetorik und utopischer Romantik. Die Drexyica-Unterwasserwelt steht hier in einer afroamerikanischen Tradition, die sich nicht wie in Ralph Ellisons Roman »Invisible Man« als Unsichtbarkeit im weißen Mehrheitsamerika äußert, sondern sich als buchstäblich nicht von dieser Welt sieht. Parliaments Album »Mothership Connection« von 1975 brachte den Funk aus dem Weltall, intergalaktische Jazzer wie Sun Ra gaben als Geburtsort Saturn an und der HipHop von Dr. Octagon grüßte aus der Ferne uns Erdenwürmer.

Diese verrätselte und gleichzeitig selbstbewusste Andersartigkeit findet im schwarzen Atlantis von Drexyica eine Fortsetzung. Hier geht es aber nicht um Außerirdische, sondern um geheimnisvolle Mutanten, um zur Wasseratmung befähigten, mit Schwimmhäuten an den Füßen ausgestatteten Nachfahren jener Sklaven, die einst über Bord geworfen wurden. Dieser »Wet Planet« gedeiht unter Wasser und nicht underground. Und er wird vom verflüssigten Techno Drexciyas auch musikalisch unter nassen Strom gesetzt. Enthusiasmiert schreibt Eshun 1998 über diesen Act, der in den 1990er Jahren auch auf dem Detroiter Vorzeigelabel Underground Resistance veröffentlicht hat, in der Zeitschrift The Wire: »Drexciya sind auf Töne spezialisiert, die gleichzeitig scheuern und gleiten. (…) Trockene Nässe. Man will in diese Welt eintauchen, aber alle Sinne signalisieren einem, dass man diesen Trip nicht überleben wird.«

Dieses »esoterroristische« Neo-Atlantis schlummert irgendwo in den imaginären Untiefen des Black Atlantic. Dieser schwarze Atlantik wiederum meint ein »gewebtes Netzwerk«, einen seit der Sklaverei sich ständig neu vermessenden Transitraum von Menschen, Informationen (zum Beispiel auf Platten oder als Lieder auf Schiffen) zwischen Afrika, Amerika, der Karibik und Europa, wie ihn der britische Kulturtheoretiker Paul Gilroy historisch beschrieben hat. Hier, zwischen Chicago House und Detroit Techno, zwischen Dub aus Kingston und Son aus Kuba, zwischen Afro-Jazz aus London und HipHop aus Dakar, schäumen seit Jahrhunderten jene Wellen des Black Sound auf, die beim Aufschlag die Ufer infizieren. Aber was ist eigentlich das spezifisch »Schwarze« am Black Sound?

Es ist, meinen die Berliner Autorin und Künstlerin Ina Wudke und der belgische Philosoph Dieter Lesage, weniger die Melodie, sondern vor allem der Beat. Der »schwarze« Beat und seine hybriden Verwandten regiert zwar weltweit die Tanzböden, aber verstanden als komplexe Avantgarde, wie in der Harlem Renaissance der 1920er Jahre in Form der Infiltration der Musik mit synkopischen Swing-Rhythmen, bleibe er, so Wudke und Lesage, eigentümlich unterbelichtet. Die weiße Welt tanzt zu den Beats, aber wozu man tanzt, das soll dann doch bitte lieber keine große Kunst sein. Exemplarisch wird dieser Zusammenhang laut Wudke und Lesage im Falle der Bildenden Kunst. Der Black Sound ist – trotz vielfältiger Wissenstransfers, trotz der Bemühungen der Postcolonial Studies und trotz des Hypes um nicht-westliche Kunst – im angeblich neutralen und bedeutungsoffenen White Cube immer noch kaum vorhanden. Der Sound, der in den letzten Jahren im Rahmen von zahlreichen Sound Art-Ausstellungen und dem Boom multimedialer Installationen zu einer bestimmenden Größe der Gegenwartskunst wurde, ist nach wie vor weiß. Beziehungsweise ausgeblichen, also durch ein vampiristisches Verhältnis des Aussaugens des einstigen kulturellen Kontexts bestimmt, der später in der Rezeption (etwa von ursprünglich kollaborativen John Cage-Arbeiten) von genau diesen Spuren gereinigt wird. Sound Art, das ist folgerichtig dann immer John Cage solo. Oder Dan Graham, Christian Marclay, Carsten Nicolai oder Laurie Anderson. Und eben nicht zum Beispiel die in »Black Sound White Cube« gewürdigten »schwarzen« Künstlerinnen Sonia Boyce, Jennie C. Jones, Minouk Lim, Sanford Biggers und Yoel Vazquez oder die Britin Nadine Robinson. Die Britin Robinson sorgt auch für die eindrucksvolle Covergestaltung dieses Angriffs auf Kunstkanon und -betrieb. Ihre Arbeit »Coronation Theme: Organon« aus dem Jahr 2008 türmt mächtige schwarze Lautsprecher zu einer kathedralenartigen Skulptur vor weißem Hintergrund. Schön und auch notwendig, einmal auch auf diese Weise die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen.

Die Qual der Zahl – 9 wie "Revolution Nr. 9" oder 99 wie in "99 Luftballons"? Schreibt uns eure Vorschläge, um welche Zahl zwischen 0 und unendlich es nächstes Mal gehen soll.

zahlenbitte@thegap.at

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