37.000

37.000 Menschen haben ihren Zweitwohnsitz im Waldviertel. Über die Landlust der urbanen Nachteulen.

Freitag nachmittag am Karlsplatz. Das LED-Leuchtband am Dach des Project Space der Kunsthalle lässt einen Text vorbeifließen, der sich wie ein Manifest für die allgemeine Stadtfluchtbewegung liest, die in den nächsten Stunden einsetzen wird. Er heißt »Weg hier«: »Weg aus der Stadt. Wo die Luft dich kneift, wo Lärm nach dir schnappt, und du unter Augen bist, immer unter Augen, immerfort.«

Der Text stammt von Doris Knecht, die nur in zweiter Linie als passionierte Stadtflüchterin und Zweitnestbauerin bekannt ist. In erster Linie kennt man sie durch ihre Kolumnen, die vom urbanen Alltag handeln. Ja, man kann sich schon leicht »immer unter Augen« fühlen, besonders dann, wenn man die Stadt auch nutzt, auf Konzerte und zu Lesungen geht und dort Leute trifft, die man gerne sieht und manche, auf die man verzichten kann. Gegen den Terror der Intimität, wie die Soziologen das narzisstische Dauerfeuer nennen, ist Alkohol eine Lösung: Bitte einen G’spritzten! Zugleich ist der Alkohol aber auch ein Problem: Na gut, noch ein allerallerletztes Fluchtachterl! Und dann kommt noch Facebook dazu. Liken, inviten, adden. Kommentieren, Kommentare kommentieren, kommentierte Kommentare kommentieren. Auf Facebook kann man nicht sterben, sondern sich nur tot stellen. Oder man lässt I-Phone und Laptop zuhause. »Ich bin dann mal weg«, zwinkerte das immerfröhliche Entschleunigungs-Role Model Hape Kerkeling ein paar hunderttausend Lesern vom Jakobsweg aus zu, und sogar die idyllenresistente Gustav lag mit ihren Album 2008 diesbezüglich auf Linie. »Verlass die Stadt« hieß es.

Das neue Biomeier?

Die Sehnsucht nach der ruralen Ruhe wächst übrigens nicht nur mit dem Alter der noch Junggebliebenen und mit der Ferne zur Sommerfrische, sondern auch in direkter Proportion zur sprießenden Natur im Frühling. Outdoor-Pläne werden gewälzt, und sogar die Gespräche an verrauchten Gürtelbogentheken kreisen um Tomatenzucht, Hängematten und Kuhscheiße. Findige Immobilienmakler bieten wieder vermehrt Wohnungen und Häuser an, deren Schokoladenseite der Garten oder die Terrasse ist. Ist das das neue Biomeier, das von einem Land träumt, das es so eh fast nirgends mehr gibt? »Du musst weg hier, hinaus aus der Stadt, in das Land, in die Vereinzelung, wo Gerüche und Geräusche dich wundern, wo es klar ist und leer und unbemenscht, und wo du nachts in ein umfassendes Nichts schaust«, heißt es weiter bei Knecht. Ein Schelm, wer dabei ans Waldviertel denkt. Ihr persönlicher Wunsch nach einem »Zurück zur Natur« ist, so vermute ich zumindest, relativ neu und hat wohl auch etwas mit dem Familienleben zu tun. Früher wollte sie, wollte man vor allem einmal in guter alter Punk-Tradition »zurück zum Beton«. Die Provinz war die Hölle, die Stadt die Versprechung einer nicht notwendig besseren, aber sicher spannenderen Welt: Musik. Menschen. Pop. Lärm. Nun will die Ex-Flex-Stammgästin Knecht, nun wollen viele der ergrauten Nachtvögel beides: Geschnatter und Vögelgeschnatter, und zwar wenn geht in wohltuendem Rhythmus. Kann ich gut verstehen, mir geht es nicht viel anders.

Dabei kann ich mich noch gut an Zeiten erinnern, da war das Land automatisch Feindesland. Medien waren damals die einzigen Verbündeten im Abwehrkampf der Gymnasiastennaseweise gegen die tumben Nazibauern: Streberbücher zwischen Hesse und Sartre machten was her gegen die Zumutungen der Zünftigkeit, und eine zeitlang wurde sogar Der Wiener als Großstadtpille für Landeier angepriesen. Am wichtigsten für mich als Vorstadtei waren aber die aufrührerischen Wellen aus dem Äther. Damals war es die »Musicbox«, jenes unbekannte Radioobjekt auf Ö3, das da jeden Nachmittag um 15.05 Uhr in den Gehörgängen zwischenlandete. Dort wartete oft der selbst der steirischen Provinz entfleuchte Bandmaschinenkarajan Werner Geier, ein leider viel zu früh verstorbener Hypnotiseur am Mikro, dessen stil- und denkprägender Einfluss als Radiomacher, Musiker und DJ dieser Tage im Wien Museum mit einem Abend erinnert wurde. Ich kann mich noch erinnern, dass er einst im Jahr 1987 seinen legendären Mittwochsclub im U4 mit einer für seine Postpunkphase programmatischen (und jetzt in der »Carlos«-Verfilmung von Olivier Assayas wieder verwendeten) Nummer eröffnete: »Ahead« von Wire.

Vorwärts – jaja! Vorwärts hieß: zuerst von New York träumen und dann nach New York fliegen und dort prinzipiell alles gut finden, weil Wien dagegen ein Dorf ist und das Waldviertel, na frage nicht. Ich war damals zwanzig, das Wiener Nachtleben hörte für mich auf die Worte Chelsea, Blue Box oder Nachtasyl. So hießen damals die Clubs, bevor sie Clubs hießen. Das Eintauchen in diese Szene erfolgte auch auf Geheiß des Predigers der Zeitgenossenschaft aus dem Radio. Freilich traf man den an den genannten Orten nie. Wandelte er lieber frisch ausgeschlafen auf den Spuren Peter Roseggers in der Waldheimat, um ein Feature zu basteln? Irgendwann später, als er sich auf dem Erfolg seines gemeinsam mit Rodney Hunter betriebenen Labels Uptight schon ein bisschen ausruhen hätte können, sagte Geier, dieser einstige Missionar des Undergrounds und spätere Geburtshelfer eines differenzierten HipHop-Verständnisses, das Label sei nur eine momentane soziale Übereinkunft: »Wer weiß, vielleicht ist Uptight in ein paar Jahren eine Gärtnerei.«

Vielleicht meint die Naturromantikerin in Doris Knecht auch so einen Ort. Einen Ort, der nicht nur Rückzugspunkt, sondern etwas ist, das man für ein kommendes Volk, das nie kommen wird, bereiten kann. Es wäre mit Sicherheit kein schlechterer Ort als Wien oder das Waldviertel: »Da willst du hin. Weg von hier. Weg von dem hier, dem Finster, dem Dicht. Sieh nach oben. Siehst du es.«

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