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40 493 759 Klicks bis zum 4. Juli sind auch für eine Autowerbung mit Kinderbonus nicht schlecht. Vor allem für eine, die auf das Prädikat »pädagogisch wertlos« schielt.

Darth Vader war ja schon immer was für das Kind im Manne. Jetzt kehrt er als Symbol für den Mann im Kinde zurück. In einem Werbespot für Volkswagen versucht sich ein kleiner Junge in der schwarzen Burka für außerirdische Kampfmaschinen als allmächtiger Magier. Er will Gott spielen und herrscht seine Lebenswelt im Haushalt an. Aber so sehr sich der Kleine auch bemüht, die Energie strömt nicht. Der Hund rührt aufgrund der animistischen Gesten des kleinen Diktators kein Ohrwaschl, die Waschmaschine beginnt sich nicht zu drehen und die Puppe am Bett kriegt kein Leben eingehaucht. Mitleidig schiebt die Mutter den Toast der dunklen Macht vor die Nase, aber die beginnt schon ein wenig zu grübeln. Kann ich doch nicht alles, was ich will? Am Schluss schließlich kommt Papa mit dem schwarzen tollen Auto nach Hause. Darth Vader stürmt hinaus und wehrt die Begrüßung seines Vaters ab, er hat Wichtigeres zu tun. Er will den Wagen mit der Macht seiner kindlichen Allmachtsfantasie starten, allein es tut sich wieder nichts. Bis er doch startet – der Vater hat per Fernsteuerung nachgeholfen. Der kleine Jedi-Ritter ist endlich glücklich, und die Eltern sind es deshalb wohl auch. Zumindest kurzfristig. Ihr Schulterzucken wendet sich an alle Eltern und Erwachsenen: Was tut man nicht alles für die lieben Kleinen! Bzw. mit dem Seufzer der liberalen Eltern im Gepäck formuliert: Was muss man nicht alles tun, damit der Kleine Ruhe gibt?

Früher hätte der Kleine den i>Herrn Vater gar nicht lange nerven dürfen und höchstens insgeheim im Sinne seiner ödipalen Verstrickung von dessen Ermordung träumen dürfen. In Michael Hanekes didaktischer Einbahnstraße »Das weiße Band« führt das Wirken des protestantischen Zuchtmeisters mit dem Rohrstaberl in der Hand gleich schnurstracks in den Faschismus. Im verführerischen Spiritualismus in »The Tree of Life« von Terrence Malick zeigt sich die US-amerikanische Mittelschichtfamilie der 1950er Jahre als Himmel und Hölle zugleich. Die Mutter ist ein Engel, der Vater ist der strafende Gott und die Kinder sind diejenigen, die es zu befreien gälte, auf dass sie nicht Jahrzehnte später als emotionale Krüppel durch eine entseelte, gläserne Wolkenkratzerwelt taumeln.

Folgen der Entdisziplinierung

Diese beiden Modelle der Erziehung erscheinen heute so fern, dass man sich kaum mehr vorstellen kann, dass sie je einen Wirklichkeitsbezug hatten. Der kulturelle Aufbruch der 1960er Jahre, der Generalverdacht gegen die Institutionen der Macht und die antiautoritäre Erziehung haben aber nicht nur das Selbstverständnis der Eltern, sondern auch die Schule in ihren Grundfesten erschüttert. Zwanghaftes Büffeln ist out, spielerisches Lernen ist en vogue.

Es geht nicht um Gehorsam, sondern um Ausdruck. Die Autonomie ist das Ziel, und dazu müssen alle Steine aus dem Weg. Zwar gab und gibt es in der Populärkultur immer wieder dystopische bis spekulative Erzählungen, die mit Angstlust die konservativen Ängste vor den Folgen der Entdisziplinierung ausschlachten – von »Clockwork Orange« über »Die Klasse von 1984« bis zu »Kids«. Das wohlige Schaudern über Sex and Crime der entfesselten Jugend und das Verschwinden der Kindheit ist aber nur die Kehrseite der Medaille. Letztlich blieb der pädagogische Reformismus auf Kurs.

Heute wird mit Argusaugen auf Wohl und Entwicklung des Kindes geschaut. Die Förderung kann nicht früh genug beginnen. Ein Englischkurs für Dreijährige ist notwendig, damit die lieben Kleinen später da draußen keine Startnachteile haben und die grün wählenden und politisch korrekten Eltern ihre ökonomischen Abstiegsängste eindämmen. Für das Wohl der Kleinen wirft man sich schon mal vor ihnen auf die Knie, wenn sie mal wieder nicht die Schuhe zubinden wollen. Gleichzeitig verlangt man aber auch von den Schulen mehr Respekt vor den kleinen Darth Vaders. Oder sind es eher die Wünsche ihrer unsichtbaren Lenker, die auch die Schule fernsteuern wollen wie ihr Auto?

Schwer erziehbare Eltern

Zurzeit kursiert im Internet ein Video mit einem Anrufbeantwortertext einer australischen Schule. Die Verwaltung hat dort nicht nur mit den üblichen Schulschwänzern zu kämpfen, sondern vor allem mit der Renitenz der Eltern, die partout nicht einsehen wollen, dass man auch als Schüler verantwortlich für seine Taten ist. Was macht man mit schwer erziehbaren Eltern, denen man ja nicht gut einen blauen Brief schreiben kann? Die Schule hat einen Telefondienst mit Ziffernnavigation installiert. Wer Entschuldigungen dafür vorbringen will, warum sein Kind schon wieder in der Schule gefehlt hat, wählt die 1. Wer will, dass man statt der Eltern die Kinder erzieht, wählt die 6. Wer zum dritten Mal in dem Jahr einen neuen Lehrer fordert, wählt die 8. Das Anrufbeantwortersystem ist zwar ein Fake. Aber es zeigt, wohin die Reise geht.

Das Kind ist vom unfertigen Menschen, den es zu formen und zu brechen gilt, zur Projektionsfläche des Ich-Ideals geworden. Das Kind ist von sich aus immer gut, seine Bedürfnisse sind immer berechtigt und es könnte alles. Man muss es nur lassen bzw. fördern.

1979 hat Alice Miller in ihrem Bestseller »Das Drama des begabten Kindes« vom natürlichen narzisstischen Bedürfnis geschrieben, das es dazu bringt, ständig im Mittelpunkt stehen zu wollen und als Darth Vader den Gebieter über die unendlichen Weiten der Konsumwelt spielen zu wollen. Wenn supersensible 40-Jährige auf der Suche nach einer so nie gehabten und auch nicht lebbaren Kindheit in rosafarbenen Hello-Kitty-T-Shirts herumlaufen und sich so freiwillig zu Symbolen der Niedlichkeit umfunktionieren, dann wäre es vielleicht an der Zeit, »Das Drama der begabten Eltern« zu erzählen.

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