6.000

6.000 Mitglieder weltweit hat die Organisation Humanity +, die an der Verbesserung des Menschenparks unter den Bedingungen seiner technischen Simulierbarkeit arbeitet. Die Industrial Music-Ikone Genesis Breyer P-Orridge gehört meines Wissens nicht zu diesem transhumanen Geheimorden – obwohl sie längst auch etwas anderes werden will als der olle Mensch.

Breyer ist der bürgerliche Name der zweiten Frau des heute 60-jährigen einstigen Bürgerschrecks, der seit 2000 an einem Projekt der Verschmelzung zweier Körper zu einem neuen Dritten arbeitet, das er/ sie Pandrogynie nennt. Im Rahmen der diesjährigen Berlinale hatte Marie Losiers nach über vierjähriger Dreharbeit finalisierter Doku-Essay »The Ballad of Genesis and Lady Jaye« Premiere, die sich dieser zutiefst romantischen Sehnsucht nach größtmöglicher Intimität und Neuerschaffung des Selbst im Anderen widmet. Der Film erzählt nicht nur eine mit raren Archivaufnahmen unterfütterte, kursorische Geschichte der 1970er Fetisch- und Porno-Kunstperformances von COUM Transmissions und der von P-Orridge gegründeten, auch noch für heutige Noise-Electronic-Acts wegweisenden Bands Throbbing Gristle und Psychic TV. Er erinnert zudem auch an die doch eher singulär zu nennende Stellung der Genannten. So wurde der Begriff Industrial Music angeblich erstmals von P-Orridge 1975 verwendet. Unter dem Genre verstand der Plattenmulti Virgin einige Zeit später einen schmalen Regalfächer, das mit dem Werk von exakt zwei Bands, nämlich eben Throbbing Gristle und Cabaret Voltaire, befüllt war.

Im Zentrum von »The Ballad of Genesis and Lady Jaye« steht aber eine zärtliche und verständige, durch nachgestellte Schlüsselszenen aus dem Leben des Paars angereicherte Rekonstruktion einer außergewöhnlichen Liebesgeschichte, die statt eines Dinners im Kerzenlicht nur ein paar Nudeln zuhause braucht – die freilich vom Hausweibchen Genesis in High Heels und Korsage zubereitet werden, weil Staubsaugen, Kochen und Putzen für sie/ ihn eben nur im Glitzerfummel Glamour hat.

Die Geschichte der Überwindung der biologischen Korsetts von Mann und Frau beginnt in den 1990er Jahren. Eine Rockfledermaus, der während seiner Konzerte der Welt mit Bildern von Nazi-Vernichtungslagern und derb-monotonen Noise-Cut-Up-Kaskaden ins Gesicht spuckte, zieht es nach wilden, durchwachten New Yorker Nächten in einem Sex-Art-Performance Club zum Schlafen ausgerechnet in das Verließ im Keller. Dort hat der einigermaßen Bediente am nächsten Tag eine Erscheinung. Eine junge Frau, die damals noch Jacqueline Breyer heißt, steigt in einem schicken Sixties-Outfit und mit Zigarette im Mund die Treppe hinab, um sich dort in Lack und Leder zu werfen. Um Genesis ist es geschehen. Für ihn kommen, wie er im Film sagt, seine zwei größten Vorlieben zusammen und er faltet die Hände: »Lieber Gott, lass’ mich für immer mit dieser Frau zusammensein.«

Und so kommt es dann auch – fast. Die beiden werden ein Paar, heiraten 1995 im gepflegt provokanten SM-Outfit und beginnen, ähnlich wie die befreundete Transgender-Performancekünstlerin Orlan, die Verschmelzung von Körperkunst, kosmetischer Chirurgie und Leben als work in progress. Die beiden erscheinen glücklich mit ihrem Alternativentwurf zum Projekt Kinderkriegen, den P-Orridge ebenfalls als Heranwachsen eines dritten, neuen Lebens interpretiert – nur eben im eigenen Körper. Über die Idee der Pandrogynie sagt er/ sie: »Hier geht es nicht um Gender bzw. darum, dass sich ein Mann im Körper einer Frau gefangen fühlt oder umgekehrt. Der Pandrogyne fühlt sich überhaupt in jedem Körper gefangen, weil er der Koffer ist, der uns herumträgt.«

2007 findet dieses Projekt, nachdem die beiden sich auch zusehends von der Musik in Richtung Performance Art und Film bewegt hatten, sein jähes und tragisches Ende. Lady Jaye stirbt 38-jährig an Krebs und hinterlässt einen verstörten, verzweifelten Genesis »Breyer« P-Orridge, der nun im weißen Vogelkostüm durch die teils zwischen Comic und Fantasy changierenden Tableau Vivants dieses Films geistert und seine gedanklichen Pirouetten um eine verlorene Mitte dreht – und doch, nicht zuletzt durch die Mitarbeit bei dieser Doku, weitermacht im Gedenken an seinen Lebensmensch.

Doch was bedeutet heute eigentlich noch »Mensch«? Die Biowissenschaften und die Informationstechnologien führen uns jedenfalls deutlich vor Augen, wie durchlässig die Grenzen zwischen Körpern und Dingen, zwischen natürlichem Organismus und künstlichem Leben, kurz: zwischen Mensch und Nicht-Mensch sind. Eine neue »transhumane« Spezies, die nicht nur die schon länger für tot erklärte diskursive Formation Mensch ablöst, sondern auch in einem physischen Sinn etwas anderes werden will und werden wird als der Mensch, wird kommen. Ob dieses new flesh aus dem Schoße der Gott spielenden Life Sciences etwas Besseres oder etwas Schlechteres sein wird als der Mensch, ist nicht ausgemacht. Dessen Ausformulierung ist aber, wie jede Definition des Menschen, eine eminent politische Frage, weil jede Definition auch ihr Außen markiert – also das, was kein Recht hat auf Mensch-Sein.

Zum »Menschenrecht auf Experiment« gehört daher auch »ein Menschenrecht, vor Experimenten geschützt zu werden«, schreibt die Wiener Philosophin Katherina Zakrawsky in ihrem demnächst erscheinenden Sammelband zur kulturellen Symptomatik und Theorie des Transhumanen. Hoffen wir (bzw. engagieren wir uns also dafür), dass Genesis Breyer P-Orridge sich niemals für sein pandrogyn-Werden wird rechtfertigen müssen – und wir aber auch nicht zu Genesis Breyer P-Orridge werden müssen.

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