Disziplin und Ordnung

Der Fotograf Niko Havranek zeigt in seiner neuen Serie "Japan" faszinierende Eindrücke der japanischen Kultur. Im Interview spricht er über seine Reisen und die Herausforderungen der Fotografie.

Niko Havraneks Fotoreportagen und sein Interesse daran, das Spontane im Alltäglichen festzuhalten, haben ihn bereits bis in eine indische Mine geführt. Auch von seiner jüngsten Reise nach Japan bringt der Wiener Fotograf wieder Material mit, das neben zwei neuen Zines ab 20.10 in Leutners Bilderwerkstatt zur Austellung kommen wird. Die neuen Bilder strahlen eine unglaubliche Ruhe aus, lenken den Blick auf das Unauffällige, "Normale", das durch die Bildkomposition auf einmal zu etwas Besonderem erhoben wird. Oft hat man gar nicht den Eindruck im fremden Japan zu sein, sondern an Orten, die man bereits von irgendwoher zu kennen glaubt.

Wir sprachen mit Niko Havranek, der neben seinen Reportagen auch als Porträtfotograf von sich reden macht und auch für uns schon Stefanie Sargnagel, Austrofred und Simon Mayer porträtiert hat, über seinen Eindruck der japanischen Kultur und die Fotografie im Allgemeinen.

Man stellt sich Japan oft als sehr hektisch vor. Deine Fotos vermitteln jedoch großteils Ruhe. Wie hast du Japan erlebt?

Auffallend war, dass auch in den großen Bahnhöfen alles sehr ruhig und geregelt abläuft.

Disziplin und Ordnung sind so etwas wie die Essenz der japanischen Kultur – und so ist trotz der riesigen Menschenmassen, die sich jeden Tag durch die Stationen Shinjuku oder Shibuja wälzen, Hektik nie ein Thema. Diese Ordnung hat mich auch immer wieder fasziniert und ich habe sie versucht einzufangen.

Nach welchen Kriterien hast du deine Motive ausgewählt?

Vor allem intuitiv, das ist eine Herzensangelegenheit. Natürlich geht es auch darum, was mich visuell anspricht. Vor allem in letzter Zeit finde ich ruhige, einfachere Kompositionen spannender. Objekte, deren Nutzen nicht gleich offensichtlich ist, haben einen Reiz für mich.

Die Ästhetik des Alltags ist ein Punkt, den ich vor allem in Japan verfolgt habe – wie z.B. die Ordnung im öffentlichen Raum. Auch durch wiederkehrende Motive und inhaltliche Analogien permanent Vergleiche zu ziehen, hat mich interessiert. Und natürlich halte ich immer Ausschau nach ungewöhnlichen, merkwürdigen oder einfach nur schönen Situationen, die ständig um uns passieren.

Uns Europäern ist die japanische Kultur oftmals fremd – teilst du diese Einschätzung? Was kam dir besonders befremdlich und was auch besonders bekannt vor?

Andere Kulturen sind anfangs immer mehr oder weniger fremd. Bei einem dreiwöchigen Besuch kann man nur marginal über die japanische Kultur urteilen, aber besonders auffällig war die selbstverständliche Höflichkeit und Achtsamkeit, die man sich im Alltag entgegenbringt.

Für uns Europäer ist die Disziplin und Etikette der Japaner vielleicht befremdlich. Aber sie erleichtern eben auch massiv das Zusammenleben.

In normaler Lautstärke reden, telefonieren oder essen in öffentlichen Verkehrsmitteln ist in Tokyo zum Beispiel absolut verpönt und man outet sich sofort als dummer Tourist. Das sollte man mal in der U6 einführen…

Ich habe diese für uns fremde Achtsamkeit dort aber sehr zu schätzen gelernt. Meine Freundin hat ihr Handy in einer U-Bahn in Tokio verloren und es sich nach ein paar Telefonaten am nächsten Tag beim Lost & Found abholen können. Die Japaner sind bis zu einem Grad auch wahnsinnig offen – in Hiroshima sind wir zum Beispiel von einem Japaner einfach so zum Karaoke Singen eingeladen worden – eine total nette Geste, die einem Touristen in Wien wahrscheinlich eher selten passiert.

Du hast ja bereits Fotostrecken über Südamerika, Indien, Malaysien aber auch europäische Städte gemacht. Gibt es eine Serie, die für dich besonders herausfordernd war?

Die Arbeit "Bauxit", die ich in einer Mine in Indien fotografiert habe, war aufgrund meines Zustandes eine Herausforderung – ich hatte hohes Fieber und mir war ziemlich übel, aber ich war eben schon so nahe an meinem Ziel.

Bei der Arbeit war es mir ein Anliegen den Ressourcenabbau, der von uns Menschen betrieben wird, sichtbar zu machen. Außerdem fasziniert mich die permanente Veränderung dieser Landschaft, daher habe ich verschiedene Einzelbilder aneinander gereiht um eine neue, noch nicht bestehende Landschaft zu kreieren.

Damals war es für mich die letzte Gelegenheit dort zu fotografieren, also hab ich mich ins nächste Taxi gesetzt – die kurvenreiche Fahrt auf den Berg hat mir dann noch den Rest gegeben. Als ich dann am Hochplateau ankam, war die Übelkeit verflogen und ich konnte mich ganz aufs Fotografieren konzentrieren.

Du machst Auftragsarbeiten wie Portraits, Hochzeiten aber auch deine eigenen größeren Fotoprojekte – gibt es dennoch etwas, das sich durch all deine Bilder zieht oder trennst du das auch in der Bildästhetik völlig?

Ich würde sagen die Herangehensweise ist ähnlich. Dabei dient mir eine gewisse Spontaneität als Grundlage. Gerade wenn die Anspannung des Portraitierten kurz weg ist, ist es wichtig, aufmerksam und bereit zu sein, ein Bild zu machen. Das ist mir in jeglicher Hinsicht wichtig.

Bei jedem Job entstehen parallel immer Bilder, die ich aus eigenem Interesse mache und als freie Arbeit sehe. Deswegen gefällt mir etwa die Arbeit fürs Mumok besonders, weil mir die Freiheit gegeben wird, Situationen zu fotografieren, die ich spannend finde. Privat fotografiere auch sehr gerne analog, das wäre für eine Ausstellungseröffnung oder andere Jobs wohl nicht praktikabel.

Welche Art der Fotografie ist dir am liebsten? Gibt es kreative Herausforderungen die dich besonders reizen?

Generell finde ich Portrait und Reportage am spannendsten. Das liegt mir, daher arbeite ich hauptsächlich in diesem Bereich. Ich fotografiere auch für das Message Magazin. Da ist bei Interviews im Backstagebereich oft wenig Platz und Zeit. Das ist eine spannende Herausforderung, in einem kurzen Zeitintervall das Beste herauszuholen. Es gibt immer eine gute Möglichkeit in der unmittelbaren Umgebung. Man muss nur sehr aufmerksam sein und sich dann richtig entscheiden.

Niko Havraneks Ausstellung "Japan" wird ab 20.10.16, 18:00 Uhr bis 02.11.16 in der Leutner Bildwerkstatt, Westbahnstraße 27-29, 1070 Wien zu sehen sein.

Bild(er) © Niko Havranek
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