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Millionen Touristen weltweit im Jahr 2010 können vielleicht doch irren. Über den Massentourismus und die Masse des Massentourismusverächter.

Kann es sein, dass man von Reisen blöder zurückkommt als man hingefahren ist? Man kann, sagt jemand, der vor allem in Bildern und Texten reist, heute blöderweise nur mehr von Verblödungsreisen sprechen. Bildungsreisen (so hießen die Einbildungen eines eingebildeten Bürgertums) sind bekanntlich Schnee von gestern, schreibt der Film- und Kulturtheoretiker Georg Seesslen. Im heutigen Massentourismus, der die Ideologie der Bildungsreise zum All-Inclusive-Frühstück verspeist hat, »geht es nicht mehr allein darum, zu reisen, um vom Bereisten nichts zu sehen. Man muss dümmer zurückkehren, als man aufgebrochen ist, sonst ist das nichts: Man lernt, reisend, das Ignorieren (und das ist eine der wichtigsten Fähigkeiten auch daheim). Es geht nicht mehr um dummes Reisen, auch nicht mehr um reisende Dummheit, es geht um Reisen in die Dummheit«.

Nun ist das Gemosere über den Massentourismus genauso alt wie der Massentourismus selbst. Dass die Masse mobil geworden ist und sich erst »spießig« per Kleinwagen, später »alternativ« per Rucksack und Interrail, und heute per Economy-Class-Traumschiff, Saufwegelagertum oder Bumsbomber Plätze erobert hat, von denen sie früher eben nur geträumt hat, erregt seit jeher die Masse der vereinzelten Masseverächter. Das Tourismus-Bashing, so es nicht knallhart ökologisch oder politisch begründet ist und sich vor allem an der Frage des schlechten Geschmacks begründet, kennt eine snobistische und eine alternative Variante. Die snobistische Variante der Jetset-Nostalgiker sagt: Ihr verstellt die Aussicht mit euren kurzen Hosen. Ihr verpestet die Luft mit den Ausdünstungen eurer billigen Touristenmenüs. Und, vor allem: Ihr seid zu viele, weshalb man nicht nirgends mehr sicher ist vor euch, außer auf der eigenen Yacht. Die alternative Variante der Backpacker sagt: Ihr kommt in die Fremde und wollt doch immer nur das Schnitzel. Ihr seid blökende Schafe, die nicht nur nichts verstehen, sondern auch nichts verstehen wollen. Und: Ihr seid zu viele, weshalb man nirgends mehr sicher ist vor euch, außer in der Jugendherberge.

Siegeszug der Verblödung

Das Verhalten des Pauschaltouristen in der Hotelanlage in Kenia hat vor Kurzem der reisende Barstuhlhocker Heinz Strunk in seinem Roman »Heinz Strunk in Afrika« beargwöhnt. Selbstverständlich mit entsprechenden Stumpfheitsbefunden am kultischen Ort der Ausdörrung, dem Swimming-Pool und zwischengestreuter Introspektion über den innigen Wunsch nach Ignoranz der sonnengeölten Umgebung und anderer Probleme der Außenwelt der Innenwelt. Georg Seesslen, der sehr viel über den Siegeszug der Verblödung um sich und in sich nachgedacht hat, würde wahrscheinlich sagen: Der elitäre Dünkel ist mindestens genauso blöd wie der Pöbel im Sangriarausch. Die gern als wohlverdiente Erholung betitelte Einübung in die Langeweile findet dann halt nicht mehr im Billighotelbunker, sondern im Luxusyachtbunker statt. Kreuzworträtsel lösen oder bunte Promis im Bikini in der Gala angucken kann man dort ja genauso. Ähnlich zweifelhaft verhält es sich mit dem Dünkel der Alternativtouristen: Sind der Glauben an die Möglichkeit der individuellen Freiheit und der authentischer Erfahrung bzw. die Fetischisierung des Anderen im »Lonely Planet«-Reiseführer nicht letztlich noch blöder als der täglich durch die Abstimmung per Frühbucherbonus bestätigte Wunsch der Masse, im Urlaub bitte schön von allem Irritierenden verschont bleiben zu wollen?

Was bleibt dann also, wenn man trotzdem etwas erleben will? Roger Willemsen berichtet in seinem neuen Buch von seinen Reisen zu entlegenen Landschaften bzw. an »Die Enden der Welt«, deren Faszination für ihn vor allem darin liegt, dass dort eine Natur herrscht, die den Menschen nur als ungern gesehenen Gast ein wenig an sich heranlässt. Der britische Ethnologe und Schriftsteller Nigel Barley beschäftigt sich hingegen doch lieber mit Menschen, meint aber: Nichts an der Fremde ist befremdlicher als der Fremde, der sie besuchen kommt. In seinen Romanen, die auch als Dokumente des komischen Scheiterns von wissenschaftlicher Abstraktion über das konkrete Leben lesbar sind, lernt man: Die Menschen verhalten sich leider nicht so, wie sie das laut Lehrbuch tun sollten. Zum Beispiel begrüßt da ein kauziger Häuptling den ob seines endlich am vermeintlich weißen Flecken Angekommenseins tatendurstigen Forscher mit einem herzhaften Heil Hitler! und hat ein Marilyn Monroe-Poster im Zelt aufgehängt. Bevor der Forscher soviel Culture Clashes erforscht hat, wird ihm leider vom Essen schlecht und er muss fieberträumen. Als Barley Jahre später einen jungen Mann aus dem Dschungel Borneos aus Dank für seine Unterstützung London zeigen will, ist der wenig beeindruckt von Flugzeugen, U-Bahnen und Computern und ähnlichem Klimbim. Was ihn wirklich beunruhigt, ist erstens die im Vergleich zum indonesischen Dorf beklemmende Stille in der Londoner Nacht und zweitens die seltsamen Männer mit den Hunden an der Leine im Park. Das können nur Verrückte oder gar Verhexte sein.

Ziemlich verhext erscheint mir auch der Reiseschriftsteller Redmond O’Hanlon. Und dass nicht nur, weil er mir während eines Interviews plötzlich ein Amulett an den Kopf warf und dabei vor Lachen laut aufkreischte. Sondern auch, weil sich der Mann bevorzugter Weise in mit dem Ebola-Virus verseuchte Gebiete begibt. Dort trifft man wenigstens keine Touri-Massen. Sondern muss höchstens ab und zu mit Massen von Treiberameisen rechnen, die in ein paar Minuten das Nachtlager verwüsten und die Insassen als Nachtisch gleich dazu, wenn man nicht schnell genug die Beine in die Hand nimmt.

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