Deutschsprachiges zwischen Euphorie und Kapitulation, zwischen Pathos und Befindlichkeit. Ausgewählt von Dominik Oswald. Die wichtigsten deutschsprachigen Neuerscheinungen im März 2026. Mit Das Blanke Extrem, Deutsche Laichen, Voodoo Jürgens und mehr.

Das blanke Extrem – »Prekär«

Dass Kunst und vor allem ihre Rezeption oftmals eine Frage des individuellen Geschmacks sind, dürfte wenig überraschen; ebenso, dass es trotzdem bestimmte Faktoren gibt, die jenseits von geschmäcklerischen Befindlichkeiten ein gewisses Niveau an Qualität garantieren. Beispiel dafür: das dritte Album »Prekär« der Freiburger Postpunk-Kapelle Das blanke Extrem. Bereits die beiden sträflich unterschätzen Vorgänger »Alles in schönster Ordnung« (2019) und »Unheimlich nette Leute« (2021) waren kritische Auseinandersetzungen mit den jeweilig aktuellen Zuständen der Welt (Spoiler: Es wurde nicht besser). Auch das dritte Album »Prekär« (der Name verrät’s) spart nicht mit Feststellungen der gegenwärtigen Lage. Der Closer »Nichts davon war nötig« bringt es inhaltlich so ziemlich auf den Punkt: Apropos – und hier werden Genre-Enthusiastische jubilieren –, Das blanke Extrem verzichten vor allem musikalisch auf Unnötiges: Stoische Rhythmus-Sektion sowie nur kleine Ausflüge in Richtung Shoegaze und Effektgerät machen »Prekär« zu einer puren Postpunk-Platte. Und das ist immer Attribut: stark!
»Prekär« von Das blanke Extrem erscheint am 13. März 2026 via Flight13 Records. Keine Termine in Österreich. Hier kaufen.
Shatten – »Gegenwart«

Wer sich jemals gefragt hat, wie es nach dem Ende der Gruppe Findus weiterging, hat wohl die falschen Suchmaschinen bedient: Bereits 2021 erschien das selbstbetitelte Debüt der Nachfolgegruppe (4 von 5 Findus-Mitgliedern) »Shatten«, im selben Jahr gab es – immer sehr nett – ein Tributalbum für die Kieler Punker Totschick. Fünf Jahre später haben Shatten (das fehlende »C«: Irgendwie hat das was) mit Punk jedoch recht wenig zu tun, ihr drittes Album ist ziemlich klassischer deutscher Indiepop, was natürlich Lesarten in beide Richtungen (Indie & Pop) ermöglicht, aber tendenziell schon ein bisschen in letztere kippt. Es ist natürlich nicht unbedingt etwas fürs Formatradio, würde dort aber nicht negativ auffallen und auch, dass es hier wenig Ecken und noch weniger Kanten gibt, muss jetzt nicht per se schlecht sein, ausladende Refrains mit großen Gesten ebenso wenig. Auch die Songs sind teilweise echt nicht schlecht. Irgendwie fehlt aber – um ganz cool zu sein – der ironische Bruch mit dieser Schwere, die das Album umgibt. Seltsam.
»Gegenwart« von Shatten erscheint am 6. März 2026 via Misitunes. Keine Termine in Österreich. Hier kaufen.
Deutsche Laichen – »Punk ist scheiße, Punk ist geil«

Richtig gelesen, verehrte Lesende! Deutsche Laichen, die mit ihrem Debütalbum 2019 so etwas wie einen letzten Strohhalm für eine bessere Zukunft in die Plattenregale der Republiken stellten, sind zurück! Nach einer gemeinsamen EP mit Team Scheisse aus 2020(!) kam von der queerfeministischen Gruppe aus Göttingen/Berlin kein Release mehr nach, was wohl auch mit den Strukturen des Genres zu tun hat (siehe Albumtitel, Part 1). Aber manchmal lieber jahrelang starke Songs sammeln als sich der kapitalistischen Outputmaschinerie unterwerfend jedes zweite Jahr halbgaren Schrott veröffentlichen. Und natürlich, rein inhaltlich und künstlerisch hat sich die Pause auf jeden Fall gelohnt. Die zwölf Tracks, produziert von – natürlich – Moses Schneider, schließen in Radikalität und Wut nahtlos an das Debüt an, ein früher Contender für ein Album des Jahres und die Bestätigung des Albumtitels (Part 2). Veröffentlicht wird die ganze Sache auf dem neuen »feministischen Sublabel von Audiolith« Pretty on the Inside (weirder Name irgendwie).
»Punk ist scheiße, Punk ist geil« von Deutsche Laichen erscheint am 6. März 2026 via Pretty on the Inside. Keine Termine in Österreich. Hier kaufen.
Fluppe – »Beest«

Gar nicht so schwierige Quizfrage: Was ist besser als ein schlechtes Wortspiel? Ein gutes, oder, wie in dem Fall ein ausgezeichnetes: So heißt ein Song auf dem dritten Album der Hamburger nämlich – aufgepasst: »Houellebecq Girl«. Wem das noch nicht als Kaufanreiz genügt, dem sei folgendes gesagt: Fluppe etablieren sich auf »Beest« als attraktive Alternative zu deinen herkömmlichen Indierockbands, mit denen sie bereits in der Vergangenheit keine Vergleiche zu scheuen brauchten (sagen wir mal: Herrenmagazin). Fluppe sind erstaunlich »hart«, sehr gitarrenlastig und – wo sich dann natürlich die Spreu vom Weizen trennt – in ihrer Lyrik (Wortspiel vom Anfang!) sehr zeitgenössisch sowie gut formuliert: »Die KI halluziniert / hat sie von mir« (aus: »Cola & Chantre«) etwa, oder auch die Story von »Sam Rockwell«, die mit »Three Billboards Outside Ebbing, Missouri« beginnt und mit der Klon-Allegorie von »Moon« endet. Fluppe wissen also ziemlich genau, was gut ist und noch dazu: Was man tun muss, um gut zu sein. Cool!
»Beest« von Fluppe erscheint am 20. März 2026 via Rookie Records. Keine Termine in Österreich. Hier kaufen.
Paula Carolina – »Wild«

Die Wiener Secessionisten waren nicht ganz deppert, »Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit« steht auf ihrem Gebäude am Karlsplatz. Und obwohl es vermutlich nicht so gemeint war, stimmt es auch so herum, dass es quasi für jede Kunst auch ihre Zeit gibt. Das heißt aber auch immer: Ablaufdatum (oder, um es nicht ganz so tragisch zu sehen: Mindesthaltbarkeitsdatum). Im 23er-Jahr war Paula Carolina mit ihrem (sehr guten) Smart-Hit »Schreien« so etwas wie das Bravo-Postergirl der NNDW, Platz neun in den Jahrescharts beim Entensender, wer damals auf Tiktok Wut audrücken wollte, verwendete diese Audiospur. Ob ihr als rotzig inszenierter Wave-Pop auch 2026 noch funktioniert, darf aber (leider) mehr als hinterfragt werden. Die Hallen sind zwar weiterhin sehr groß (siehe Tourtermin unten), die Qualität der Songs, messbar in Likeabilty und Virality, doesn’t really live up to the hype, wie der Engländer*in sagen würde. Das muss aber nichts heißen, weil das natürlich vor allem live super funktionieren kann. Den Beweis lieferte Paula Carolina bereits im Vorjahr mit »Das Live Album«. Das heißt schon was, wenn nach einer EP und einem Album schon ein Konzertmitschnitt auf Rille gepresst wird.
»Wild« von Paula Carolina erscheint am 27. März 2026 via Paula Carolina. Live-Termin: 29. April, Wien, Arena. Hier kaufen.
Außerdem erwähnenswert:
Voodoo Jürgens – »Gschnas«
(VÖ: 20. März 2026)
Der Hundling ruht sich einfach nicht auf seinen Lorbeeren aus: Amadeus, österreichischer Filmpreis und was noch, aber trotzdem erfindet er sich auf seiner vierten Langspielplatten wieder einmal selbst. Er sagt dem von ihm salonfähig gemachten Straßenkehrer-Folk endgültig Lebewohl, die Ansa Panier haut in die Synths und er selbst taucht statt dem sich eigentlich nie auserzählten Beisl in andere Lebenswelten ein. Warum das aber trotzdem weiterhin ein typischer Voodoo ist, erfahrt ihr in der aktuellen Ausgabe von The Gap. Das Album könnt ihr hier kaufen. Tourdaten sind reichlichst vorhanden!
Dorfterror – »Schreikinder«
(VÖ: 6. März 2026)
Herrlich! Dorfterror sind die Newcomer*innen-Band (okay, zweites Album, aber hey!) für alljene, die klassischen 1-2-3-Punkrock mit der richtigen Namensgebung, Ästhetik und Meinung mögen: Fussel, Elgato, Chili und Tier prügeln dreizehn (großteils) Zweiminüter in den Äther und wecken dabei Assoziationen zu Slime, Pascow und Artverwandtem. Dass da natürlich wenig Platz für Kompromisse bleibt ist offensichtlich und wird auch auf die Lyrik übertragen, die – selbstredend – antifaschistisch motiviert ist! Jetzt in alle Jugendzentren einladen! Album hier kaufen.
Die bisherigen Veröffentlichungen von Dominik Oswalds Reihe »Muttersprachenpop« finden sich unter diesem Link.