Muttersprachenpop — Die wichtigsten deutschsprachigen Neuerscheinungen im Mai 2026

Deutschsprachiges zwischen Euphorie und Kapitulation, zwischen Pathos und Befindlichkeit. Ausgewählt von Dominik Oswald. Die wichtigsten deutschsprachigen Releases im Mai 2026. Mit OK KID, Schütze, GÖRL, Frachter und mehr.

OK KID (Bild: Kristina Wolf)
© OK KID (Bild: Kristina Wolf)

Various Artists – »Angriff aufs Schlaraffenland – Ein Deutschpunk-Mixtape.«

Angriff aufs Schlaraffenland (Bild: Tapete Records)
Angriff aufs Schlaraffenland (Bild: Tapete Records)

50 Jahre Punk! 1976 erschien die erste Punk-Single, Grund genug, zum runden Geburtstag alle Glückwünsche zu schicken: Tapete Records veröffentlicht zu diesem Anlass ein Quasi-Best-Of deutschsprachiger Punk-Musik, dazu gibt’s noch einen gleichnamigen Sammelband, herausgegeben von Jonas Engelmann im Ventil-Verlag, damit kann der ganze Freund*innenkreis beschenkt werden. Dass wir dies an Ort und Stelle für Pflichtlek- und -hörtüre halten, dürfte kein Geheimnis sein, wer noch unsicher ist, soll jetzt bitte aufpassen, wenn wir die Teile der Acts auflisten: Die Radierer, Hans-A-Plast, Egotronic, Die Aeronatuen, Korpus Kristi, Östro 430, …but Alive, Mutter, Die Goldenen Zitronen, Acht Eimer Hühnerherzen, Die Nerven, Superpunk, Schnipo Schranke, Antilopen Gang, Muff Potter, Stereo Total, wir könnten noch Stunden so weiter machen. 36 Tracks auf 2 LPs oder 2 CDs, knapp 350 Seiten im Buch. Wer möchte, ist hier aber themenfremd, kann auch das zweite Buch »Bored Teenagers« lesen, das sich der globalen Punk-Geschichte widmet. 

Das Mixtape »Angriff auf’s Schlaraffenland« erscheint am 22.5.2026 via Tapete Records. Hier kaufen.

OK KID – »Komm, wir bleiben stehen«

OK KID (Bild: Kristina Wolf)
OK KID (Bild: Kristina Wolf)

Eine »Pause auf unbestimmte Zeit« heißt meistens wenig Gutes, für Bands sowieso nicht und für Fans schon gar nicht, man könnte fast meinen, dass hier Hoffnungen sterben. Dass das aber nicht immer so sein muss, dass gleich alles aus ist, zeigen OK KID, kann man jetzt auch als Hoffnungsschimmer für andere Bands sehen. Dass die ihre ersten, neuen Songs »Hoffnung stirbt 1«, »Hoffnung stirbt 2« und – richtig: – »Hoffnung stirbt 3« nennen, ist dann wieder Hoffnungstechnisch verwirrend, aber inhaltlich natürlich nur konsequent, weil so ist das Leben halt 2026. Die politische Dimension wird dann im Banger-Track des Albums »Rave On« deutlich, wo die Solidarität als einzige Chance gegen Rechtsruck funktioniert, weil all das Gerade wenig gebracht hat und im braun-blauen Festzelt trotzdem Onkelz läuft. Oder »Wie ein echter Mann« mit TikTok-Clippings aus der »Manosphere« mit der Zeile »Da tickt ne Bombe in der DNA / fühlen uns wie Opfer, obwohl wir schon immer Täter waren.«. Musikalisch klingen OK KID wie dabei wie immer, Indiegitarren, Samples, 808s; da geht’s aber natürlich hauptsächlich um die Lyrics und da muss man schon sagen: Ist schon nicht so schlecht.

»Komm, wir bleiben jetzt stehen« von OK KID erscheint am 22.5.2026 via Epic Records. Live Termine: 27.9. Ottakringer Brauerei, Wien. Album hier kaufen.

Frachter – »Es wird gleich besser«

Andernorts vorgeschlagene Referenzwerte für die Weimarer Emo-Punks lassen gleich mit den Ohren wackeln – so heißt es, Turbostaat, Muff Potter und Love A wären Artverwandte –, der erste Hördurchgang mit denselben schlackern: Der Titel des zweiten Albums »Es wird gleich besser« ist natürlich gesamtgesellschaftliches Coping-Mantra und weniger Versprechen als blanke Verzweiflung, die erstaunlich genau akzentuierten Worte schneiden der aktuellen Lage feine Scheiben ab, namentlich: Klimakrise – mit dem vielleicht besten Songtitel der letzten Jahre: »Here Comes The Sun (aber als Drohung)« –, Neoliberalismus, faschistisches Deutschland, vom kapitalistischen Druck entzweite Zwischenmenschlichkeit, kannst dich ja auf nichts mehr verlassen, ist ja auch alles für den Arsch mittlerweile. Der Engländer sagt dann berechtigterweise »great songs come out of hard times«, und 2026 ist ja Hochkonjunktur für Comedians, Satiker*innen und Folk-Sänger*innen, wir ergänzen hier auch noch: Emo-Punks. Zumindest für Frachter, die durchaus in die Riege der vorhin genannten aufschließen. Sehr stark! 

»Es wird gleich besser« von Frachter erscheint am 1.5.2026 via Gunner Records. Keine Live-Termine in Österreich. Album hier kaufen.

GÖRL – »Dark Silver Moon Light«

GÖRL (Bild: Rick Burger)
GÖRL (Bild: Rick Burger)

Nachdem endlich der breiten Öffentlichkeit über die Fascho-Waver von Deutsche Vita berichtet wurde, die – Detail am Rande – von Spotify gerne mal einfach so in NNDW-Playlisten reingeschmuggelt werden, danke dafür, wurden sicher auch viele tröstende Gedanken Robert Görl gewidmet, der bekanntermaßen mit DAF Anfang der 80er-Jahre ebenfalls auf den First Listen eher politisch ambivalent interpretiert wurde, schließlich sich aber doch als auf der richtigen Seite der Geschichte herausstellte.Für die Gruppe, die seinen Namen trägt, produziert er gemeinsam mit Elektronik-Pionierin Sylvie Marks, ändert sich am generellen Klangbild aber gar nicht so viel, aus Ermangelung besserer Begrifflichkeit können wir hier Future Groove sagen, elektronische Beats, Keyboards und viel Schlagzeug, melodiös eher reduziert, geradlinig und schwer einordenbar, aber distinktiv. Auch inhaltlich geht es vor allem um den Bruch von Konventionen, mysteriös, schauerromantisch, wehmütig – und, man merkt es an den Formulierungen – vor allem sehr assoziativ. 

»Dark Silver Moon Light« von GÖRL erscheint am 29.5.2026 via Grönland Reocrds. Keine Termine in Österreich. Album hier kaufen.

Schütze – »Erfolg«

Schütze (Bild: Neundollarsmile)
Schütze (Bild: Neundollarsmile)

Die Kombination aus Bandname und Albumtitel führt die Suchmaschinen und deren KI-Agenten bisweilen auf die falsche Spur, dennoch hier eine kurze Serviceinfo für alle mit diesem Sternzeichen: »Erfolg ist in diesem Jahr eine Frage des Fokus und der Struktur.« Also bitte: Get your Shit together, Abergläubige dieser Welt. Das live als Quartett auftretende Duo Schütze aus Schwerin scheint seinen Shit schon einmal beisammen zu haben, das Debütalbum »Tauchen« von 2024 hat nicht ganz die große Aufmerksamkeit bekommen, mit dem zweiten Album soll das jetzt nun anders werden – und ist es auch schon ein bisschen, also zumindest das Potenzial ist definitiv vorhanden. Außerdem beherzigen Schütze den zweiten großen Tipp der Suchmaschinen-KIs für Erfolg: »Es ist ratsam, Ideen zu strukturieren und das Tempo bei Bedarf strategisch zu zügeln.« Der Synth-Indie-Emo, man kann es sich so schon ganz gut vorstellen, ist genau so, leise an den richten Stellen. »Damit sollte einem Erfolg nichts im Wege stehen.« Na, dann.

»Erfolg« von Schütze erscheint am 22.5.2026 via Ferryhouse. Keine Live-Termine in Österreich. Zu kaufen auf allen gängigen Portalen.

Außerdem erwähnenswert:

Lisa Obereder – »Gute Gedanken«

(VÖ: 28. Mai 2026)

Auf der Angewandten lernt man doch was: Lisa Obereder, die bereits mit den Postgrunge-Powerpoppern Paloma 004 ein tolles Debütalbum hingelegt hat, kann es auch solo und ist auf »Gute Gedanken« dann doch ganz schön elektronisch unterwegs. Dem Albumtitel entsprechend geht’s vor allem um innere Monologe über mentale Load und digitalen Overload, die Themen unserer Zeit eben. Mehr dazu kannst du demnächst auf thegap.at lesen, das Album kannst du hier auf Kassette kaufen.

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