Selbstverteidigungs­training als Selbstermächtigung – Isa Schieche im Interview zu »Dirty Care«

In »Dirty Care« erzählt Regisseurin Isa Schieche von »Schmutziger Sorge­arbeit«, die FLINTA*-Personen leisten. Ver­bild­licht wird das durch Selbst­verteidigungs­training an öffent­lichen Orten – das letzt­lich auch eine Möglich­keit von Selbst­ermächtigung bietet. Der essayistische Kurzfilm wurde 2025 bei der Diagonale und bei Crossing Europe gezeigt, nun ist er in der Cinema Next Series kostenfrei zu streamen. Im Interview gibt uns die Filme­macherin einen Einblick in die Entstehungs­geschichte ihres heraus­ragenden Kurzfilms.

© Lemonade Films — In »Dirty Care« wird erklärt, wie man sich als Frau gegen einen körperlichen Angriff wehren kann, hier etwa auf einer öffentlichen Toilette.

»Dirty Care« ist die nächste Veröffentlichung in der Cinema Next Series, die regel­mäßig auf der Streaming­plattform Kino VOD Club kostenlos spannende Filme von heimischen Film­talenten präsentiert.

In deinen eigenen Worten: Worum geht es in »Dirty Care«?

Isa Schieche: Der Kurzfilm »Dirty Care« ist ein Essayfilm, der aus der Ich-Perspektive erzählt. Ein Voice­over erklärt, wie du dich gegen einen körperlichen Angriff wehren kannst. Die Erzähl­stimme beschreibt, was es bedeutet, sich als Frau gegen Gewalt zu wehren und diese nicht einfach hinzunehmen. Titel­gebend für den Film ist der Begriff »Dirty Care«, der dem Buch »Selbst­verteidigung – Eine Philosophie der Gewalt« entstammt. Die Philosophin Elsa Dorlin beschreibt darin Selbst­verteidigungs­strategien marginalisierter Gruppen gegen drohende und immanente Gewalt.

In verschiedenen Situationen begleiten wir die Protagonistin, wie sie mit ihrer Katze, gespielt von der Künstlerin Helen Weber, Selbst­verteidigung und Kampf­sport trainiert. »Dirty Care« zeigt auf, dass sich Trans­phobie nicht nur gegen trans Frauen richtet, sondern gegen alle, vor allem auch gegen cis Frauen, die nicht einer patriarchalen Norm entsprechen.

Kannst du uns Näheres zum Titel »Dirty Care« erzählen und zu den animierten Figuren, die den Film einrahmen – das bunte Herz am Anfang und der Schädel mit Katzen­ohren am Ende?

Dirty Care ist laut Elsa Dorlin schmutzige Sorge­arbeit, die FLINTA*-Personen leisten, um patriarchaler Gewalt möglichst wenig ausgesetzt zu sein. Betroffene müssen schützende Strategien entwickeln, weil sie stets ein gewalt­volles Potenzial, das auf sie einwirkt, vor Augen haben. Dies schränkt sie in ihren Handlungs­möglichkeiten ein, wie zum Beispiel bei der Wahl ihrer Kleidung oder wie sie in Konflikten auftreten.

Im Film wird über das Training von Kampfsport und Selbst­verteidigung eine Möglichkeit von Selbst­ermächtigung auf­gezeigt. Dabei offen­bart sich das Training ebenso als schmutzige Sorge­arbeit. Als nicht normativ auftretende Frau musst du dich in patriarchalen Strukturen um deinen eigenen Schutz kümmern, damit du dich überhaupt sicher fühlen kannst.

Die beiden im Film verwendeten Piktogramme, das Camouflage-Herz und der Schädel mit den Katzen­ohren, spielen mit Symbolen für Verstecken und Sichtbar­machen, die pop­kulturell trans Frauen zuge­ordnet werden.

Du übernimmst die Kamera selbst, oft mit Kopfkamera, Selfie­stick oder statisch positioniert. Viele Szenen sind als POV-Aufnahmen umgesetzt, man ist sehr nah am Körper. Was hat dich zu dieser Form der Kamera­führung bewegt?

Als Betrachter*in nimmst du über die Kamera­perspektive und Positionierung an den körperlichen Aktivitäten und Bedrohungs­szenarien aus der Ich-Perspektive teil. Die Körper­lichkeit, die Wucht und Schnellig­keit des Trainings werden dabei vermittelt. Nach Luft ringende Atem­geräusche verstärken die Immersion. Das Sicht­feld und die Haltung der Protagonistin sollen nach­empfunden werden können.

Der Film zeigt verschiedene Formen von Selbst­verteidigung. Dazu sagt die Erzähl­stimme: »Du kannst deinen Körper, der von Gewalt durch­zogen ist, für die Gewalt trainieren.« Wie gehst du mit der Ambivalenz zwischen Schutz, Ermächtigung und möglicher Reproduktion von Gewalt um?

Sowohl im Selbstverteidigungs­training als auch in der Film­szene, die einen Angriff von hinten auf einer Toilette beschreibt, geht es vor allem darum, sich zu wider­setzen, um einem Angreifer entfliehen zu können. Kampfsport und Selbst­verteidigungs­training waren für mich Möglichkeiten, Gewalt, die mir im öffentlichen Raum begegnete, nicht einfach zu dulden und auszuhalten, sondern mich an der Angst vor ihr abzu­arbeiten.

Viele Szenen spielen in alltäglichen oder halb­öffentlichen Räumen – auf einer öffentlichen Toilette, im Aufzug, Park oder auf einem Dach. Was inte­ressiert dich an diesen Orten als Räume für Selbst­verteidigung und Trans­formation?

Toiletten als öffentliche Orte wurden von trans­phoben Rechten und Terfs als Bedrohungs­szenario auserkoren, in dem vor allem cis Frauen vor trans Frauen geschützt werden sollen. Trans Frauen werden in diesen entmensch­lichenden Darstellungen als verkleidete Männer beschrieben, die sich auf Damen­toiletten schummeln, um Gewalt­delikte zu begehen. Dieses Narrativ und seine Verbreitung zeigen deutlich, wie absurd salonfähig Hass gegenüber trans Frauen nach wie vor ist.

Dass gerade trans Frauen jene Bevölkerungs­gruppe bilden, die ver­mehrt von Gewalt betroffen ist, wird gänz­lich ausge­klammert. Da ich selbst auf Toiletten ange­griffen wurde, verstehe ich die Szene in »Dirty Care«, in der die eigene Katze aus der Kabine kommt, um die Protagonistin in einen Würge­griff zu nehmen, als humor­volle Aneignung der eigenen Erfahrungen.

Die eigene Katze als Angreifer auf der öffentlichen Toilette …
… beißt auch im Wohnzimmer plötzlich die Hand, die sie füttert und streichelt. © Lemonade Films

Szenen von Training und Anspannung werden immer wieder durch Tier- und Natur­momente gebrochen – etwa die schnurrende Katze oder Bilder von Wind, Haut und Landschaft, aber auch durch brutale Aufnahmen von Tier­häuten. Welche Funktion haben diese Unter­brechungen im Film?

Diese Szenen brechen die Trainings­routine bildhaft, indem sie als Metaphern für das Voiceover fungieren. Die Katze schnurrt und reibt sich am Körper der Protagonistin. Plötzlich beißt sie wider­spenstig und wehrhaft in die Hand, die sie füttert und streichelt. Drei abge­nutzte Schaf­felle sind zum Trocknen an eine Hütten­wand gehängt – die Wölfe sind ohne ihre Tarnung als solche erkennbar.

Holzmasken und geschnitzte Köpfe mit teils tierischen Zügen ziehen sich durch den Film. Am Ende wird das mit Krampus­bräuchen verbunden. Was ist die Entstehungs­geschichte dieser Masken und ihre Bedeutung für den Film?

Die Masken, eine Katzenmaske und eine menschliche Maske, wurden von mir aus Lindenholz geschnitzt. Sie lehnen sich in ihrer Form und Ober­flächen­behandlung an österreichische Brauchtums­masken an, die einem Queering unterzogen wurden. Sie bieten sowohl Anonymität für die Darstellerinnen als auch eine Aneignung starrer und normativer Rollen­zuschreibungen folklo­ristischer Figuren.

Du arbeitest nicht nur filmisch, sondern auch in Performance und bildender Kunst. Wie fügt sich »Dirty Care« in deine bisherige Praxis ein? Und auf was können wir uns als Nächstes von dir freuen?

Dirty Care ist eine Verschränkung meiner bild­hauerischen und filmischen Praxis. Die Holz­objekte, die sonst in Performances vor­kommen, bilden die Charakteristiken der Protago­nistinnen ab. Nach »Dirty Care« ist in Kollaboration mit Helen Weber ein weiterer Film mit Katzen entstanden: »Gay by Nature«. In naher Zukunft züchten Nazis Katzen­menschen im Versuch, Über­menschen zu kreieren. Diese stellen sich jedoch als äußerst friedlich, freiheits­liebend, anti­faschistisch und vor allem lesbisch heraus. Zu sehen ist der Kurzfilm inklusive einer Musicaleinlage gerade auf einigen Film­festivals.

Momentan arbeite ich am Drehbuch meines ersten Langfilms »Lawles«, eines queeren Motorrad- und Kampfsport-Actionfilms, in dem es dann eigentlich um Kinder geht. Im Herbst und Winter will ich einen mittel­langen Film mit einer Filmcrew vor und hinter der Kamera drehen, die voll­ständig aus trans Frauen besteht. Bloße Repräsentation reicht nicht, trans Personen sollen auf allen Positionen in den Film­betrieb eingebunden und dafür bezahlt werden.

Isa Schieche lebt und arbeitet als bildende Künstlerin und Filme­macherin in Wien. In ihrer bild­hauerischen und filmischen Arbeit thematisiert sie Brauchtum und Handwerk, Schwestern­schaft und Queerness. 2024 wurde sie mit dem Dorothea-von-Stetten-Kunstpreis ausge­zeichnet und ihr Film »Die Räuberinnen« wurde beim Film­festival Max Ophüls Preis als bester Kurzfilm prämiert. 2025 erhielt sie für ihr Langfilm­projekt »Lawles« den Haupt­preis beim Drehbuch­wettbewerb »If She Can See It, She Can Be It«. Ihre Filme wurden bereits bei zahl­reichen Festivals wie etwa SXSW in Austin, BFI Flare in London, Diagonale in Graz, Palm Springs Inter­national Film Festival, Frameline in San Francisco und Kasseler Dokfest gezeigt.

Eine Interviewreihe in Kooperation mit Cinema Next – Film Talents Austria.

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