Wie Zeit unser Leben und vor allem unsere Arbeitswelt bestimmt, ist Thema der neuen Dokumentation von Konrad Wakolbinger. Ein Gespräch über eine limitierte Ressource.

Wir entkommen ihr nicht und meist haben wir zu wenig davon: Zeit bestimmt unser Leben und vor allem unsere Arbeitswelt. Regisseur Konrad Wakolbinger stellte sich für seinen neuen Dokumentarfilm die Frage, wie Arbeit und Zeit zusammenhängen und wie man Letztere wieder bewusster erleben kann. Dafür traf er Expert*innen aus diversen Fachbereichen, aber auch ehemalige Arbeiter*innen einer Weberei, eine Hobbytriathletin und Menschen, die – ganz ohne moderne technische Möglichkeiten – eine mittelalterliche Burg aufbauen. Ob sich Zeit definieren lässt, welche Rolle die Erfindung der mechanischen Uhr spielte und ob er durch seine Arbeit ein neues Verhältnis zur eigenen Zeit entwickelte, darüber spricht der Filmemacher im Interview mit The Gap.

Was war für dich der Ausgangspunkt für die Arbeit an »Auf der Suche nach der gestohlenen Zeit«?
Konrad Wakolbinger: Bei meinem letzten Film »Wir sind die Mutanten« beschäftigte ich mich mit dem Thema Arbeit. Daraus entwickelte sich der Gedanke, dass Zeit dafür ein entscheidendes Element ist. Es ging damals um das Karriere- und Entwicklungscenter der Post. Dorthin wurden jene Beamt*innen geschickt, die nicht mehr gebraucht wurden. Diese Menschen wurden in ein altes Postgebäude gesetzt und hatten dort in der Regel nichts zu tun. Ein oder zwei Schulungen gab es zwar, aber eigentlich war es eine repressive Einrichtung. Das war der Ausgangspunkt für »Auf der Suche nach der gestohlenen Zeit«.
Die Dokumentation behandelt das Thema Zeit aus den Perspektiven unterschiedlicher Gesprächspartner*innen – etwa aus Philosophie, Physik oder Wirtschaft. Wann war dir das erste Mal bewusst, wie sehr Zeit unser Leben bestimmt?
Bevor ich in die Filmbranche kam, hatte ich einen ganz klassischen Bürojob in der Logistik. Damals wollte ich mir ein Auto kaufen, eigentlich vor allem, um damit in die Arbeit zu fahren. Nachdem ich alles durchgerechnet hatte, empfand ich es geradezu als Zwang, ein Auto für diesen Zweck zu kaufen, nur um dafür wiederum so und so lange arbeiten zu müssen. Meine wirkliche Beschäftigung mit dem Thema Zeit begann aber erst vor einigen Jahren – eben als ich an »Wir sind die Mutanten« arbeitete.
In deinem neuen Film wird ja unter anderem zwischen Uhrzeit und dem Rhythmus des Körpers beziehungsweise der Natur unterschieden. Wie würdest du selbst Zeit definieren?
Man kann Zeit eigentlich nicht definieren. Gerade selbstverständliche Themen sind ja oft schwer festzulegen. Bei meiner Beschäftigung mit dem Thema stieß ich auf einen Eintrag in einer Online-Enzyklopädie – er umfasste 140 Seiten. Es gibt grundsätzlich unterschiedliche Zugänge, doch selbst in der Physik existiert eine Theorie, die Schleifenquantengravitation, die keine Zeit kennt. In der menschlichen Wahrnehmung kennen wir natürliche Rhythmen wie Tag und Nacht sowie die Jahreszeiten. Auch unser Körper kennt Zeit. Es gibt jedenfalls einen Konflikt zwischen der natürlichen und der gesellschaftlichen Zeitordnung. Daher ist die Erfindung der mechanischen Uhr ein wichtiger Punkt in meinem Film, weil uns diese Form von Zeit stark bestimmt. Es heißt, dass die mechanische Uhr in einem italienischen Kloster erfunden wurde, damit die Mönche ihre Gebetszeiten einhalten konnten. Dabei handelte es sich um den Uhrmechanismus mit sogenannter Hemmung, der exakt gleiche Intervalle, die Minuten, erzeugen konnte. Die Uhr als eine Maschine, die eine eigene Form von Zeit, die getaktete Zeit erzeugt. Uhren breiteten sich dann ab dem vierzehnten Jahrhundert in Städten sehr schnell aus und sie wurden zu einer Grundlage des Kapitalismus. Der Historiker Lewis Mumford meinte, dass nicht die Dampfmaschine der wichtigste Treiber für den Kapitalismus gewesen sei, sondern die mechanische Uhr.
Wie sehr unser ganzes Wirtschaftssystem darauf aufgebaut ist, dass wir Zeit messen und sie monetär bewerten, zeigst du ja auch in »Auf der Suche nach der gestohlenen Zeit«. Kannst du diesen Zusammenhang näher beschreiben?
Die Idee, dass Ökonomie und die Erzeugung von Mehrwert an Zeit gebunden sind, findet sich schon in der marxistischen Theorie. Wenn man dem folgt, dann ist es ganz klar, dass die Zeit ökonomisiert und monetarisiert werden kann. Schon im Mittelalter wurden mit den Zeitzeichen – erst mit den Glocken, dann mit der Turmuhr – die Arbeitszeiten der Handwerker geregelt und diese dann auch nach Zeitaufwand bezahlt. Das passierte also lange vor der Industrialisierung. Mit dem Aufkommen der Fabriken wurde die Zeitmessung für die Arbeitenden zentral, beispielsweise durch die Stechuhr. Für die Arbeiter*innen waren die Uhren quasi der Feind. Bei Protesten gegen die steigende Mechanisierung der Produktion zerstörten die als Erstes die Fabriksuhr. Als dann Armbanduhren für alle erschwinglich wurden, war das eine Form der Ermächtigung, denn so konnten die Arbeiter*innen die Fabriksuhr kontrollieren. Es war nämlich tatsächlich üblich, dass die Fabriksuhren falsch gingen und die Arbeitenden um ihre Zeit betrogen wurden.

Ist ein Leben außerhalb der etablierten Zeitlogiken überhaupt möglich?
Eigentlich geht das nur als Aussteiger*in, denn auch unsere Freizeit ist geprägt durch die Logiken der Arbeitswelt. Sieht man sich die Geschichte der Arbeiter*innenkämpfe an, findet man immer wieder Konflikte um Zeit, zum Beispiel darum, den Samstag zum freien Tag zu machen. Man kann zwar versuchen, sich mehr freie Zeit zu schaffen, aber es ist schwierig und es gelingt nur wenigen Menschen. Neben der Erwerbsarbeit frisst auch die Care-Arbeit viel freie Zeit. Gerade Frauen haben daher oft kaum Eigenzeit.
Die Journalistin und Autorin Teresa Bücker schrieb in ihrem 2022 erschienen Buch »Alle Zeit«, dass diese nicht allen gleichermaßen zur Verfügung stehe und daher eine Frage von Macht und Freiheit sei. Wie siehst du das? Ist Zeit ein Privileg?
Es ist ein Privileg, möglichst viel Zeit für sich selbst verwenden zu können. Ökonomisch bessergestellte Menschen haben mehr Zeit, weil sie sich von Pflichten in der Erwerbs- und Care-Arbeit quasi freikaufen können. Auch Künstler*innen, Wissenschaftler*innen – und früher der Klerus sowie der Adel – bekommen meist mehr unbesetzte Zeit zugestanden als andere Menschen. Eine Art von Grundeinkommen wäre eine Möglichkeit, mehr Menschen mehr Zeit zu geben. Überhaupt: Ein Wirtschaftssystem zu schaffen, bei dem die Ökonomie nicht mehr auf der menschlichen Zeit basiert, würde allen mehr Zeitautonomie geben. So eine Wirtschaftsordnung wäre dann aber keine kapitalistische mehr. Denn der Kapitalismus arbeitet mit Effizienzsteigerung und Rationalisierung, um die Arbeit zu verdichten. Der damit einhergehende Stress ist mit schuld daran, dass immer mehr Menschen gesundheitlich leiden und weniger Zeit haben.
Sind breite Diskussionen hinsichtlich einer neuen Art Ökonomie schon im Mainstream der Gesellschaft angekommen?
Es ist ein totales Nischenthema, das kaum zugelassen wird, weil es den Kern unserer Wirtschaftsordnung betrifft. Seit die Industrialisierung vorangeschritten ist, ist die Reduktion von Arbeitszeit ein Thema. Aktuell gibt es einen Gegentrend, man will die Arbeitszeit wieder ausdehnen. Weniger als Vollzeit zu arbeiten, wird nun moralisiert, es wird versucht, alle, die nicht gemäß der Norm arbeiten, zu stigmatisieren. Auch bei uns heißt es, wir müssten wieder mehr arbeiten, mehr Zeit in die Wirtschaft investieren. Zugleich gibt es die Diskussionen rund um künstliche Intelligenz. Früher oder später werden wohl viele Arbeitsplätze wegfallen, viel mehr Menschen werden Probleme haben, ihr Leben zu finanzieren. Die Identifikation mit einem Beruf wird sich dadurch ebenfalls verändern, der Stolz und das Gefühl der Selbstwirksamkeit, die sich über Arbeit generieren, dürften infrage gestellt werden. Wenn keine Arbeit mehr möglich ist, dann erschüttert das ja, wie sich unsere Gesellschaft aufbaut und definiert. Da geht es nicht mehr nur um die Sorge der Finanzierung, sondern auch darum, was das mit dem Selbstwert eines Menschen macht.

Werden wir in Zukunft eine andere Definition von Arbeit haben?
Es wäre gut, wenn uns das gelingt; auch dass Zeit nicht mehr die Grundlage für unsere Wirtschaft ist. Allein schon, um den Klimawandel zu bekämpfen und seine Folgen zu vermindern, müssen wir diese Steigerungslogik, die an die Uhrzeit geknüpft ist, überwinden.
Wie stehst du zu neuen Technologien? Viele davon erleichtern uns zwar die Arbeit, führen durch ihre Allgegenwärtigkeit aber dazu, dass wir unser Leben – und somit unsere Zeit – noch mehr vermessen und optimieren.
Viele Apps und kommerzielle Internetdienste saugen unsere Zeit quasi ab. Immer, wenn man sie nutzt, selbst wenn man nur etwas mit Google sucht, arbeitet man unbezahlt für die Techfirmen, das ist ja eigentlich keine freie Zeit mehr. Wir machen zwar vielleicht etwas, das uns guttut – Kontakte auf Social Media pflegen etwa –, aber zugleich ist es Arbeit, die nicht bezahlt wird. Christian Fuchs erklärt in meinem Film, dass bestimmte Konzerne nur dadurch ihren großen Umsatz machen. Es geht um Aufmerksamkeit, es geht um unsere Zeit – und wir merken nicht einmal, dass sie uns gestohlen wird.
Du hast ungefähr fünf Jahre an dem Film gearbeitet. Wie hat sich im Laufe der Arbeit daran dein Verhältnis zu Zeit verändert?
Ich habe nicht wirklich ein Mittel gefunden, um besser mit meiner Zeit umzugehen. Mehr offline zu sein, hilft vermutlich. Auf Social Media bin ich zum Beispiel nicht sehr aktiv. Ein anderer Ansatz ist, nicht noch mehr Aufgaben in den Alltag zu stopfen. Rituale können ebenso dafür sorgen, dass Zeit bewusster erlebt wird, etwa im Rahmen von Meditation oder Sport. Auch beim Spielen lässt sich, besonders wenn man in einen Flow kommt, die Zeit irgendwie ausschalten. Das ist eigentlich die beste Methode, um aus diesem durchgetakteten Zeiterlebnis herauszukommen. Oder einfach wieder zu lernen, Langeweile zu erleben.
Der Film »Auf der Suche nach der gestohlenen Zeit« von Konrad Wakolbinger ist ab 19. Juni 2026 in den österreichischen Kinos zu sehen.