In der internationalen Koproduktion »Man of the House« muss Fran eine weitreichende persönliche Entscheidung treffen. Den Weg der Hauptfigur begleitete unter anderem die Österreicherin Astrid Heubrandtner, die die Kameraarbeit bei dem Film übernahm.

»Die Kamera rückt näher, der Blick wird intimer, die Kamerabewegungen werden ruhiger. Die Kamera verlässt zunehmend die beobachtende Distanz und nähert sich so Frans subjektiver Wahrnehmung an«, beschreibt Astrid Heubrandtner im Interview ihre Arbeit am Spielfilm »Man of the House« (Regie: Andamion Murataj). Heubrandtner ist schon lange in der österreichischen Filmszene tätig. Bereits während ihres Studiums an der Filmakademie Wien begann sie am Set als Beleuchterin und Kameraassistentin zu arbeiten. Im Laufe ihrer Karriere war sie für zahlreiche Produktionen für die Kamera verantwortlich und auch selbst als Regisseurin tätig. Darüber hinaus ist sie Vorsitzende des Verbands österreichischer Kameraleute (AAC), Mitglied von dok.at, der Europäischen Filmakademie und der Akademie des Österreichischen Films. Im Interview erzählt sie, wie sie zur Bildsprache für »Man of the House« fand, wie sie die albanische Filmlandschaft wahrnimmt und was eine gute Kameraperson ausmacht.

»Man of the House« spielt in Albanien und ist eine internationale Koproduktion. Wie kam es zu deiner Beteiligung an dem Projekt?
Astrid Heubrandtner: Meine Beteiligung an »Man of the House« verdanke ich der Produzentin Elly Senger-Weiss von Ellly Films. Wir lernten uns bei der Arbeit am Spielfilm »Home Is Here« kennen und sie schlug mich später dem Regisseur Andamion Murataj als Bildgestalterin vor. Ihr verdanke ich, dass ich Teil dieses besonderen Projekts sein durfte. Die Geschichte und Hauptfigur von »Man of the House« sowie der kulturelle Kontext begeisterten mich sofort. Und auch Ellys Vertrauen in mich freute mich riesig. Sie wollte mich von Anfang an als österreichischen kreativen Part in der internationalen Koproduktion von Albanien, Griechenland, Kroatien, Kosovo, Italien und Österreich dabeihaben.
Wie verlief die Zusammenarbeit mit Regisseur und Drehbuchautor Andamion Murataj?
Andamion lud mich zum Balkan Film Market ein, den er organisiert. Dort lernten wir uns persönlich kennen. Danach folgte eine sehr intensive Vorbereitungszeit mit vielen längeren und kürzeren Gesprächen, meist über Zoom, in denen wir zusammen das visuelle Konzept des Films entwickelten. Wir arbeiteten das Drehbuch Szene für Szene durch und diskutierten dabei immer wieder über Figuren sowie Stimmungen. Aus dieser gemeinsamen dramaturgischen Auseinandersetzung kristallisierte sich die visuelle Handschrift für das Projekt heraus. Besonders wertvoll war, dass ich stark in den Castingprozess eingebunden wurde – so entstand früh ein gemeinsames Verständnis für Tonfall, Körperlichkeit und innere Entwicklung der Figuren.
Wir verbrachten einige Zeit auf Motivsuche in jenem albanischen Dorf, in dem wir dann letztendlich auch drehten. Die Dreharbeiten selbst waren fordernd, aber gleichzeitig sehr bereichernd. Ich konnte mich auf meine außergewöhnlich engagierte Kameracrew hundertprozentig verlassen. Aus Österreich waren Roland Holzer als Kameraassistent sowie zweiter Kameraoperator und Jan Polak als Oberbeleuchter mit dabei. Vor Ort waren die Albaner Valter Rrapa als weiterer Kameraassistent, Astrit Bica als Grip, Gentian Cipi als Beleuchter, Myzafer Rrapaj als Generator-Operator und Adrian Podrimaj als DIT (Digital Image Technician; Anm.) sowie Ercole Cosmi aus Italien als Colorist Teil des Kameradepartments. Ich konnte mich dank dieses großartigen Teams während des Drehs voll auf die inhaltlich-visuelle Umsetzung konzentrieren. Die eigentliche Drehzeit war extrem kurz. Es war eine sehr intensive, manchmal auch anstrengende Arbeit. Alle internationalen Beteiligten gemeinsam prägten den Film durch ihr Engagement.
Der Film verhandelt Geschlechterrollen: Die Hauptfigur Fran (Drita Karaga) wurde als Frau geboren, lebt aber – gemäß der Tradition der sogenannten »eingeschworenen Jungfrauen« – in der Rolle eines Mannes. Inwiefern wolltet ihr diesem Umstand auch filmisch Rechnung tragen?
Andamion und mir war es wichtig, die innere Entwicklung von Fran visuell zu erzählen, nicht erklärend, sondern spürbar. Mit Frans Annäherung an die eigene Weiblichkeit verändert sich auch die Bildsprache: Die Kamera rückt näher, der Blick wird intimer, die Kamerabewegungen werden ruhiger. Die Kamera verlässt zunehmend die beobachtende Distanz und nähert sich so Frans subjektiver Wahrnehmung an.
Viele Szenen entstanden im Bus, den Fran fährt. Welche Schwierigkeiten ergaben sich für dich dabei während des Drehs?
Der Minivan ist für Fran Arbeitsplatz, Rückzugsort und eine Art Schutzraum. Ihr Blick auf die Welt entsteht aus Bewegung, Durchfahrt und Beobachtung aus dem Bus – ihrem Schutzraum – heraus. Technisch war das Fahrzeug eine echte Herausforderung: sehr eng, alt, schlecht gefedert, teilweise defekt. Die hinteren Türen ließen sich nicht wirklich schließen. Wir konnten bei den Fahrten kein zusätzliches Licht einsetzen. Deswegen habe ich das Busdach innen weiß streichen lassen, um so noch etwas an Aufhellung zu bekommen. All diese Szenen mussten wir direkt im fahrenden Van drehen. Die Straßen konnten nicht gesperrt werden, daher haben wir auf wenig befahrenen, oft schlechten Untergründen gearbeitet. Die Kamera war teilweise fest mit dem Stativ eingebaut, teilweise improvisiert abgestützt oder aus der Hand geführt. Der Aufwand war hoch, aber genau diese rohe Direktheit prägte die Bildsprache des Films.

Konntest du einen Eindruck von der albanischen Filmlandschaft gewinnen?
Ja, und dieser Eindruck war durchwegs positiv. Albanien hat eine lebendige Koproduktionskultur, vor allem mit anderen Balkanländern, Italien und Griechenland – und nun auch mit Österreich. Es ist ein spannendes Filmland mit beeindruckenden Landschaften, tollen Menschen mit großer Offenheit sowie großem filmischem Potenzial. Ich lernte dort sehr engagierte, talentierte und zugleich erfahrene Filmschaffende kennen, besonders in meinem Kameradepartment. Unser Equipment vor Ort war nicht immer das neueste, aber das spielte für mich eine untergeordnete Rolle. Für mich ist das Entscheidende ohnehin nicht das Material, sondern der Blick auf die Geschichte und die Haltung dahinter. Wenn das funktioniert und stimmig ist, braucht man keinen technischen Firlefanz. Die Bilder sollen für sich sprechen, nicht die Technik dahinter. Daher war ein kreativer Umgang mit dem vorhandenen Equipment mein Motto. Dieses Motto schränkte mich in meinem visuellen Ausdruck aber keineswegs ein, sondern inspirierte mich vielmehr. Das zur Verfügung stehende technische Material wurde Mittel zum Zweck. Ich wollte die Geschichte in der ihr entsprechenden, fast dokumentarischen Form einer puristischen Bildsprache umsetzen.
Der filmische Blick war lange Zeit und ist mitunter immer noch stark männlich geprägt, gerade was Regie und Kamera angeht. Stichwort: male gaze. Versuchst du hier aktiv gegenzusteuern?
Absolut – aber nicht als theoretisches Konzept, sondern ganz praktisch in der Arbeit. Mich interessiert immer, aus welcher Perspektive erzählt wird und wie Figuren gezeigt werden: mit Respekt, Nähe und Würde. In »Man of the House« sollte Fran nicht betrachtet, sondern wirklich wahrgenommen werden. Gerade bei einer Figur wie ihr ging es mir darum, Nähe herzustellen, ohne zu vereinnahmen oder zu objektivieren. Ihre innere Welt sollte sichtbar gemacht werden. Kameraarbeit kann viel darüber aussagen, wie wir auf Menschen blicken – und diese Verantwortung nehme ich sehr ernst.
Wie bist du in die Filmbranche gekommen? Was fasziniert dich an der Arbeit als Kamerafrau?
Ich habe an der Wiener Filmakademie Kamera studiert, als noch analog gedreht worden ist, und bin dann mit der technischen Entwicklung hin zur digitalen Kamera mitgewachsen. Parallel habe ich während meiner Studienzeit viel als Beleuchterin und Kameraassistentin gearbeitet und so viel Erfahrung direkt am Set gesammelt. Mich fasziniert an der Kameraarbeit der künstlerische Aspekt, der auf visuellem Weg versucht, Geschichten emotional erfahrbar zu machen. Als Kamerafrau bin ich sehr nah dran an Figuren, Räumen und Stimmungen. Ich liebe es, mit Farbe, Licht und Schatten, Bewegung und Stillstand die Welt sowie Geschichten in Bildern einzufangen. Diese Form des Erzählens – Gefühle jenseits der Sprache in Bilder zu übertragen – ist bei jedem Filmprojekt eine neue, spannende Herausforderung.

Fällt es dir leicht, das gedrehte Material an Schnitt und Regie abzugeben? Ist dafür großes Vertrauen notwendig? Überrascht dich manchmal, was am Ende dabei herauskommt?
Das fällt mir sehr leicht, weil Film für mich immer Teamarbeit ist. Jede Abteilung trägt ihren Teil zum Ganzen bei und die Regie führt diese unterschiedlichen Elemente zusammen. Vertrauen ist dabei zentral – sowohl Vertrauen zu bekommen, als auch Vertrauen zu geben und die Arbeit aller Beteiligten zu respektieren. Es überrascht mich aber nicht, was am Ende herauskommt, denn meine Arbeit als Kamerafrau endet ja nicht mit Drehschuss, sondern ich begleite den Film bis in die Postproduktion. Wenn der Bildschnitt abgeschlossen ist, komme ich gemeinsam mit dem*der Colorist*in wieder ins Spiel. Beim Color-Grading wird dann der finale Bildlook definiert.
Du warst auch schon als Regisseurin tätig. Worin unterscheidet sich deine Herangehensweise, wenn du Kamera beziehungsweise Regie machst?
Als Regisseurin arbeite ich meist im dokumentarischen Bereich, sehr nah an realen Menschen und Situationen. Dort entsteht die Bildgestaltung direkt aus dem Inhalt und aus der Beziehung zu den Protagonist*innen heraus. Diese Erfahrung prägt auch meine Arbeit als Kamerafrau stark. Ich denke immer inhaltlich, nicht dekorativ – das Bild soll auch dort aus der Geschichte heraus entstehen. Bei der Regie trage ich die Gesamtverantwortung für Struktur und Aussage, bei der Kamera konzentriere ich mich darauf, diese Haltung visuell präzise umzusetzen. Beides ist für mich aber eng miteinander verbunden und beeinflusst sich gegenseitig.
Du bist mittlerweile seit über dreißig Jahren in der Filmbranche tätig. Welchen Tipp würdest du deinem jüngeren Ich zum Einstieg geben?
Ich bin sehr dankbar, dass ich eine fundierte Ausbildung an der Filmakademie habe machen können und dass ich daneben früh praktische Erfahrung am Set gesammelt habe. Das würde ich auch heute wieder so machen. Mein Rat wäre: möglichst früh in unterschiedlichen Positionen mitarbeiten, zuhören, beobachten und daraus lernen. Neben dem Handwerk und der künstlerischen Auseinandersetzung sind soziale Fähigkeiten enorm wichtig. Ein respektvoller Umgang, Offenheit und Teamgeist sind essenziell. Und ganz wesentlich: neugierig bleiben, viele Filme sehen und sich auch außerhalb des Kinos inspirieren lassen – durch Kunst, Musik, Theater und das Leben selbst.
Der Film »Man of the House« ist ab 27. Februar 2026 in den österreichischen Kinos zu sehen.