Muttersprachenpop — Die wichtigsten deutschsprachigen Neuerscheinungen im August 2026

Deutschsprachiges zwischen Euphorie und Kapitulation, zwischen Pathos und Befindlichkeit. Ausgewählt von Dominik Oswald. Die wichtigsten deutschsprachigen Releases im August 2026. Mit Taby, Jupiter Jones, Marlo Grosshardt, Soko Linx und Hi! Spencer.

Taby (Bild: Peter Golm)
© Taby (Bild: Peter Golm)

Jupiter Jones – »Ich trag den Sarg, Du trägst was Buntes«

Jupiter Jones (Bild: Sandra Ludewig)
Jupiter Jones (Bild: Sandra Ludewig)


Gehen wir es zur Abwechslung einmal faktisch an. Fakt eins: Die per se ganz passable Gruppe Jupiter Jones ist bereits seit dem letzten Album aus 2022 (»Die Sonne ist ein Zwergstern«), dem ersten seit der Neugründung im 21er-Jahr, zu einem Duo zusammengeschrumpft. Fakt zwei: Der Vorgänger wurde noch – like, wer’s noch kennt – pandemiebedingt eher zitzerlweise zusammengetragen und -komponiert, war aber mit Platz 3 in den deutschen Charts – like, wer’s noch kennt – zumindest in dieser Hinsicht das erfolgreichste. Fakt drei: Mit dem ganz cool betitelten »Ich trag den Sarg, Du trägst was Buntes«, ändert sich zwar die Distanz beim Songwriten, aber weder inhaltlich, obwohl es natürlich das »politischste Album« ist, noch musikalisch, noch qualitativ tut sich da jetzt jede Menge im Vergleich zu den letzten Alben, die ja alle eher Richtung Pop als Anspruch geschielt hatten. Natürlich sind hier und da ein paar Zeilen, die man sich auf den Oberschenkel tätowieren kann (aber nicht unbedingt sollte), aber ich sag einmal so: routinierter Poppunk, der große Gefühle zeigt, aber nur selten weckt.

»Ich trag den Sarg, Du trägst was Buntes« von Jupiter Jones erscheint am 7.8.2026 via Mathildas und Titus Tonträger. Keine Termine in Österreich. Hier kaufen.

Soko Linx – »Punk für Leute, die Punk haszen«

Soko Linx (Bild: Peter Leukhardt)
Soko Linx (Bild: Peter Leukhardt)

Obwohl grundsätzlich empfohlen, muss man den maskierten Rächern aus Leipzig nicht in jeder Zeile zustimmen, zumindest beim Titel ihres bereits dritten Album werden keine falschen Hoffnungen geschürt: »Punk für Leute, die Punk haszen« ist Programm, vor allem, wenn es um modernen Punkrock geht, also für den zweiten Teil des Titels. Was das Trio da in den Äther zimmer ist nämlich auf 15 Songs in 37 Minuten eine ordentliche historische Punk-Trend-Mixtur, da kann jedes Formatradio jeden Song spielen, sagen wir: »Das Beste aus den 90ern, 00ern und 10er Jahren«. Oder, wer es genau wissen will: Soko Linx (super Name) spielen deutschsprachigen Pop-Punk der klassischen Farin-Urlaub-Schule (mit Wizo-Feature!), aber schon auch Audiolith-Electroclash. Das tut natürlich nicht sehr weh und macht vor allem gaga Spaß, ist aber jetzt nicht Cutting Edge, aber das muss ja nichts schlimmes sein. Weil wer braucht schon immer Kante, wenn einem 2026 eh schon so viel Einschneidendes einschneidet? Dann lieber wieder Blink-182 hören oder einfach Soko Linx.

»Punk für Leute, die Punk haszen« von Soko Linx erscheint am 7.8.2026 via Fettfleck/Cargo. Keine Termine in Österreich. Hier kaufen.

Taby – »An scharfen Messern lernt man bluten«

Taby (Bild: Peter Golm)
Taby (Bild: Peter Golm)

Da Sie diesen Text lesen, dürfen wir davon ausgehen, dass sich Ihr Herz bei melodramatischen Titeln verstärkt zu durchbluten beginnt, weshalb wir Ihnen hier eine EP von Taby an ebenjenes Organ legen dürfen. Auch bekannt als Taby Pilgrim und nach einigen Rap-Alben, -Touren und -Kollabos etwa mit Fatoni, Edgar Wasser, aber auch mit The toten Crackhuren im Kofferraum und Blond(!) wird nun in anderen Genres dynamitgefischt: im unerschöpflichen, tausend Tränen tiefen Meer von Emo-Drama-Pop, der – Achtung, Ohren spitzen! – Evanescene-Schule. Wer damals gut aufgepasst hat, weiß, worauf es sich auf den leider nur fünf Songs zu freuen lohnt: pompösen Düster-Rock mit viel Piano, leichten elektronischen Flächen, aber vor allem mit sehr viel, gar maximalem dramatischen Gestus, das kriegt, wenn man nach neueren Vergleichen sucht, maximal Mia Morgan 2019 hin. Also das ist schon ziemlich cool!

»An scharfen Messern lehnt man bluten (EP)« von Taby erscheint am 7.8.2026 via angrierthanever/Recordjet. Keine Termine in Österreich.

Hi! Spencer – »Immernie«

Hi! Spencer (Bild: Frederic Hafner)
Hi! Spencer (Bild: Frederic Hafner)

Das Gesicht in der Mitte obigen Fotos dürften Doomscroller*innen, die im ewigen Schatten-Moloch ihrer Reels auch immer nach der Suche nach ein klein wenig Hoffnung in Form von Comedy-Snippets sind, womöglich erkennen: Sven Bensmann ist nicht nur Experte für Flachwitze, sondern auch Sänger von Hi! Spencer, die auf ihrem bereits vierten Album seit 2015 gar nicht mal so klamaukig daherkommen, sondern ziemlich respektablen Indiepoprock. Für besonders hohe Like- und Shareability ist ein gewisses Identifikationspotenzial natürlich nicht schlecht, in Form von »Immernie« speist sich dieses vor allem aus einer gewissen verklärten romantischen Melancholie und Nostalgie, die beiden »Focustracks« (wie man heute sagt) »Heimweh« und »Wenn der Sommer geht« erzeugen eine doch sehr schöne Nähe. Dass der Grat zwischen Kitsch und Kunst an dieser Stelle schmal und die Fallgefahr hoch ist, mag zwar stimmen, ist jedoch, wenn man auf der richtigen Seite steht, dann ganz schön gut.

»Immernie« von Hi! Spencer erscheint am 21.8.2026 via Merchcowboy Records. Keine Termine in Österreich. Album hier kaufen.

Marlo Grosshardt – »Bildet Banden«

Marlo Grosshardt (Bild: Julia Tiemann)
Marlo Grosshardt (Bild: Julia Tiemann)

Also nicht, dass der Hawara auf dem Foto uralt ausschauen würde, aber spätestens wenn du die Musik hörst, denkst du dir: Niemals ist dieser Marlo Grosshardt erst 25 Jahre alt. Weil da schwingt eine Weisheit mit, ein politisches Gewissen ohne plumpes Draufhauen oder banale Betextung, das kriegt dir normalerweise in Vierzigjähriger nicht hin. Da ist eine Schwere drinnen, in diesem doch sehr häufig sehr traurigen Songwriter-Pop oder Liedermacher-Pop oder wie auch immer man es nennt, wenn einer mit viel Gitarre und Piano von all den Ungerechtigkeiten dieser Welt singt. Und wenn es einmal nicht um den globalen Zustand geht, dann um die kleinen Krisen in einem drinnen – und wir wissen: das sind ja auch nicht gerade Pappenstiele, alles ist politisch und so. Dabei offenbart Grosshardt auch ein wenig einen seiner Superkräfte. Du kommst zwar für das politische Feuer, bleibst aber für die intimen Stücke, das ist irgendwie eine ganz angenehme Art, die die nicht mehr loslässt. Wirklich sehr gut!

»Bildet Banden« von Marlo Grosshardt erscheint am 14.8.2026 via Marlo Grosshardt / The Orchard. Live Termine: 5.9.2026 Flex, Wien. Hier kaufen.

Die bisherigen Veröffentlichungen von Dominik Oswalds Reihe »Muttersprachenpop« finden sich unter diesem Link.

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