»Im Grunde ist alles Zufall« – Interview mit Nicolas Pindeus zu »Zufall & Notwendigkeit«

Mit »Zufall & Notwendigkeit« ist dem Filmakademie-Wien-Studenten Nicolas Pindeus ein schönes Porträt eines jungen Mannes und seiner Ängste und Sehnsüchte gelungen – gefilmt im Stile der frühen Jim-Jarmusch-Filme. Der auf der Diagonale ’19 ausgezeichnete Kurzspielfilm ist neu beim Kino VOD Club kostenlos zu streamen. Cinema Next hat dem Regisseur ein paar Fragen gestellt.

© Nicolas Pindeus

In »Zufall & Notwendigkeit« kommt die Hauptfigur Franz, beeindruckend gespielt von Laurin Saied, ebenso wenig aus sich heraus wie sein Wellensittich aus dem Käfig. Introvertiert, passiv und entscheidungsscheu versucht Franz, die Welt von sich abzuschotten. Lethargisch driftet er durch den Sommer, bis die Energien seiner unterdrückten Emotionen sich sukzessive Bahn brechen. »Eine leichtfüßige Wiener Evolutionsgeschichte in den letzten Atemzügen der Adoleszenz«, wie es im Katalog der Diagonale ’19 steht.

»Zufall & Notwendigkeit« ist die nächste Veröffentlichung in der Cinema Next Series, die regelmäßig auf der Streamingplattform Kino VOD Club kostenlos spannende Filme von heimischen Filmtalenten präsentiert.

Cinema Next: In deinen eigenen Worten: Worum geht es in »Zufall & Notwendigkeit«?

Nicolas Pindeus: Im Grunde geht es um einen jungen Mann, der vor verschiedenen Situationen, mit denen er im Laufe eines Tages und einer Nacht konfrontiert wird, davonläuft. Zunächst möchte er seine kranke Mutter besuchen, doch er entscheidet sich im letzten Moment dagegen. Stattdessen sucht er Zerstreuung, zuerst bei einer Freundin, dann auf einer Party und gerät dabei immer wieder in Situationen, denen er sich im Augenblick nicht gewachsen fühlt – und durch das ständige Weglaufen auch zunehmend in eine Abwärtsspirale. Der englische Titel des Films lautet »Life Between The Exit Signs«, das fasst es auch ganz gut zusammen.

Wir sehen Skizzen aus dem Leben eines jungen Mannes, die sehr persönlich wirken. Warum hast du diese Geschichte erzählen wollen und was war dir dabei wichtig?

Mich hat interessiert, welchen Facetten unserer persönlichen Identität wir unter unterschiedlichen Umständen im Leben mehr oder weniger Bedeutung beimessen. Zum Beispiel kommt der verstorbene Vater der Hauptfigur aus Südamerika.Eine Art und Weise, seine gegenwärtigen Probleme zu verdrängen, stellt der hilflose Versuch dar, sich der Kultur seines verstorbenen Vaters annähern zu wollen, indem er z. B. südamerikanischen Fußball schaut oder alleine auf lateinamerikanische Partys geht, obwohl er in Wahrheit nicht wirklich einen Bezug zu diesem Teil der Welt hat.

Das Persönliche an dieser Geschichte liegt darin, dass ich mir solche Fragen selber gestellt habe, nachdem meine Mutter gestorben ist. Infolgedessen habe ich verstärkt wahrgenommen, wie sehr es im Allgemeinen unser Verhalten und unsere Entscheidungen bestimmt, ob wir gerade irgendeinen Mangel oder irgendwelche Verlustängste in uns verspüren, die wir kompensieren wollen.

Nicolas Pindeus, geboren 1993, lebt in Wien und studierte Philosophie in Wien und Madrid. Seit 2015 ist er im Regiestudium an der Filmakademie Wien. Für »Zufall & Notwendigkeit« gewann er den Preis der Jugendjury – Bester Nachwuchsfilm der Diagonale ’19 in Graz. © Miriam Raneburger

Ihr findet für das männlich-fragile Teenagerdasein sehr schöne Bilder und man hat auch irgendwie das Gefühl, gar nicht in Wien zu sein. Wie habt ihr eure Bildsprache erarbeitet?

Dadurch, dass es im Film um einen suchenden, sich treiben lassenden Protagonisten geht, und auch aufgrund des Umstandes, dass wir den Film analog auf 16  mm drehen konnten, haben wir stilistisch an US-amerikanische Independent-Filme der 1970er und -80er Jahre denken müssen, wie z. B. die frühen Jim-Jarmusch-Filme. Auch unserem Film sieht man z. B das Material sehr stark an, auf dem er gedreht worden ist.

Was die Bildsprache angeht, haben wir sehr viel mit Nahaufnahmen gearbeitet. Da es klar war, dass das kein Film sein wird, der das Publikum durch eine besonders spannende Handlung fesselt, war es besonders wichtig, den Film mit Menschen zu besetzen, die eine besondere Ausstrahlung haben, die ein Geheimnis haben und denen man gerne zusieht. Daran hat sich auch unsere Bildsprache orientiert.

Teil des sehenswerten Schauspiels: Jungschauspielerin Maya Unger © Lemonade Films

Dein Film wird auch vom Schauspiel getragen: Laurin Saied, aber auch Maya Unger, sind großartig. Ist es schwierig, die passenden JungschauspielerInnen zu finden?

Der Casting-Prozess ist in erster Linie aufwendiger. Wir haben damals, glaube ich, fast alle Schulen in Wien kontaktiert, alle Jugendtheatergruppen usw. Ich hatte dann das große Glück, beide Rollen schon nach der ersten Casting-Runde besetzen zu können. Maya hat damals schon Schauspiel studiert, Laurin ging noch in die Schule, und es war seine erste größere Filmrolle. Wir haben dann als Vorbereitung für den Dreh sehr viel Zeit miteinander verbracht, und mir war es vor allem wichtig, dass er weiß, dass er richtig besetzt worden ist und deshalb voll und ganz auf sich vertrauen kann. Und ich finde, am Ende haben das alle wunderbar gemacht.

Was bedeutet eigentlich für dich der Titel »Zufall & Notwendigkeit« in Bezug auf deinen Film?

Dass im Grunde alles, was wir sind, was uns im Leben widerfährt, die Menschen, denen wir begegnen etc., Zufall ist – in dem Sinne, dass wir schlichtweg keinen Einfluss darauf haben. Und irgendwie geht es doch im Leben letztendlich darum, die Zufälle zur Notwendigkeit zu machen – auch für den Protagonisten dieses Films.

Schlägerei vor der U-Bahn-Station © Nicolas Pindeus

Welche ist deine Lieblingsszene in »Zufall & Notwendigkeit« und warum?

Vermutlich die Szene mit der Schlägerei vor der U-Bahn-Station. Das war die allerletzte Szene, die wir gedreht haben, und zunächst einmal ist alles schiefgelaufen, weil mir fast alle Darsteller für die Szene noch am Drehtag abgesagt haben. Ein Studienkollege hat dann für mich alle möglichen Menschen angerufen, um sie zu fragen, ob sie Lust haben, sich in der Nacht vor einer U-Bahn-Station zu prügeln, während wir tagsüber schon dabei waren, eine andere Szene zu drehen. Ich habe davor noch nie eine Schlägerei inszeniert und hatte natürlich große Angst, dass das alles wahnsinnig peinlich wird. Die drei jungen Männer, die die Szene am Ende gespielt haben, hatten aber so viel Freude daran, vor Ort einen Streit zu improvisieren und eine Schlägerei zu choreografieren, dass ich es selber kaum glauben konnte, wie gut das letztendlich funktioniert hat.

Für die, die jetzt immer noch überzeugt werden wollen: Gibt in einem Satz eine Empfehlung für deinen Film ab!

Man soll seinen eigenen Film nicht empfehlen – aber seine Darstellerinnen und Darsteller. Die sind super. Die sollte man sich anschauen!Eine Interview-Reihe in Kooperation mit Cinema Next – Junges Kino aus Österreich.

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