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74 von 100 der erfolgreichsten Filme der letzten 10 Jahre sind Fortsetzungen, Remakes oder Adaptionen von Büchern und Comics. Arbeitet Hollywood wie Guttenberg und sampelt nur die Arbeit anderer? Notizen zur Plagiatsdebatte.

Ist Guttenberg ein Kindesräuber? Wenn man der Bedeutung des seit dem 17. Jahrhundert verbürgten Worts Plagiat folgt, dann wohl ja. Das Wort Plagiat geht nämlich angeblich auf einen spätantiken Dichter zurück, der einen seine Pointen kopierenden Kollegen als Plagiarius, also als Kindesräuber bezeichnete.

Die Gutenberg-Bibel des 15. Jahrhunderts wollte möglichst viel Verbreitung statt Originalität, die Guttenberg-Dissertation wohl eher das Gegenteil, nämlich die Vortäuschung von Originalität und nicht allzu viel Verbreitung, damit nichts auffällt. Nachdem der deutsche Freiherr mit Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt worden war, spürte man die Genugtuung der Plagiatsjagdgesellschaft aus netzaktiven Hobbydetektiven, „alten“ Medien, akademischen Würdenträgern und politischen Gegnern. Dabei geriet in Vergessenheit, dass Plagiarismus auch eine künstlerische-aktivistische Strategie mit einer gewissen Tradition ist, dass der Streit um geistiges Eigentum auch ein Streit um den materiellen Wert von Eigentum an sich und damit eine eminent politische Grundsatzfrage darstellt – und nicht zuletzt, dass es so etwas wie Creative Commons bzw. eine Copyleft-Bewegung gibt, die sich gegen die systematische Erschwerung des technologisch heute ja vereinfachten Zugangs zu Wissen und kulturellem Material wendet. Und waren Raubkopien nicht immer wichtig für die Kommunikation im politischen Untergrund? Ist Produktpiraterie etwa im von der Pharmaindustrie bewusst hochpreisig gehaltenen Arzneibereich nicht ein Gebot der Stunde? Sind nicht umgekehrt diejenigen, die Produktpatente etwa auf Reis oder andere Grundnahrungsmittel durchsetzen und gegen Plagiate bzw. Fälschungen vorgehen, diejenigen, die gegen ein Gesetz der Menschlichkeit verstoßen?

Zitate, Referenzen, Samples, Kopien

Originalität und Fälschung unterhalten miteinander eine schwierige Beziehung. Einerseits gilt Originalität im Sinne von nachweisbarer Eigenständigkeit bei gleichzeitig korrekter Zitation der Quellen nach wie vor als Gebot der Wissenschaft. Und für viele auch als oberste Künstlerpflicht, die den Zeitgenossen vom Epigonen und das Neue vom Alten trennt. Andererseits ist es in der Kunsttheorie längst State-of-the-Art, dass die am bürgerlichen Geniebegriff klebende Vorstellung einer vom Himmel fallenden Eingebung obsolet ist. Es gibt das Neue als Neues nicht, während umgekehrt sogar die 1:1-Wiederholung den Gegenstand der Wiederholung als Differenz wiederholen kann – so entstehen zum Beispiel Sog, Trance, Rhythmus und Spannung am Tanzboden.

Als origineller Geist gilt daher heute der, der mit dem Wissen um die Unmöglichkeit einer bahnbrechenden Originalität möglichst originell umgeht.

Die Beispiele der genialen Fladeranten reichen jedenfalls von Malcolm McLaren bis Danger Mouse, von Thomas Meinecke bis Helene Hegemann, vom radikalen Plagiarismus als Antikunst-KunstCoup-Verfechter Stewart Home bis zur feministischen Appropriation-Art-Künstlerin Sherry Levine. Denn überall wimmelt es mittlerweile von Zitaten, Referenzen, Samples, Kopien, Plagiaten, Fakes und Serien. Leben wir also ohnehin schon längst in einer Recyclingkultur, wie sie Tricky einst im griffigen Slogan „Brand new, you are retro“ zu fassen versuchte? In der Wiener Secession stellt zum Beispiel derzeit der junge Künstler Christoph Meier neben anderen durch den Vorgang des Kopierens erst ins Leben gerufenen Skulpturen auch eine reale Kopiermaschine aus. Ihn reizt aber gerade nicht die simple Verdopplung, sondern die Abweichung (die Guttenberg ja auch zum Zweck der Spurenverwischung in seine geklauten Sätze eingebaut hatte): »In den Prozess des Kopierens Fehler einzubauen, das ist dann die Freiheit, oder auch die Notwendigkeit, wenn man so will, damit man auch etwas Neues macht. Die Quelle existiert dabei nur als eine solche und als ein Grund, etwas zu machen.«

Die produktive Kraft der Wiederholung ist in der Kultur längst zum Standard geworden. In gewisser Weise beweist das ironischerweise gerade das plagiatkritische, selbst aber wiederum aus lauter Samples bestehende Projekt „Everything is a remix“. Die auf vier Teile angelegte Internet-Videoserie des Künstlers Kirby Ferguson widmet sich Pop und Entertainmentindustrie, die laut Ferguson in einer ewigen Wiederkehr des Gleichen gefangen ist, die sich als ewige Wiederkehr des Neuen tarnt. Soweit, so alt. Denn diesen Vorwurf in Richtung einer „alles mit Ähnlichkeit schlagenden Kultur“ ist selbst ein Loop. Man kennt ihn schon seit Adorno. Die erste Ausgabe der rasant geschnittenen Videos ist jedenfalls eine Art popdetektivische Spurensuche mit Schwerpunkt HipHop und verfolgt etwa die exemplarische, bis heute andauernde Karriere der Chic-Basslinie in »Good Times«, die als Über-Sample Tracks der Sugarhill Gang, von Grandmaster Flash, Will Smith oder Daft Punk anschiebt. Remixen, kommentiert Ferguson aus dem Off, könne jeder. Das Schnipseln und Basteln an der Endlosschleife der Rekombination sei daher die heutige »Folk Art«.

So gesehen war zum Beispiel Marcel Duchamp ein Wegbereiter dieser neuen Volkskunst. 1919 hatte er eine Kopie der Mona Lisa auch mit einem »Fehler« veredelt. Er male ihr einen Schnurrbart und kritzelte die Buchstaben L.H.O.O.Q. dazu. Laut Duchamp selbst standen die Buchstaben für: »Ihr ist heiß am Arsch«.

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