Tanzend denken lernen

"An artistic-theoretical parcours on choreographing things and re-thinking the body of choreography". Es geht also um Tanz, es geht ums Denken.

Seit Mitte den neunziger Jahren hat die Philosophie den Tanz für sich entdeckt. Zeit, dass auch der Tanz die Theorie zu ihrem Gegenstand macht. Zum neunten Mal widmete sich das Festival Scores im Tanzquartier Wien einer ganz bestimmten Fragestellung und untersuchte diese in theoretischer und praktischer bzw choreographischer Hinsicht. Scores fordert dabei, ganz im Sinne Nietzsche´s, das Pubikum auf, Denken als eine Art Tanzen zu erlernen. So wird das Denken eine körperliche Disziplin, die eine physische Technik und Praxis erfordert. Eine Person, die wissen möchte, wie man denkt, muss also auch wissen, wie man tanzt. Diesmal standen die Dinge an sich im Mittelpunkt. Das wirft auch die Frage auf: Wer tanzt eigentlich? Tanzt „es“ oder tanzen wir? Oder: Wer bewegt eigentlich wen? Ständig sind wir von Dingen, Artefakten und Materialien umgeben, wir halten uns an ihnen fest und wir vergewissern uns der Welt anhand der Dinge, als Tänzer wie auch als Nicht-Tänzer.

Können Dinge etwas wollen?

Der Publizist Helmut Ploebst, von dem man immer wieder Tanzkritiken im Standard und in anderen Medien liest, veranstaltete im Rahmen des Festivals einen Workshop, in welchem er eine „kollaborative Forschung über Choreografie als Methode zur Desorganisation von außerkörperlichen „Organen“ der Entkörperung“ versucht. Ein Titel, mit dem man vielleicht auf den ersten Blick nicht allzu viel anfangen kann, der aber sofort Assoziationen auslöst. Wie zum Beispiel: Was ist Entkörperung eigentlich und wie kann ich das choreographisch darstellen?

Der bulgarische Philosoph Bojan Manchev stellt uns vor die Frage: Was wollen die Dinge und Daniel Aschwanden und Conny Zenk konfrontieren uns mit einem allzu vertrauten Gegenstand – unseren Smartphones. In "Bastardschwärmen im Selfie- Loop" stellen sie uns vor die unangenehme Frage: Wer kontrolliert eigentlich wen? Laut dem Philosophen Leibniz ist der Wille Voraussetzung für Leben. Können Dinge etwas wollen? Und ist es nicht so, dass wir uns längst schon ihrem Willen unterworfen haben, wie zum Beispiel unseren Smartphones, die wir ständig mit uns herumtragen, Speicher intimster Geheimnisse und sogar nachts immer griffbereit…

Mandelbrot

In "The Artificial Natur Project" von Mette Ingvartsen wird die Bühne zunächst in ein bewegliches Planetarium verwandelt. Sterne scheinen von der Decke herab zu segeln und beweisen erneut ihren eigenen Willen, auf eine poetische Art. Die Sterne werden schließlich als Teile von Gold- und Silberfolien enttarnt, welche die Tänzer konstant in Bewegung setzen – oder ist es umgekehrt und sie werden von den Partikeln bewegt? Auf der Bühne entfaltet sich so ein visuelles Kunstwerk, welches an die Chaostheorie von Mandelbrot erinnert – solange Chaos ist, herrscht Ordnung.

In seiner Lecture erläuterte der französische Architekt Francois Roche das Konzept der new territories. „New-Territories” sehen Architektur als etwas, das aus Unsicherheit hervorgeht und indem Dinge „In Form“ gebracht werden, soll uns das wiederum Sicherheit vermitteln.

In "Pulling Strings" von Eva- Maria Keller, wird der Saal im TQW in eine Bühne verwandelt, die an Buster Keaton und „The Scarecrow“ erinnert, in welchem Buster Keaton und sein Mitbewohner ein ganzes Haus in einem Zimmer untergebracht haben, je nach Bedarf ziehen sie an einer Schnur und das Esszimmer wird in einen Salon verwandelt, oder die Abwasch in ein Gemälde. Durch einen sehr spielerischen Zugang wird und vor Augen geführt, wie alle Dinge ihre Bedeutung erst im Zusammenhang miteinander erlangen.

Auch Jack Hinterhauser und Lisa Hinterreithner setzen sich in "Relationalities" mit Zusammenhängen auseinander. Dem Publikum werden gekennzeichnete Sitzplätze zugewiesen, wodurch jeder Zuseher, seine eigene individuelle Perspektive bekommt, die allerdings wiederum auf der Zufälligkeit der Platzwahl beruht. Und seit der Renaissance wissen wir, dass Perspektive immer mit Partizipation einhergeht. Ein Ursache- und Wirkungsspiel beginnt, ganz ohne Tricks und ohne Überraschungen, dafür mit umso mehr Bedeutung.

In der Lecture – Performance "Können Müssen Wissen – Can Must Know", von Roland Rauschmeier werden grundlegende Parameter der künstlerischen Praxis im Allgemeinen. In "Organic Display" von Micha Purucker hört das Publikum in den Raum, während die Worte des untypischen Bodybuilders Samuel Fussel auf Diskussionsbeiträge aus medizinischen Fachzeitschriften treffen. Nikolaus Gansterer rückt den Tisch in seiner Performance Lecture "Thinking Matters Other Others: A Translecture" in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit. Der Tisch als Semantisches: Ort des Austausches, des Verhandelns und Arrangierens, Zeuge von Zeichen, Gesten und Dingen.

Tanzend Denken lernen

Marie- Luise Angerer liefert in ihrem Vortrag vor allem grundlegende Gedanken zu den Dingen an sich und der Idee des „moving body as a mode of existence“. Mit "Things that surround us" zeigt uns Clement Layes nicht nur, dass das absurde Theater noch am Leben ist, sondern er liefert auch eine gelungene und humorvolle Interpretation der Welt der Dinglichkeit.

Keine Angst vor Theorie, beziehungsweise Theoretisierung der Dinge und vice versa: keine Angst davor, die Theorie tanzen zu lassen. Und mitunter tun sich dabei interessante Zusammenhänge auf – oder auch nicht. Aber darum geht es ja: tanzend Denken lernen. Außerdem: mehr Bewusstsein für die Dinge, die uns umgeben, beziehungsweise mit denen wir uns umgeben, damit wir uns nicht von uns selbst entfremden.

"Scores No9" fand von 2. bis 29. November 2014 im Tanzquartier Wien statt.

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