Ein Tatsachenroman über ein »Endphase­verbrechen« am Semmering – »Die letzten Tage« von Martin Prinz

1945 begingen national­sozialistische Macht­haber*innen in den ihnen ver­bliebenen Herr­schafts­gebieten zahl­reiche sogenannte »Endphase­verbrechen«, so auch im Semmering­gebiet. Martin Prinz hat diese realen Begeben­heiten in einen packenden Roman gegossen.

© Jung und Jung (Cover »Die letzten Tage«; Ausschnitt)

Das Folgende ist belegte Geschichte: Nachdem die Rote Armee Anfang April 1945 Neunkirchen, Gloggnitz und deren Umgebung befreit hatte, flüchteten die national­sozialistischen Funktionäre, Volkssturm, Hitlerjugend, Gendarmerie und alle staatlichen Dienst- sowie Partei­dienst­stellen aus dem Kreis Neunkirchen nach Schwarzau im Gebirge. Darunter waren auch die Haupt­personen des Romans von Martin Prinz: der Kreis­leiter Johann Braun (49), der SA-Standarten­führer und Kreis­stabs­führer des Volks­sturmes Josef Weninger (46), der Bann­führer der Hitler­jugend im Kreis Neun­kirchen Johann Wallner (26) und der Kreis­organisations­leiter der NSDAP-Kreis­leitung Roman Gosch (29).

Wahre Begebenheiten

Kreisleiter Braun wies als Erstes die Gendarmerie und das aus Hitler­jungen bestehende Volks­sturm-Sonder­kommando der Kreis­leitung Neun­kirchen an, aus Sicht der Nazis unzu­verlässige Personen in der Gegend zu verhaften. Paul Klamer, der Orts­gruppen­leiter von Reichenau, erstellte dafür eine Liste vermeintlich verdächtiger Personen. Die erste Verhaftungs­welle startete am 5. April 1945 und umfasste knapp zehn Personen. Die Vor­würfe reichten von Mitglied­schaft in einer sozialistischen Geheim­organisation über Anschuldigungen, Anti­faschist oder »Halbjude« gemäß den Nürnberger Rassen­gesetzen zu sein, bis hin zum Vorwurf, »nie etwas zu arbeiten, gut zu leben und herum­zuflanieren«. Einige wenige dieser Verhafteten entließ Braun anschließend, die rest­lichen wurden nach St. Pölten zur Gestapo überstellt. Vermutlich am 14. April 1945 wurden die Gefangenen dann in St. Pölten entlassen. Der eben­falls im Zuge dieser Aktion verhaftete Wenzel Hofmann wurde hingegen ermordet – von Johann Wallner sowie einem unbekannten SS-Mitglied. Hofmanns Vergehen? Er galt als Anti­faschist.

Danach errichtete der Kreisleiter ein Stand­gericht, das nicht einmal den national­sozialistischen Vorgaben für ein solches entsprach, weil ihm weder der vorgesehene Straf­richter noch ein Staats­anwalt zur Verfügung standen. Statt­dessen besetzte Braun es mit Wallner und Weninger. Zu dritt verurteilten sie fünf Menschen zu Tode, schickten zwei an die Front und einen heim. Zur Ab­schreckung der Bevölkerung agierten die Machthaber besonders grausam: Die zum Teil entstellten Leichen der Hin­gerichteten wurden – mit Schmäh­schriften wie »Ich war ein fahnen­flüchtiges Schwein« versehen – aufgehängt und mehrere Tage zur Schau gestellt. Gendarmerie­mitglieder mussten Kollegen erschießen, Freunde Freunde. Argumente der Angeklagten zählten vor dem Tribunal nicht. So war zum Beispiel der vom Stand­gericht wegen Fahnen­flucht hin­gerichtete Oskar Wammerl ein ver­wundeter Wehr­machts­soldat auf offiziellem Genesungs­urlaub. Das Stand­gericht glaubte ihm das nicht – ohne den Sachverhalt jemals zu überprüfen.

Am 23. April 1945 begann eine zweite Verhaftungs­welle in Reichenau, Haaberg und Prein. Alle Ver­hafteten hatten sich zuvor bei den lokalen Macht­habern auf politischer oder persönlicher Ebene unbeliebt gemacht. Von sieb­zehn Verhafteten wurden fünfzehn erschossen, einem ge­lang die Flucht, eine Person wurde frei­gelassen. Als Haupt­verdächtige in dieser Angelegen­heit kristallisierten sich der schon genannte Paul Klamer und Franz Plechard (Propaganda­leiter der NSDAP-Gruppe Reichenau) heraus. Beide ent­zogen sich nach Kriegsende durch Selbstmord der Verant­wortung.

Verschwiegen, verdrängt und vergessen

Die Ereignisse sind deswegen so gut dokumentiert, weil die österreichische Gerichts­barkeit nach 1945 ein sogenanntes Volks­gerichts­verfahren gegen die Täter durchführte. Braun, Weninger und Wallner wurden in diesem Verfahren zum Tode verurteilt und 1948 hingerichtet. Der zu lebens­langer Haft verurteilte Gosch kam 1953 frei.

Danach wurde es, mit wenigen Ausnahmen, still um die Vorgänge. In den betroffenen Orten gibt es einige Erinnerungs­zeichen (mehrere Gedenk­tafeln mit Namens­listen und zumindest eine Straßen­benennung nach einem der Opfer). Rund um die Nullerjahre begann ich selbst eine Diplom­arbeit über die Gescheh­nisse zu verfassen, weil das umfang­reiche Akten­material des Prozesses laut Dokumentations­archiv des Öster­reichischen Wider­standes bis zu jenem Zeit­punkt noch nie bearbeitet worden war. Ergänzendes fand sich in einem damals noch unpublizierten Manuskript des Zeugen Alois Kermer, das erst 2016, zehn Jahre nach seinem Tod, als Buch veröffentlicht wurde. 2020 thematisierte die aus Schwarzau im Gebirge stammende Land-Art-Künstlerin Sabine Luger in der Aus­stellung »Landschaft : Erinnerung« die Verbrechen. »Da habe ich das erste Mal über Dinge reden können, über die man vorher nie gesprochen hat«, erzählte eine Zeit­zeugin der damaligen Verbrechen laut einem ORF-Bericht über die Ausstellung.

Martin Prinz (Foto: Lukas Beck)

Packende Darstellung

Letztes Jahr veröffentlichte der Schriftsteller Martin Prinz dann einen Roman auf Basis des Prozess­materials. Ihm ge­lang eine packende Darstellung der Gescheh­nisse, indem er den Hunderte Seiten umfassenden Gerichtsakt – Vernehmungs­protokolle, Zeug*innen­aussagen, Anzeigen, Anklage- und Urteils­schriften – zwischen zwei Buchdeckel verdichtete. Es ist verstörend zu lesen, welche Atmosphäre der Gewalt hier in den letzten Kriegs­wochen herrschte, mit welchem Fanatismus und Hass die National­sozialist*innen bis zum Schluss gegen (vermeintliche) Gegner*innen vorgingen. Ins Auge springt beim Lesen auch, wie unver­froren lächerlich die Ausreden der Angeklagten waren: Man habe nicht gewusst, habe vergessen, habe nicht hinterfragt oder dies und das eigentlich eh als unrechtmäßig empfunden. Es wird auf vermeint­liche Befehls­ketten verwiesen, aktiv gelogen, nur zuge­geben, was sich nicht mehr leugnen lässt, und vor allem bewusst ver­schwiegen. Was Leser*innen kaum wissen können: Wie nahe die Erzählung am Originalakt dran ist. Der Autor übernimmt über weite Strecken den Duktus des Aktes und gibt die Aussagen der Beteiligten konsequent im Konjunktiv wieder. Literarisch freier – und fiktionaler – sind kurze Passagen, in denen sich Prinz mittels Du-Form an die Beteiligten wendet.

»Der pure Wahnsinn«

Der Roman machte das bisher wenig beachtete Verbrechen schlagartig in der öster­reichischen Öffent­lich­keit bekannt. Wohl alle relevanten heimischen Medien, aber auch die Zeit sowie die Süd­deutsche Zeitung berichteten im Zuge der Veröffentlichung über die Vorfälle. Der Roman stand auf der Shortlist des Öster­reichischen Buch­preises 2025 und wurde beim Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch mit dem Anerkennungs­preis aus­gezeichnet. Ein Theater­stück soll folgen. Die Presse widmete den ermordeten Schwestern Olga und Elisabeth Waissnix eine Reportage. Martin Prinz und eine Nachfahrin der ermordeten Marie Habietinek konnten im Zusammen­wirken klären, wer diese bei den Macht­habern denunziert hatte. Weitere Infos und Updates finden sich auf der Facebook-Seite des Autors.

Ein wesentlicher Punkt ist allerdings bis heute ungeklärt: Marie Landskorn, Mutter von vier Kindern, gemeinsam mit anderen später Erschossenen verhaftet und eingesperrt, ist seit­dem verschwunden. Obwohl der Mörder nach dem Krieg zweimal (unter anderem im Beisein der Tochter Marie Landskorns) über die Tat berichtete, obwohl auf dessen Angaben hin tatsächlich eine Frauen­leiche gefunden wurde (die Marie Landskorns Mutter nicht mehr identifizieren konnte) ist nichts weiter passiert. Es kam zu keiner Anklage. Es ist heute auch nicht bekannt, wo die sterblichen Überreste der gefundenen Toten be­stattet sind.

Sicher ist hingegen, dass die Gendarmerie­chronik des Postens Schwarzau, die dazu Auskunft geben könnte, verschollen ist. Sicher ist auch, dass viele der in welcher Weise auch immer in die Verbrechen Verstrickten vor aller Augen unbehelligt bis an ihr Lebens­ende in der Gegend weiter­leben konnten. Während Angehörige noch heute nach der Toten suchen.

Martin Prinz »Die letzten Tage«

Der Roman »Die letzten Tage« von Martin Prinz ist 2025 im Verlag Jung und Jung erschienen.

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