Einmal fliegen wie ein Löwenzahn

In seiner Modekolumne "Einteiler" bespricht unser Kunst-, Design- und Moderedakteur Gabriel Roland unter dem Motto "die österreichische Modeszene Stück für Stück" jeweils ein Textil aus einer Kollektion. Heute: ein Hauch aus Seide des Labels Moto Djali.

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Im Frühsommer verwandeln sich die Blüten des Löwenzahns in Kugeln aus seidigen Härchen. Eine Böe genügt und die Samen der Blumen fliegen davon. Das ist nicht zuletzt deswegen so faszinierend, weil uns bodenständigen Kreaturen diese Schwerelosigkeit so fremd ist. Wer hat denn noch nie einen reifen Löwenzahn gepflückt und dem Wind seine Arbeit abgenommen, um dann dem luftigen Tanzen zuzusehen?

Meines Wissens ist es noch Niemandem gelungen, ein Textil aus Löwenzahnsamen herzustellen, aber mit einem leichten Kleid aus Seide kommt man dem Gefühl des Schwebens schon ein großes Stück näher. Besonders einfach geht das vermutlich mit diesem Kleid aus der AWSS16/17 Kollektion des Wiener Labels Moto Djali das Seide, das Motiv der Pusteblume und einen luftigen Schnitt verbindet.

Wo aber mit mir die romantischen Vorstellungen von Schwerelosigkeit über saftigen Wiesen druchgehen, bleiben die beiden Designerinnen von Moto Djali sachlich: der selbst entworfene Digitaldruck ist schwarz-weiß, abgehackt und entfremdet; der Schnitt zwar locker und fließend, aber gleichzeitig klar, kühl und geometrisch. Von einem durchschnittlichen Sommerkleid mit Blümchen kann hier glücklicherweise keine Rede sein.

Dafür ist das Zusammenspiel von Material, Schnitt und Print viel zu komplex – ohne sich aber irgendwelchen Spielereien hinzugeben. Das Kleidungsstück drängt sich nicht vor, seine Effekte bleiben subtil und natürlich. In diesem Fokus auf die klar fließende Linie erkennt man die Expertise der Moto Djali Designerinnen Alice Müller und Jennifer Mory beim Schnitt weiter Bundfaltenhosen wieder.

Der Titel der Kollektion ist nicht zufällig »Poise«. Diese schwingende und gleichzeitig in sich ruhende Balance ergibt sich, wenn es ein Kleidungsstück schafft, auf den Körper und seine Bewegungen einzugehen. Ob das nun das ätherische Flattern eines Seidenkleids ist oder das entschiedene Schwingen einer Wollhose, ist dann nur noch eine Detailfrage. Mit AWSS17 liefert Moto Djali beide Positionen ab.

Die neue Kollektion von Moto Djali wird man im Sight in der Kirchengasse und auf motodjali.com sehen können. Außerdem hat das Label Anfang Juni einen AFA-Showroom. In dem Video »untitled (looklike)« von Elsa Okazaki kommt unter anderem das besprochene Kleid vor.

Gabriel Roland hat Textildesign in England und Österreich sowie Archäologie in Wien studiert und twittert hier.

Bild(er) © Kleidungsstück: Erli Grünzweil, Gabriel Roland: privat
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