Im Falle des Fallens – Endless Wellness üben sich im Kontrollverlust

Endless Wellness legen mit »Domino Days« ihr zweites Album vor. In leicht veränderter Band­konstellation beschäftigen sie sich darauf mit der Fragilität bestehender Systeme wie auch mit der Frage, welche Form von Utopie es bräuchte, um sich tatsächlich fallen lassen zu können.

© Luca Celine

Im Falle des Fallens gibt es unter­schiedliche Möglichkeiten, auf diesen Vorgang zu reagieren. Geht es dabei um Festungen, die end­lich zu Fall gebracht werden, bietet sich in vielen Fällen eine Feier an. Wie mit fallenden Domino­steinen um­zu­gehen ist, ist je­doch eine andere Frage. Und ob der freie Fall des Kükens tatsächlich for free war oder nicht doch ordentlich auf Kosten des besagten Kükens ge­gangen ist, steht wieder­um auf einem anderen Blatt.

Anders als bei »Tatort« oder ähnlichen Krimi­reihen müssen die Fälle, von denen die Band Endless Wellness auf ihrem neuen Album »Domino Days« singt, jedoch gar nicht gelöst werden. Sie sind vielleicht eher so etwas wie kleine, aber feine Fallstudien, nur ohne die trockene Sprache und den komplizierten theoretischen Überbau. »Wenn unser Debüt ›Was für ein Glück‹ ein Ruf­zeichen war, ist ›Domino Days‹ eher ein Fragezeichen«, bringt es Bassistin und Sängerin Milena Klien auf den Punkt. Das be­deutet je­doch nicht, dass die Songs im Vergleich zum Vorgänger an Dring­lich­keit ver­loren hätten. Dadurch entstehe einfach mehr Interpretations­spielraum für die Zuhörenden, meint Drummer Patrick »Pata« Huter. »Ich habe das Gefühl, dass es diesmal eher einzelne, aber sehr intensive Mo­mente sind, von denen wir erzählen.«

Außerdem habe es den Versuch gegeben, etwas weniger perfektionistisch an das zweite Album heran­zugehen, die Songs mehr als Moment­aufnahmen zu betrachten. Das sei teilweise auch gelungen, wie Philipp Auer betont. »Ich glaube, dass wir ein schönes Dazwischen gefunden haben«, sagt der Sänger und Gitarrist. »Wir haben weiter­gearbeitet und an den Songs gefeilt, aber auch losgelassen. Außerdem haben wir viel über die Band Big Thief gesprochen. Vor allem darüber, dass sie verschiedene Varianten ihrer Songs in verschiedenen Studios auf­ge­nommen haben. Und damit im Grunde dagegen an­gearbeitet haben, dass der Song nur die eine Auf­nahme ist. Das finde ich einen schönen Gedanken: zu wissen, dass das kein Ge­fäng­nis ist.«

Gegen den Strich

Für ihn ist das auf dem Debüt erschienene »Newborn, Baby« die klarste Brücke zwischen den beiden Alben, hält Auer außer­dem fest. Und zwar deshalb, weil sich im Text und im Gefühl, das der Song vermittelt, bereits das von seiner Band­kollegin an­ge­sprochene Frage­zeichen manifestiere. Nach einer kurzen Nach­denk­pause fasst er die Stimmung des Liedes mit dem Begriff »wackelig« zusammen. Und schafft damit die perfekte Überleitung zum Titel des neuen Albums. Denn »Domino Days« spielt, so Auer, auf genau diese Fra­gili­tät an. Darauf, wie wenig oft ausreicht, um etwas un­auf­halt­sam ins Wanken zu bringen. Bis plötz­lich ein Kipppunkt er­reicht ist. »In unseren Gesprächen ging es immer wieder darum, wie schäd­lich die Strukturen sind, die ge­rade aufrecht­erhalten werden. Und wie leicht sie auch zu persönlichen und gesell­schaft­lichen Katastrophen führen können.« Doch er fügt hinzu: »Gleichzeitig wollten wir uns nicht in eine Opfer­rolle begeben oder uns selbst bemitleiden. Uns geht es nicht schlecht, aber wir fühlen uns schlecht.«

Trotz aller Dringlichkeit ist die Kritik, die End­less Wellness am Kapita­lismus üben, nie aus­schließlich wütend, sondern auch zart, pointiert und voller (Sprach-)Witz. Alles ein­mal ordentlich gegen den Strich zu bürsten, ist zwar gut und wichtig, aber es gibt auch Momente, in denen es schön wäre, einfach kurz gestreichelt zu werden. Denn unter dem dicken Fell, das man sich für den Fall des Fallens zu­ge­legt hat, befindet sich schließlich eine Schicht, die umso verletz­licher ist. Warum es auf diese gerade jetzt so sehr ankommt, wird die Band etwas später noch erläutern.

Endless Wellness (Bild: Luca Celine)

»Kontrolle ist Messer«

Im Interview geht es zunächst jedoch noch um Kontroll­verlust – ausgehend von den beiden Songs »Kontrolle ist Messer« und »Nie mehr sicher«. Wie auch um die Frage, ob das Schreiben von Musik eine Möglichkeit sein kann, ein Ge­fühl von Kontrolle wieder­zu­erlangen. Oder eben nicht. »Für mich ist Song­schreiben eher die Hin­wendung zum absichtlichen Kontroll­verlust«, antwortet Milena Klien. »Ich ver­suche zuerst, alle ratio­nalen Ordnungs­mechanismen abzulegen, um dann vielleicht auf etwas zu stoßen, das zum ersten Mal raus­kommen darf. Im zweiten Schritt bespreche ich das im Kollektiv und wir probieren, diese mög­licher­weise ein bisschen chaotischen Sätze und Eindrücke zu sortieren. Es gibt also diesen Struktur­moment, als Kon­trolle würde ich es trotzdem nicht bezeichnen, weil ich ja auch nicht kontrol­lieren kann, was die Lieder später in den Menschen auslösen werden. Und das ist ja das Magische daran.«

Musik sei für sie eher ein Medium, das sie sich ausborgt, hält Adele Ischia daran an­knüp­fend fest. »Etwas, das ich verwende, um mich aus­zudrücken. Dann hat aber beispiels­weise noch der Kosmos ein Wörtchen mitzureden. Dadurch kann es so etwas wie Kontrolle eigentlich gar nicht geben«, meint die Gitarristin und Violinistin. Und auch das Konzert­publikum habe man schon auf­gefordert, sich ein­zu­bringen, erzählt Patrick Huter lachend. »›Katze‹ haben wir zum Teil auf der Bühne geschrieben. Der Song war noch nicht fertig, wir haben ihn aber schon live gespielt und dann das Publikum um Feed­back gebeten.«

Verletzlich im Jetzt

Mit »So allein wollen wir nie wieder sein« haben Endless Wellness eine Utopie ans Ende ihres zweiten Albums gesetzt. Und dafür jeglichen Zynismus aus ihren Hosen- und Westentaschen geleert. »Ich glaube, dass eine utopische Idee besser dafür ge­eig­net ist, etwas Ge­mein­sames zu schaffen, während Zynismus eher vereinzelt. Radikale Gegen­entwürfe können ein gutes Mittel gegen die Re­signa­tion sein. Wenn man sich keine andere Welt vor­stellen kann, kann man auch nicht darauf hin­arbeiten, sie zu verändern«, findet Huter klare Worte und liefert damit die perfekte Zusammen­fassung des Songs.

»Das Gestrige ist das Letzte, das wir wollen. Das Jetzige ist das Verletzlichste«, zitiert Milena Klien darauf­hin eine Zeile aus »Nur das Beste«. »Das Formu­lieren von Hoffnung ist etwas sehr Verletzliches, aber auch etwas Grund­legendes, damit sich etwas ver­ändern kann. Es ist ein mutiger Akt, aber ohne diesen Akt werden sich auch in Zukunft keine neuen Opti­onen auftun.«

Neben den großen Gegen­entwürfen seien es aber auch die kleinen und all­täglichen Schritte auf dem Weg zur Utopie, die wichtig sind, betont Adele Ischia. »Damit umgeht man vielleicht auch die Ohnmacht, die sich gerne einstellt, wenn man versucht, eine Utopie zu denken.« Und viel­leicht löst ein kleiner Schritt ja einen weiteren aus. Womit wir wieder beim Dominoeffekt an­ge­kommen wären, nur dies­mal im positiven Sinne.

Die Band verabschiedet sich mit einem Plädoyer für das Miteinander. Und für all die scheinbar kleinen Dinge, die dieses Mit­einander stärken. Zum Bei­spiel: mit Freund*innen in ein Gürtel­lokal rein­stolpern, obwohl man die Band, die gerade spielt, nicht kennt. Oder um es mit einer weiteren Zeile aus »Nur das Beste« zu sagen: »Wir fassen uns, wir lassen uns nicht sein.«

Endless Wellness »Domino Days«

Das Album »Domino Days« von Endless Wellness erscheint am 16. Oktober 2026 bei Buback Tonträger. Die nächsten Konzert­termine der Band: 21. Oktober, Innsbruck, Treibhaus — 22. Oktober, Zürich (CH), Bogen F — 23. Oktober, Düdingen (CH), Bad Bonn — 24. Oktober, Dornbirn, Spielboden — 29. Oktober, Wien, Arena — 31. Oktober, Linz, Posthof — 1. November, Graz, Dom im Berg — 4. November, Salzburg, Rockhouse — 5. November, St. Pölten, Cinema Paradiso — 6. November, Villach, Kulturhof­keller — 7. November, Vöcklabruck, OKH — 25. November, München (DE), Technikum — 26. November, Ess­lingen (DE), Kultur­zentrum Diesel­strasse — 27. November, Köln (DE), Gebäude 9 — 29. November, Frankfurt am Main (DE), Mousonturm — 30. November, Hamburg (DE), Molotow — 1. Dezember, Berlin (DE), Festsaal Kreuzberg — 2. Dezember, Leipzig (DE), Werk 2 — 3. Dezember, Nürn­berg (DE), Z-Bau — 10. Dezember, Wien, Arena.

Newsletter abonnieren

Abonniere unseren Newsletter und erhalte alle zwei Wochen eine Zusammenfassung der neuesten Artikel, Ankündigungen, Gewinnspiele und vieles mehr ...