Endless Wellness legen mit »Domino Days« ihr zweites Album vor. In leicht veränderter Bandkonstellation beschäftigen sie sich darauf mit der Fragilität bestehender Systeme wie auch mit der Frage, welche Form von Utopie es bräuchte, um sich tatsächlich fallen lassen zu können.

Im Falle des Fallens gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, auf diesen Vorgang zu reagieren. Geht es dabei um Festungen, die endlich zu Fall gebracht werden, bietet sich in vielen Fällen eine Feier an. Wie mit fallenden Dominosteinen umzugehen ist, ist jedoch eine andere Frage. Und ob der freie Fall des Kükens tatsächlich for free war oder nicht doch ordentlich auf Kosten des besagten Kükens gegangen ist, steht wiederum auf einem anderen Blatt.
Anders als bei »Tatort« oder ähnlichen Krimireihen müssen die Fälle, von denen die Band Endless Wellness auf ihrem neuen Album »Domino Days« singt, jedoch gar nicht gelöst werden. Sie sind vielleicht eher so etwas wie kleine, aber feine Fallstudien, nur ohne die trockene Sprache und den komplizierten theoretischen Überbau. »Wenn unser Debüt ›Was für ein Glück‹ ein Rufzeichen war, ist ›Domino Days‹ eher ein Fragezeichen«, bringt es Bassistin und Sängerin Milena Klien auf den Punkt. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Songs im Vergleich zum Vorgänger an Dringlichkeit verloren hätten. Dadurch entstehe einfach mehr Interpretationsspielraum für die Zuhörenden, meint Drummer Patrick »Pata« Huter. »Ich habe das Gefühl, dass es diesmal eher einzelne, aber sehr intensive Momente sind, von denen wir erzählen.«
Außerdem habe es den Versuch gegeben, etwas weniger perfektionistisch an das zweite Album heranzugehen, die Songs mehr als Momentaufnahmen zu betrachten. Das sei teilweise auch gelungen, wie Philipp Auer betont. »Ich glaube, dass wir ein schönes Dazwischen gefunden haben«, sagt der Sänger und Gitarrist. »Wir haben weitergearbeitet und an den Songs gefeilt, aber auch losgelassen. Außerdem haben wir viel über die Band Big Thief gesprochen. Vor allem darüber, dass sie verschiedene Varianten ihrer Songs in verschiedenen Studios aufgenommen haben. Und damit im Grunde dagegen angearbeitet haben, dass der Song nur die eine Aufnahme ist. Das finde ich einen schönen Gedanken: zu wissen, dass das kein Gefängnis ist.«
Gegen den Strich
Für ihn ist das auf dem Debüt erschienene »Newborn, Baby« die klarste Brücke zwischen den beiden Alben, hält Auer außerdem fest. Und zwar deshalb, weil sich im Text und im Gefühl, das der Song vermittelt, bereits das von seiner Bandkollegin angesprochene Fragezeichen manifestiere. Nach einer kurzen Nachdenkpause fasst er die Stimmung des Liedes mit dem Begriff »wackelig« zusammen. Und schafft damit die perfekte Überleitung zum Titel des neuen Albums. Denn »Domino Days« spielt, so Auer, auf genau diese Fragilität an. Darauf, wie wenig oft ausreicht, um etwas unaufhaltsam ins Wanken zu bringen. Bis plötzlich ein Kipppunkt erreicht ist. »In unseren Gesprächen ging es immer wieder darum, wie schädlich die Strukturen sind, die gerade aufrechterhalten werden. Und wie leicht sie auch zu persönlichen und gesellschaftlichen Katastrophen führen können.« Doch er fügt hinzu: »Gleichzeitig wollten wir uns nicht in eine Opferrolle begeben oder uns selbst bemitleiden. Uns geht es nicht schlecht, aber wir fühlen uns schlecht.«
Trotz aller Dringlichkeit ist die Kritik, die Endless Wellness am Kapitalismus üben, nie ausschließlich wütend, sondern auch zart, pointiert und voller (Sprach-)Witz. Alles einmal ordentlich gegen den Strich zu bürsten, ist zwar gut und wichtig, aber es gibt auch Momente, in denen es schön wäre, einfach kurz gestreichelt zu werden. Denn unter dem dicken Fell, das man sich für den Fall des Fallens zugelegt hat, befindet sich schließlich eine Schicht, die umso verletzlicher ist. Warum es auf diese gerade jetzt so sehr ankommt, wird die Band etwas später noch erläutern.

»Kontrolle ist Messer«
Im Interview geht es zunächst jedoch noch um Kontrollverlust – ausgehend von den beiden Songs »Kontrolle ist Messer« und »Nie mehr sicher«. Wie auch um die Frage, ob das Schreiben von Musik eine Möglichkeit sein kann, ein Gefühl von Kontrolle wiederzuerlangen. Oder eben nicht. »Für mich ist Songschreiben eher die Hinwendung zum absichtlichen Kontrollverlust«, antwortet Milena Klien. »Ich versuche zuerst, alle rationalen Ordnungsmechanismen abzulegen, um dann vielleicht auf etwas zu stoßen, das zum ersten Mal rauskommen darf. Im zweiten Schritt bespreche ich das im Kollektiv und wir probieren, diese möglicherweise ein bisschen chaotischen Sätze und Eindrücke zu sortieren. Es gibt also diesen Strukturmoment, als Kontrolle würde ich es trotzdem nicht bezeichnen, weil ich ja auch nicht kontrollieren kann, was die Lieder später in den Menschen auslösen werden. Und das ist ja das Magische daran.«
Musik sei für sie eher ein Medium, das sie sich ausborgt, hält Adele Ischia daran anknüpfend fest. »Etwas, das ich verwende, um mich auszudrücken. Dann hat aber beispielsweise noch der Kosmos ein Wörtchen mitzureden. Dadurch kann es so etwas wie Kontrolle eigentlich gar nicht geben«, meint die Gitarristin und Violinistin. Und auch das Konzertpublikum habe man schon aufgefordert, sich einzubringen, erzählt Patrick Huter lachend. »›Katze‹ haben wir zum Teil auf der Bühne geschrieben. Der Song war noch nicht fertig, wir haben ihn aber schon live gespielt und dann das Publikum um Feedback gebeten.«
Verletzlich im Jetzt
Mit »So allein wollen wir nie wieder sein« haben Endless Wellness eine Utopie ans Ende ihres zweiten Albums gesetzt. Und dafür jeglichen Zynismus aus ihren Hosen- und Westentaschen geleert. »Ich glaube, dass eine utopische Idee besser dafür geeignet ist, etwas Gemeinsames zu schaffen, während Zynismus eher vereinzelt. Radikale Gegenentwürfe können ein gutes Mittel gegen die Resignation sein. Wenn man sich keine andere Welt vorstellen kann, kann man auch nicht darauf hinarbeiten, sie zu verändern«, findet Huter klare Worte und liefert damit die perfekte Zusammenfassung des Songs.
»Das Gestrige ist das Letzte, das wir wollen. Das Jetzige ist das Verletzlichste«, zitiert Milena Klien daraufhin eine Zeile aus »Nur das Beste«. »Das Formulieren von Hoffnung ist etwas sehr Verletzliches, aber auch etwas Grundlegendes, damit sich etwas verändern kann. Es ist ein mutiger Akt, aber ohne diesen Akt werden sich auch in Zukunft keine neuen Optionen auftun.«
Neben den großen Gegenentwürfen seien es aber auch die kleinen und alltäglichen Schritte auf dem Weg zur Utopie, die wichtig sind, betont Adele Ischia. »Damit umgeht man vielleicht auch die Ohnmacht, die sich gerne einstellt, wenn man versucht, eine Utopie zu denken.« Und vielleicht löst ein kleiner Schritt ja einen weiteren aus. Womit wir wieder beim Dominoeffekt angekommen wären, nur diesmal im positiven Sinne.
Die Band verabschiedet sich mit einem Plädoyer für das Miteinander. Und für all die scheinbar kleinen Dinge, die dieses Miteinander stärken. Zum Beispiel: mit Freund*innen in ein Gürtellokal reinstolpern, obwohl man die Band, die gerade spielt, nicht kennt. Oder um es mit einer weiteren Zeile aus »Nur das Beste« zu sagen: »Wir fassen uns, wir lassen uns nicht sein.«

Das Album »Domino Days« von Endless Wellness erscheint am 16. Oktober 2026 bei Buback Tonträger. Die nächsten Konzerttermine der Band: 21. Oktober, Innsbruck, Treibhaus — 22. Oktober, Zürich (CH), Bogen F — 23. Oktober, Düdingen (CH), Bad Bonn — 24. Oktober, Dornbirn, Spielboden — 29. Oktober, Wien, Arena — 31. Oktober, Linz, Posthof — 1. November, Graz, Dom im Berg — 4. November, Salzburg, Rockhouse — 5. November, St. Pölten, Cinema Paradiso — 6. November, Villach, Kulturhofkeller — 7. November, Vöcklabruck, OKH — 25. November, München (DE), Technikum — 26. November, Esslingen (DE), Kulturzentrum Dieselstrasse — 27. November, Köln (DE), Gebäude 9 — 29. November, Frankfurt am Main (DE), Mousonturm — 30. November, Hamburg (DE), Molotow — 1. Dezember, Berlin (DE), Festsaal Kreuzberg — 2. Dezember, Leipzig (DE), Werk 2 — 3. Dezember, Nürnberg (DE), Z-Bau — 10. Dezember, Wien, Arena.