Freibeuter und Traumtänzer

Wofür geht man eigentlich in Clubs? Wegen Orten wie dem Fluc, das seit inzwischen zwölf Jahren Programm mit Charakter und Sinn macht. Ganz klar, es geht dabei um mehr als nur gute Musik und kaltes Bier. Eine Bucherscheinung würdigt das jetzt.

Clubs gelten ja schon länger als Orte, in denen nicht einfach nur zu lauter Musik gesoffen wird. Leute kommen zusammen, feiern mit anderen Leuten, die sie sympathisch finden. Clubs sind jedenfalls ganz soziale Orte. Clubs sind vermutlich sogar politische Orte, weil sich dort viele Menschen mit recht unterschiedlichen Erwartungen treffen. Weil sie sich dort eine Message wünschen. Oder eben genau nicht. Das macht Clubs dann zu mehr als einem besseren Beisl – zu einem Teil einer Clubkultur nämlich. Türpolitik, Drogen, Klopolitik, Programm, Preise – das macht aus, ob ich mich in einem Club wohl fühle. Richtig gut geht das im Fluc. Am Praterstern macht man bereits seit zwölf Jahren den Spagat zwischen Kunst und Gastro – ohne abgedroschen zu werden.

Es war einmal der Grind-Faktor

Kurz vor seinem Abriss war der heruntergekommene Bahnhof ja nicht sonderlich angesagt. Früher durchschnitt der mitsamt der Gleisstrecke der S-Bahn den zweiten Wiener Bezirk, in den Bögen gammelten alte Geschäfte und ein paar Bretter vor sich hin, drumherum kreisten auf cirka sechs Spuren die Autos. Das sollte sich vor allem mit der Fußball-Europameisterschaft 2008 ändern: der Bahnhof wurde geöffnet und mit Beton und Glas durchsichtiger gestaltet. Seither führen auch gleich zwei U-Bahnen am Fluc vorbei, das zuvor einige Male die Location wechseln musste, ehe es sich in der alten Fußgängerpassage niederließ. Das passte natürlich zum vollständigen Namen »fluctuated rooms«.

Unterführungen galten vor zehn Jahren als nicht sonderlich sexy, die am Praterstern sollte eigentlich beim Bahnhofumbau zugeschüttet werden. Die Fluc-Betreiber hatten eine bessere Idee. Wände wurden eingerissen, die nicht mehr so schmackhaften Toiletten erneuert. Von da rührt auch der einzigartige Charakter der Fluc Wanne, dem Clubraum unten. Viel Adaption war eigentlich nicht möglich: Der Schlauch ist ungewöhnlich lang und die Bühne mit ihren zwei Terrassen über den Treppen sorgt für außergewöhnliche Konzerte.

Irgendwann konnte man durch Glas auf das Riesenrad sehen. Darüber wurden einfache Baucontainer am Platz vorm Wurstelprater aufgetürmt und mehrere Plattformen kamen hinzu, die als eine Art hängende Gastgärten dienen. Mit dem mittlerweile stark frequentierten Vorplatz hat das Fluc einen Standort, um Kunst vor großem Publikum zu präsentieren. Um die Ecke war früher das Planetarium, heute kommt man auf dem Weg vom Praterdome, Prater und Pratersauna leicht am Fluc vorbei. Das sorgt immer wieder für ganz eigene Publikumszusammenwürfelungen.

Basisstation für Rumtreiber

Über die Jahre entwickelte sich aus einer Kunststudentenaktion eine Institution für Nischenkunst und rauschende Clubnächte, ein Knotenpunkt der Wiener Kunst- und Musikszene. Die Pop-Intelligenzia, die Lumpen-Bohemians, die Bobos – sie hatten hier eine Art Basisstation. Bei allem Enthusiasmus, irgendwann wurden aus den hunderten Stunden Freizeit auch normale Arbeitsverhältnisse für cirka 40 Leuten. Damit stieg natürlich auch der ökonomische Druck denn »die Wochenendparty muss gelingen, dann kann das Fluc sich auch die Avantgarde-Band oder das experimentelle Nischenprogramm unter der Woche leisten«, schreibt Martin Wagner im Prolog von »Tanz die Utopie!«. Das Buch zollt dem Containerbau mit Blick auf das Riesenrad mit 23 Texten von namhaften Autoren, Künstlern sowie den Gründern Tribut.

Bild(er) © 1. Alexandra Berlinger, 3. Foto Martin Wagner, 4. Andrew Standen, 5. und 7. Martin Wagner, 6. Raimund Appel, 8. Span
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