Gender Gap: Die rassifizierte Maskulinisierung Schwarzer Frauen

Toni Patzak hakt dort nach, wo es wehtut. Diesmal erklärt sie warum Schwarzen Frauen ihre Weiblichkeit abgesprochen wird.

© Michael Schulte

Am Schulhof spielten wir immer Buben gegen Mädchen. Alle Jungs mussten dafür auf die eine Seite des Hofs und alle Mädchen auf die andere – naja, alle Mädchen außer mir. Ich war immer bei den Jungs im Team, weil: »Du bist doch eh fast wie ein Junge.« Damals machte ich mir nicht viele Gedanken darüber, wieso das so war. Ich freute mich, bei meinen Jungsfreunden mitspielen zu dürfen und nicht bei den Mädchen, bei denen ich es schwer hatte, Anschluss zu finden.

Als zuletzt das Wort Pick-me-Girl in meiner Wahrnehmung auftauchte, dachte ich an diese Zeit zurück und versuchte herauszufinden, ob ich ein Pick-me-Girl gewesen war. Ein siebenjähriges Pick-me-Girl mit dem eigentlichen Ziel, von den Jungs gemocht zu werden, anstatt mit ihnen halt Jungsspiele zu spielen, die sich in dem Alter drastisch von Mädchenspielen unterschieden hatte.

Auch als ich bemerkte, dass ich queer bin, schaute ich auf diese Zeit zurück und fragte mich, ob das ein frühes Anzeichen gewesen war. Hatte mein Mangel an Freundinnen an einer Angst vor Mädchen gelegen? Daran, dass ich komische Gefühle verspürt hatte, Gefühle, die man haben kann, aber nicht haben darf?

Als ich mich dann in einem sehr genderqueeren Freund*innenkreis wiederfand und meine eigene Geschlechtsidentität hinterfragte, dachte ich abermals an die siebenjährige Toni und überlegte, ob mich meine Mitschüler*innen als Nicht-Mädchen, aber auch als Nicht-Bube wahrgenommen hatten. Ob irgendetwas an meinem kindlichen Verhalten die Binarität des Schulhofs kurz außer Kraft gesetzt hatte.

Bei zahlreichen Gelegenheiten in meinem Leben erinnerte ich mich an diese Zeit zurück – manchmal mit einem Lachen, manchmal fragend, manchmal frustriert. Mittlerweile glaube ich nicht mehr, dass es damals an meiner sexuellen Orientierung, Geschlechtszugehörigkeit oder Genderperformance lag. Ich glaube, es lag daran, dass ich ein Schwarzes Kind war.

Ich weiß, wie das jetzt klingt: »Oh mein Gott, ich wurde beim Versteckspielen wegen des Kolonialismus immer als Erstes gefunden.« Ja, ich verbinde wieder einmal eine scheinbar kleine Anekdote mit gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Aber da über dieser Kolumne mein Bild sowie mein Name zu finden sind, darf ich auch entscheiden, zu welcher Musik wir hier heute tanzen. Und wie es aussieht, heißt das nächste Lied in der Diskursplaylist: »Die rassifizierte Maskulinisierung Schwarzer Frauen« auch erhältlich auf der Compilation »Traurige akademische Sätze, in denen das Wort Frau vorkommt«.

Die Edle und die Aggressive

Das Bild der edlen Wilden, das durch koloniale Prozesse geformt wurde, beschreibt das romantisierte, exotisierte Bild einer Schwarzen Frau: promiskuitiv, schön, etwas Wildes, das man zähmen kann. Es wurde von den »hohen Künsten« oft verwendet, man findet Abbilder dieser edlen wilden Damen in Malerei, Literatur und Film der Zeit, jedoch auch in zeitgenössischen Darstellungen.

Im gleichen Atemzug hat man die Schwarze Frau allerdings versklavt, vergewaltigt und misshandelt. Das konnten dann ja nicht die Edlen sein. Deshalb hat man eben auch die Figur der aggressiven Wilden geschaffen. Dieses Bild der toughen, schmerzunempfindlichen Schwarzen Frau wirkt bis heute nach. Beispielsweise sterben Schwarze Frauen auch aktuell noch drei- bis viermal häufiger während der Geburt, weil Ärzt*innen ihren Schmerz und ihr Leid mit dieser kolonialen Fantasie in Verbindung bringen.

Die aggressive Schwarze Frau: tierisch, unhygienisch und hysterisch. Sie ist die große, hässliche Schwester der Edlen. Ihren »animalischen« Charakter muss man ihr förmlich austreiben. Sie hat kurzes, struppiges Haar, unweibliche Gesichtszüge und eine noch unweiblichere Persönlichkeit. Da man sie an der Seite von Männern auch noch schwere körperliche Arbeit verrichten lässt, stellt sich die Frage, ob sie denn nun wirklich eine Frau sei.

Bis heute wird Schwarzen Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, die Weiblichkeit abgesprochen. Besonders, wenn sie für Gleichberechtigung einstehen oder kämpferisch auftreten. So wurde Michelle Obama 2024 von mehreren »Transvestigators« (kotz) vermeintlich als Mann »enttarnt«. Erfolgreiche Schwarze Sportlerinnen wie Serena Williams werden öffentlich unter Druck gesetzt, einen DNA-Test zu machen, um ihre Weiblichkeit nachzuweisen. Rechte Propagandazeichner*innen illustrieren Schwarze Frauen mit »maskulinen« Körpermerkmalen. Man sieht: Kolonialistisches Gedankengut ist klebrig. Wenn wir uns nicht gründlich reinwaschen, bleibt es unbemerkt an den Schuhsolen der Zeit picken.

Schwer zu entwirren

Im akademischen Plattenladen findet man diesen diskriminierenden Prozess unter den Schlagworten »Ungendering«, »Degendering« oder »Maskulinisierung« der Schwarzen Frau. Und solche Maskulinisierungen finden nicht nur im Weißen Haus oder am Tennisplatz statt, sondern auch am Schulhof – wo sie zwischen Mädchen und Schwarzen Mädchen unterscheiden. Deshalb denke ich mittlerweile, dass ich aus diesem Grund immer bei den Jungs mitspielen musste. Aber das Blöde an solch komplexen historischen Sachverhalten ist, dass man im individuellen Erfahren manchmal gar nicht weiß, welcher Grund gerade wirklich darüber entscheidet, bei welchem Team man mitspielt. Vielleicht war ich ein Pick-me-Girl, vielleicht war ich zu queer oder vielleicht mochten mich die Mädchen am Schulhof einfach nicht sonderlich, dafür aber die Jungs. Ich werd’s nie sicher wissen. Aber immerhin kann ich diesen Moment jetzt noch für mindestens drei weitere Kolumnen ausschlachten.        

Toni Patzak organisiert diverse größere und kleinere Kulturevents, studiert Kultur- und Sozial­anthropologie und setzt sich für die Aufarbeitung systematischer Diskriminierung ein – mit Fokus auf die Schwarze Community in Österreich.

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