Gender Gap: Queer oder doch nur gay?

Toni Patzak hakt dort nach, wo es wehtut. Diesmal geht es um Queerness als Lifestyle und Gays, die viel­leicht doch nicht queer sind.

© Michael Schulte

Manchmal finde ich mich in Räumen und zwischen­menschlichen Beziehungen wieder, in denen ich mich ertappe, sehr ver­wundert zu sein, wieso die Person schwul, bi oder lesbisch und trotzdem irgendwie ein Arsch­loch ist. Nicht, dass ich mir jetzt erwarte, dass alle meine fellow non-straight people automatisch bessere Menschen wären, nur weil sie eben nicht hetero sind. Zugleich rechne ich aber doch zumindest mit einem erhöhten Bewusstsein für Gemeinschaft.

Als ich einem Freund kürzlich von genau so einem Moment der Verwunderung erzählte, meinte er schlicht: »Naja, aber ist die Person queer oder einfach nur gay?« Eine ein­fache Frage, die aber extrem viel aufmacht. Viel zu viel, um es in einer Kolumne umfassend besprechen zu können. Für all diejenigen, die also mehr wissen wollen und andere, viel gescheitere Personen zitieren möchten, empfehle ich die Dissertation »Queer as a Political Concept« von Jacek Kornak.

Auch wenn der Begriff »queer« ursprünglich nur »seltsam« oder »exzentrisch« bedeutete, fand er ab dem späten 19. Jahrhundert Verwendung als Schimpf­wort für Menschen mit marginalisierter Sexualität und/oder marginalisiertem Geschlecht. Ab den Achtzigern begannen diese den Begriff jedoch für sich selbst zu reclaimen und zunehmend zu politisieren. Seit der damaligen Aidskrise steht queer für mehr als nur sexuelle Orientierung, sondern für eine politische Auseinander­setzung mit Marginalisierung innerhalb der Community sowie mit inter­sektionalen Problematiken entlang von Race-, Class- und Genderfragen.

Auf der anderen Seite erlangte die Bezeichnung »gay« im anglofonen Raum in den Achtzigern eine repräsentative Macht, von der letztlich nur der weiße, urbane schwule Mann aus der Mittel­schicht profitierte. Wer gay war, konnte arbeiten, für sich lobbyieren und war in Human-Rights-Fragen repräsentiert. Man war zwar immer noch Teil einer Minderheit, aber Teil der Mainstream-Minderheit in Bezug auf Sexualität. Die radikale Post-Stonewall-Queer-Community war hingegen nie Mainstream. So wurde auch das Queer-Sein von jenen, die multiple inter­sektionale Diskriminierungs­erfahrungen erlebten, als oppositioneller Lifestyle zum Gay-Sein angesehen. Queer waren etwa Schwarze trans Frauen, die für Rechte auch außerhalb ihrer eigenen erlebten Realität demonstrierten. Queer beschreibt Lebens­formen von Menschen, die selbst in der Gay-Community als Minderheit angesehen wurden und die sich daher ein anderes Netzwerk suchen mussten.

Nicht queer geboren

Aus meiner Sicht kann man also schwul, lesbisch oder bi geboren werden, Queerness muss man sich aber erarbeiten. Der radikale Samen des Selbst- und Community­schutzes der Achtziger trägt heute auch in kleinen queeren Grassroots-Bewegungen Früchte: Es gibt ein Bestreben, auf selbst­gebauten Basis­strukturen ein System aufzubauen, um die eigene Gemeinschaft zu schützen. Sowie ein Verständnis dafür, dass Ressourcen ungleich verteilt sind und ihre Umverteilung not­wendig ist. Aber auch ein Bewusstsein, dass diese Ressourcen nicht nur finanzieller oder physischer Natur sind, sondern mentale Kapazitäten und die Belastungen einschließen, die man so mit sich trägt.

Queer ist also tatsächlich ein Lifestyle, zumindest in meinen Augen. Recht plakativ sieht man den Unterschied zwischen queer und gay im Nachtleben. Wo eine queere Party häufig Sicherheit und ein Bewusstsein für Safer Spaces in den Fokus stellt, fehlt es bei Gay-Partys öfters an Sicherheits­konzepten, die über den Türsteher hinausgehen. Natürlich lässt sich das – wie eh meistens – nicht verall­gemeinern. Es gibt genauso problematische, toxische Queer-Events wie angenehme, freundliche und auf­merksame Gay-Spaces. Der Ans­pruch, dass in queeren Räumen mehr als nur die sexuelle Ausrichtung mitgedacht werden sollte, scheint mir jedoch ausschlag­gebend dafür, dass sich Menschen mit verschiedensten Formen von Marginalisierung an diesen Orten häufig wohler fühlen.

Nouveau Gays

Bis heute stehen sich gay und queer gegenüber. Selbst dort, wo beide Terminologien historisch neben­einander gekämpft haben, sieht man mittlerweile politische Oppositionen. Der weiße Middle-Class-Gay-Typ ist heutzutage gerne mal in Parteien wie der CDU oder der ÖVP vertreten, reflektiert sein Frauenbild nicht und verwendet seinen Status als Minderheit mitunter als Ausrede, wenn er andere diskriminiert. Diese Nouveau Gays könnten kaum weniger mit queeren Menschen gemeinsam haben, finden sich aber entgegen beider­seitigem Willen oftmals im gleichen Topf wieder.

Eigenartigerweise habe ich andersrum schon einige Menschen getroffen, die zwar hetero, aber ein so wichtiger Bestandteil einer oder mehrerer queerer Communitys sind, dass sie mir fast queer through association vorkommen. Alles – von ihren Partner*innen über ihre WG-Kolleg*innen bis hin zu ihrem Lebensstil – passt eigentlich zu einer queeren Person, nur dass sie halt hetero sind. Entsprechend verstehe ich queer als so viel mehr als nur eine sexuelle Präferenz. Es ist ein politisches Konzept und eine ökonomische Denkweise. Also: Nicht jede Person, die gay ist, ist auch queer. Aber jede queere Politik beginnt damit, kein Arsch­loch sein zu wollen.

Toni Patzak organisiert diverse größere und kleinere Kulturevents, studiert Kultur- und Sozial­anthropologie und setzt sich für die Aufarbeitung systematischer Diskriminierung ein – mit Fokus auf die Schwarze Community in Österreich.

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