Gender Gap: Wenn der Beziehungsstatus unübersichtlich ist

Toni Patzak hakt dort nach, wo es wehtut. Diesmal erzählt sie von Beziehungsdramen in Polycules.

© Michael Schulte

Ich habe mir mein soziales Umfeld so gestaltet, dass ich Menschen jeglicher Couleur in meinem Leben habe. Freund*innen mit unterschiedlichen Hintergründen, politischen Orientierungen und Gender-Expressions. Freund*innen, die älter sind als ich, und solche, die meine restliche Auswahl an Freund*innen fragwürdig finden. Meine Geburtstagsfeiern sind dementsprechend chaotisch. Was mir aber vor Kurzem aufgefallen ist: Ich habe immer mehr Freund*innen, die in nicht-monogamen Beziehungsstrukturen leben. Nicht-monogam heißt, dass eine Beziehung nicht ausschließlich zwei exklusive Partner*innen umfasst, sondern mehrere Beziehungskonstrukte beinhalten kann (aber nicht muss). Meine Geburtstagsfeiern werden dadurch jedenfalls nicht einfacher, weil das klassische +1 plötzlich nicht mehr ausreicht.

Entgegen zahlreicher Klischees steht bei Polyamorie zumeist nicht die Möglichkeit im Vordergrund, mit mehreren Menschen schlafen zu können, sondern das Interesse, sich bewusst mit der Struktur von Beziehungen auseinanderzusetzen. In einer monogamen Partner*innenschaft weiß man ja ungefähr, was von einem erwartet wird: Romantische Gefühle nach außen sind tabu, Flirts können zum Konfliktpunkt werden, selbst mit engen platonischen Freund*innenschaften stößt man schnell an Grenzen. Natürlich möchte ich nicht alle monogamen Beziehungen über einen Kamm scheren, es gibt viele monogame Paare, die sich mit Eifersucht, Angst und Verletzlichkeit reflektiert auseinandersetzen.

Build Your Own Relationship

Aber in offenen Strukturen kommt man um genau diese Auseinandersetzung gar nicht erst herum. Monogame Beziehungen können sich auf gesellschaftlich vorgegebene Normen stützen. Bei Polyamorie muss man hingegen vieles selbst definieren: Wollen wir Hauptpartner*innen sein, während andere lose Dates möglich sind? Sind spontane One-Night-Stands erlaubt oder müssen sie vorher abgesprochen werden? Ist es okay, sich mit weiteren Menschen auf eine romantische Dynamik einzulassen? Welche Verantwortung, Pflichten und Privilegien darf man außerhalb der »Hauptbeziehung« aufbauen? Und was bedeutet »betrügen« in diesem Kontext überhaupt? Diese und ähnliche Fragen muss man sich zu Beginn sowie im Verlauf einer nicht-monogamen Beziehung zwangsläufig stellen.

Wie in den Hunderttausenden von Slop-Bowl-Shops kann man sich so eine Build-Your-Own-Beziehung zusammenbauen. Während man sich bei den überteuerten Reisschüsseln überlegt, ob man braunen Reis oder doch Quinoa als Basis nimmt, kann man in einer nicht-monogamen Beziehung wählen, ob hierarchisch oder non-hierarchisch, ob Kitchen-Table-, Garden-Party- oder doch Parallel-Polyamorie. Die enorme Auswahl an möglichen, sich dynamisch verändernden Komponenten kann dabei überfordernd sein. Viele Menschen in meinem Umfeld sind anfangs blauäugig hineingestolpert und waren überrascht, wie viel Zeit mit Reden und Aushandeln draufgeht. Schritt für Schritt vorzugehen, ist daher vielleicht kein foolproof Plan, aber oft der einzige machbare Weg. Denn es gibt kaum Vorbilder oder Anleitungen für glückliche nicht-monogame Beziehungen.

Doch nicht so frei?

Das schlägt sich auch im Umgang mit Gefühlen wie Eifersucht nieder. Im Kopf kann man solche Gedanken zwar wunderbar wegtheoretisieren, aber im Bauch bleibt das ungute Gefühl. Die Aussage eines Freundes, der schon länger polyamor lebt, hilft mir allerdings in Neidsituationen: »Es geht nicht darum, gar nicht mehr eifersüchtig zu sein. Eine Poly-Beziehung kann dir den Rahmen geben, herauszufinden, woher das Gefühl kommt, und mit deinem*deiner Partner*in oder deinen Partner*innen daran zu arbeiten.« Das Fundament hierfür ist eine unfassbare Verletzlichkeit. Dabei gruselt mich schon der Gedanke, so emotional nackt vor jemandem zu stehen und zu sagen: »Schauen wir uns das jetzt einmal ganz genau an, während wir andere Personen gleich mit ins Boot nehmen.« Aber genau das macht diese Beziehungsform aus: Sie zwingt zu Gesprächen, zum Ausmachen klarer Regeln und zu intensiver Reflexion.

Was von vielen innerhalb, aber noch viel mehr außerhalb der Community als ultimativer Hedonismus verkauft wird, stellt sich in der Realität als eine Menge emotionaler Arbeit heraus. Da reicht ein kurzes Auskotzen bei den engsten Freund*innen längst nicht mehr. Wenn in einem der »Polycules« um mich herum ein Beziehungsdrama ausbricht, brauchen wir mindestens ein Whiteboard und fünf Meter roten Faden, um überhaupt zu verstehen, worum es geht. All diese gewachsene Komplexität steht aber der Freiheit gegenüber, sich zunächst einfach mal auf Beziehungen einzulassen und dann zu schauen, was sie am Ende werden: Freund*innenschaft, Liebschaft oder doch eine längerfristige Partner*innenschaft.

Doch bevor der Verdacht aufkommt, ich würde hier nur Werbung für Nicht-Monogamie machen: Es gibt genug daran zu kritisieren, wie solche Strukturen ausgelebt werden. Manche Menschen konnte ich direkt dabei beobachten, wie sie sich selbst ein Rebranding gaben. Plötzlich waren sie nicht mehr der*die »böse Betrüger*in«, sondern einfach nicht-monogam. Die alten, ungesunden Dynamiken blieben aber bestehen. Nur dass der*die Partner*in jetzt offiziell nicht mehr wütend sein durfte, wenn man nach der Bar mit jemand anderem nach Hause ging.

Unterm Strich ist Nicht-Monogamie weder besser noch schlechter als Monogamie. Am Ende sind Beziehungen immer nur so gut wie die Menschen, die sie leben. In einer privilegierten Studiumsbubble wie meiner stellt Polyamorie aber auch eine Möglichkeit dar, sich einmal auszuprobieren und die komplexe Beziehungslandschaft für sich nutzbar zu machen. So lässt sich vermutlich am einfachsten herausfinden, was einen tatsächlich eifersüchtig macht und wie viele +1 man letztlich zur Geburtstagsfeier mitnehmen möchte.

Toni Patzak organisiert diverse größere und kleinere Kulturevents, studiert Kultur- und Sozial­anthropologie und setzt sich für die Aufarbeitung systematischer Diskriminierung ein – mit Fokus auf die Schwarze Community in Österreich.

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