Wie feministisch ist feministische Kunst? – Anna Meyer »Futurefeminismus (Wir lebten in hundert Jahren)«

Bei Anna Meyer wird feministische Kunstgeschichte transparent. Ihre bemalten Plexiglastafeln bieten nebenbei auch ein überzeugendes Argument für den Wert feministischer Kunst.

© Anna Meyer »Futurefeminismus (Wir lebten in hundert Jahren)«, 2007–2023, Anna Meyer / Johannes Stoll / Belvedere / Bildrecht

Was soll denn diese Titelfrage schon wieder? Natürlich ist feministische Kunst voll und ganz feministisch! Dafür gibt es allein in dieser Rubrik doch regelmäßig hieb- und stichfeste Beweise. Und tatsächlich: Hier soll weder der feministische Anspruch der Künstler*innen noch ihrer Werke angezweifelt werden. Es gibt zahllose extrem kluge, nuancierte und ausgereifte feministische Kunst von Menschen, die sich ganz genau überlegt haben, was sie wie darstellen wollen. Welche Erfahrungen sie vermitteln möchten. Worüber sie zum Nachdenken anregen wollen.

Doch der Feminismus ist im Kern und zuallererst ein Aktivismus. Was hilft das schönste Bild, wenn körperliche Selbstbestimmung eingeschränkt, Vergewaltigungen totgeschwiegen, Rechte mit den Füßen getreten und Frauen ermordet werden? Eine Installation geht nicht auf die Straße, ein Foto lobbyiert nicht bei Politiker*innen, ein Film bietet keiner von häuslicher Gewalt Betroffenen Unterschlupf. Das alles hat hier übrigens auch den Ton der Selbstkritik, denn was für die Kunst gilt, gilt für den Journalismus darüber gleich doppelt.

Schwebende Plexiglasplatten

Sollten wir also alle lieber Pinsel beziehungsweise Wordprocessor an den Nagel hängen und unsere Zeit aktivistischer einsetzen? Vielleicht. Doch zumindest für die Kunst liefert Anna Meyer mit ihrer Arbeit »Futurefeminismus« ein gutes Gegenargument zu dieser Schlussfolgerung. Auf aktuell 69 Plexiglasplatten hat die Malerin einen feministischen Blick auf die Kunstgeschichte in Öl festgehalten. Die Miniaturen reichen von Entwicklungslinien feministischer Kunst über kommentierte Darstellungen von Klassikern wie »Der Ursprung der Welt« bis hin zu Figuren der Popkultur. In den Galerieräumen (zuletzt 2024 bei »Auf den Schultern von Riesinnen« im Künstler:innenhaus, demnächst bei »Feminist Futures Forever« im Belvedere 21) schweben die Tafeln quasi an Schnüren im Raum und erlauben so den Blick auf sowie durch diese enorme Bandbreite feministischer Perspektiven.

Solche Rekontextualisierungen sind es, die feministische Kunst so wirksam machen. Denn Aktivismus, das wird allzu leicht vergessen, braucht neben der zu leistenden Arbeit auch eine Motivation, diese tatsächlich zu erbringen. Nur wer von den zu erreichenden Idealen überzeugt ist, wer die Not und die Notwendigkeit des Handelns sieht, wird schlussendlich tätig werden. Eine Installation geht nicht auf die Straße, nein. Sie kann aber durchaus Menschen auf die Straße treiben.

Die Installation »Futurefeminismus (Wir lebten in hundert Jahren)« von Anna Meyer ist von 5. November bis 7. März im Belvedere 21 in Wien als Teil der Ausstellung »Feminist Futures Forever« zu sehen.

Unsere Heftrubrik »Golden Frame« ist jeweils einem Werk zeit­genössischer Kunst gewidmet. In The Gap 219 ist dies: »Futurefeminismus (Wir lebten in hundert Jahren)« von Anna Meyer.

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