»Filme, die sich gegen­seitig zurufen« – Viennale-Direktorin Eva Sangiorgi im Interview

Jeden Herbst bringt die Viennale das inter­nationale Kinojahr nach Wien. Direktorin Eva Sangiorgi erzählt im Gespräch von filmischen Echos, kuratorischen Kriterien und der Ver­ant­wortung für Institutionen.

© Alexi Pelekanos

Seit 2018 leitet Eva Sangiorgi nun schon die Viennale. Zuvor lebte die Italienerin viele Jahre in Mexico City und hob dort das Filmfestival FICUNAM aus der Taufe. Mittlerweile scheint sie sich in Wien gut eingelebt zu haben und ist aus der hiesigen Szene kaum wegzudenken. Unter ihr bewältigte das Festival nicht nur die harten Pandemiejahre, sondern schaffte es auch, sich im Wechsel der Kinotrends fort­während selbst­bewusst zu positionieren. The Gap traf die Direktorin in den Räum­lich­keiten der Viennale im siebten Wiener Gemeinde­bezirk zu einem erstaunlich entspannten Interview, angesichts des gerade statt­findenden Büro­umzugs und der unmittelbar bevorstehenden jährlichen Reise nach Venedig.

In der Recherche ist mir aufgefallen, dass du eine ziemlich große Platten­sammlung besitzt.

Eva Sangiorgi: Hast du ein Bild gesehen?

Ja, sehr eindrucksvoll! Welche Musik sammelst du?

Das ist eine gemeinsame Sammlung von mir und meinem Partner, hauptsächlich Jazz und ver­wandte Genres. Aber einige Rock- und Klassik-LPs sind ebenso dabei. Manchmal kaufe ich auch neuere Vinyls, die ich nicht vergessen möchte – unter anderem elektro­nische Musik. In einem physischen Archiv bleiben mir Dinge im Gedächtnis, ich kann dort alles finden und mich besser an Namen sowie Inhalte erinnern. Deshalb be­sitze ich so viele Bücher und Tonträger. Mein Denken ist nicht sehr digital.

Machst du das bei Filmen ähnlich?

Da ist es etwas komplizierter, weil DVDs oder sogar Blu-rays qualitativ oft nicht so gut sind wie Dateien, die ich am Computer ab­legen kann. Deshalb habe ich dort eine digitale Bibliothek, die natür­lich viel schneller wächst als alle anderen.

Verstehst du deine Arbeit als Kuratorin auch als Sammeln?

Ja, natürlich! Das ist schließlich auch ein Zusammen­tragen unter­schied­licher Dinge.

Sehr oft werden diese Dinge heutzutage ja von Algorithmen zusammen­getragen. Wo siehst du hier den Wert von mensch­licher Kuration?

Es gibt heute viel zu viele Möglichkeiten – und genau deswegen braucht es kuratierte Programme. Die Aus­wahl wird natürlich immer un­voll­ständig sein, aber sie basiert auf durch­dachten Entscheidungen, die sich in jeder einzelnen Selektion widerspiegeln. KI kann in vielen Feldern – auch kul­turellen – nütz­lich sein. Aber im Endeffekt kann sie nur Listen erstellen und niemals kuratieren. Ihr fehlt die persönliche Ein­fühl­samkeit und ein tiefes Verständnis, das nicht nur auf einer Produkt­beschreibung basiert. Die Er­fahrung, Filme zu sehen und diese physisch, intellektuell sowie emotional zu verstehen, ist der Kern von Kuration. Und genau hier sind Menschen unverzichtbar.

Das Endprodukt davon ließe sich dann aber theoretisch auch digital ansehen. Warum braucht es trotzdem noch physische Festivals?

Was ein Festival ausmacht, ist, die kuratierte Erfahrung gemeinsam zu teilen. Es entsteht eine spezielle Energie daraus, mit anderen Menschen physisch in einem Raum zu sein. Das hat eine andere soziale und politische Bedeutung. Zudem bietet es einen Anlass, zusammen­zukommen und gemeinsam über die gesehenen Filme zu diskutieren.

Wie sorgt ihr als Festival dafür, dass dieser Austausch über Filme dann auch wirklich stattfindet?

Einerseits ist es mir wichtig, die Menschen hinter den Filmen – gleich ob Cast, Regisseur*innen, Produzent*innen oder tech­nische Crew – am Festival zu haben, damit diese dort auf das Publikum treffen können. Das kann im Kino oder auch nach der Vorstellung passieren, ist aber immer etwas ganz Besonderes. Die An­wesen­heit dieser Menschen können wir über­dies nutzen, um andere Veranstaltungen wie Publikums­gespräche, Round Tables oder Master­classes zu organisieren. Dort sind dann auch abseits der Screenings tiefere Reflexionen möglich. Und anderer­seits beziehen wir gerne einen weiteren Kunst­bereich ein, der aber auch oft im Film vorkommt: Musik. Auch Partys sind Teil dieses Festivalrituals.

Wie gehst du die Kuration jedes Jahr an? Hast du vorab schon ein Thema im Kopf?

Die Viennale ist in ihrem Zugang sehr frei und hat die besondere Position, gegen Ende des Kino- und Festivaljahres einen Überblick bieten zu können. Was ich zu finden versuche, sind Filme, die zu mir sprechen und sich gleichzeitig gegenseitig zurufen. Es gibt zwar nie ein über­geordnetes Thema, aber in jedem Jahr finden sich Echos und thematische Zufälle. Mir ist wichtig, diese Zu­sammen­hänge auf­zuzeigen, weil das auf ein geteiltes Interesse, einen kollektiven Fokus hindeutet. Die Be­rufung von Filme­macher*innen ist es schließlich, beobachtend durch die Welt zu gehen und das Gesehene dann analysierend, interpretierend und diskutierend abzubilden.

Viennale-Trailer 2026: »Rain Set Action« von Kelly Reichardt

Was sind die Trends dieses Jahr? Welche Filme haben einander zugerufen?

Aktuell scheint mir das Kino mehr und mehr jüngere Genrationen ansprechen zu wollen. Folglich finden sich im Programm einige Filme, die sich um diverse Aspekte von Jugend drehen – beispiels­weise ihren Bezug zu Geschichte oder zum Digitalen. Konflikte sind derzeit ein weiteres wieder­kehrendes Motiv, auch abseits von ganz konkreten geopolitischen Zusammenhängen. Damit ver­binden sich dann Themen wie das Ende der Welt oder der Tod. Und zu guter Letzt gibt es einige Regisseur*innen – vor allem in der Generation Fünfzig plus –, die ihre eigene Cinephilie ausleben. Menschen, die dank­bar fürs Kino sind, für diese idealisierte Welt voller Freund*innen und Weg­gefährt*innen, in der die Hoffnung noch existiert.

Du hast in einem anderen Interview einmal gesagt, dass dich politische Filme interessieren. Ist das Programm der Viennale dein politisches Statement?

Nein, so weit würde ich nicht gehen. Es sind die Filme, die sprechen, und ich bin nicht so mutig, das als mein persönliches Statement zu bezeichnen. Natürlich müssen die ausgewählten Filme meinen ethischen und politischen Ansprüchen genügen. Aber ich möchte gerade bei kritischen Themen immer möglichst viele Positionen und Meinungen einbeziehen.

Wie sieht es mit heimischen Filmen im diesjährigen Programm aus?

Es war, denke ich, ein sehr gutes Jahr für österreichische Filme, die ja auch schon auf vielen Festivals ge­feiert wurden. Als inter­nationales Festival müssen wir oft sehr wählerisch sein, aber das war dieses Jahr kein Problem. Besonders fasziniert hat mich »Wiener Blues: The Loneliest Man in Town« von Tizza Covi und Rainer Frimmel, der auch unser Abschlussfilm sein wird. Der kom­mende Band neun aus unserer Publi­kation­sreihe »Textur« wird sich zudem diesen zwei Regisseur*innen widmen. Damit möchten wir die Bedeutung der beiden – auch inter­national – unterstreichen.

Dieses Jahr bietet ihr zum ersten Mal ein Ferienabo für Jugendliche an. Warum kommt dieses Angebot gerade jetzt?

Es wäre sicher vor zehn Jahren auch schon sinnvoll gewesen, aber es gibt einige Gründe für den Zeitpunkt. Erstens scheint mir die Jugend derzeit angesichts der sich rasant verändernden Welt etwas überfordert zu sein. Zweitens zeigt sie nichts­desto­trotz ein großes Selbst­vertrauen, eine enorme Energie und ein Potenzial für wider­ständige Gegen­bewegungen. Deshalb lohnt es sich, in sie zu investieren. Auch was das Kino angeht, weil die Cinephilie nach der Pandemie nun wieder zunimmt. Ganz kon­kret merken wir einen Anstieg der Publikumszahlen. Insofern sind wir zuversichtlich, dass Kino nach wie vor eine Be­deu­tung hat. Drittens bin ich Mutter. Und zuletzt haben wir schlicht nach mehreren Jahren der Zusammen­arbeit mit der Bildungs­direktion Wien endlich gemeinsam die Zeit dafür gefunden.

Wie würdest du die Position der Viennale in der österreichischen Festival­land­schaft beschreiben?

Die Viennale ist das größte und älteste Filmfestival in Wien. Ihre Be­deutung in Österreich lässt sich sowohl historisch als auch vom Einfluss her schwer abstreiten. Aufgrund dieser privilegierten Position hat die Viennale allerdings auch eine besondere Verantwortung. Persönlich spüre ich das ganz deutlich, weil ich das Festival nicht aufgebaut, sondern über­nommen habe. Ich fühle mich nicht nur für die Veranstaltung, sondern für die ganze Institution verantwortlich. Denn dazu zählen zahlreiche Menschen, die auch abseits der Festival­wochen hier be­schäftigt sind, teilweise jahr­zehnte­lang bis zur Pension. Gerade dies­bezüglich fühle ich den größten Unterschied zu meinen Kolleg*innen bei anderen Festivals. Die Viennale sollte ein Bei­spiel sein, wie Arbeit in unserem Sektor nachhaltig und fair funktio­nieren kann. Angesichts der gegen­wärtigen Dekadenz von Neo­liberalismus und Spät­kapitalismus ist das so wichtig wie selten zuvor.

Kürzlich hat Marie Kreutzer gegenüber The Gap gesagt, dass die österreichische Politik die Film­branche nicht immer genügend würdige. Würdest du ihr da zustimmen?

Mir kommt vor, dass – ganz allgemein gesprochen – die Situa­tion in Österreich besser ist als in vielen anderen Ländern. Aber ich bin Italienerin, was soll ich sagen? Natürlich ist die Zukunft der Förder­situation eine große Frage. Was mich eigentlich beunruhigt, ist je­doch die Situation in ganz Europa. Denn ins­gesamt geht die Auf­merk­sam­keit in eine Richtung, die nichts mehr mit Kultur zu tun hat. Angestoßen von rechten Parteien fließt immer mehr Geld aus den Bereichen Gesundheit, Bildung und Kultur hin zur Rüstungsindustrie.

Als abschließende Frage: Welche Filme der letzten fünf Jahre sollte man gesehen haben, um ein Gefühl für das aktuelle Kino zu bekommen?

Da fallen mir gleich zwei aus dem diesjährigen Programm ein: »Everytime« von Sandra Wollner und »Soudain« von Ryūsuke Hamaguchi. Wenn es nur darum geht, zu sehen, was ohne­hin in den Kinos läuft, dann sollte man sich vermutlich »Die Odyssee« ansehen. Aber wenn es um das Kino geht, das ich mir wünsche, dann würde ich noch »La chimera« von Alice Rohrwacher und »The Master­mind« von Kelly Reichardt empfehlen. Und weil wir über politische Filme geredet haben: vielleicht noch »O Agente Secreto« von Kleber Mendonça Filho und natürlich »Henry Fonda for President« von Alexander Horwath.

Die Viennale 2026 findet von 22. Oktober bis 3. November statt. Am 13. Oktober um 20 Uhr wird das Gesamtprogramm des Festivals bekanntgegeben. Der Ticket­vor­verkauf beginnt am 17. Oktober um 10 Uhr.

Newsletter abonnieren

Abonniere unseren Newsletter und erhalte alle zwei Wochen eine Zusammenfassung der neuesten Artikel, Ankündigungen, Gewinnspiele und vieles mehr ...