Die Lücke als Teil der Erzählung – Hanna Kortus im Interview zu »Trul|la«

Die Bildsprache des Films »Trul|la« entstand aus der Frage, wie man eine Person filmisch sichtbar machen kann, von der kaum visuelles Material existiert. Hanna Kortus erzählt mit gekonnter Animation die Geschichte ihrer Urgroß­tante Gertrud, die uner­wartet die Leitung eines Beton­werks über­nehmen musst, aber auf Archiv­aufnahmen kaum zu sehen ist. Der Kurz­film wurde 2025 bei der Diagonale gezeigt, nun ist er in der Cinema Next Series kostenfrei als Stream verfügbar. Im Inter­view verrät die Regisseurin, wie sie diese persönliche und bewegende Geschichte »zwischen Realität und Erinnerung« filmisch umge­setzt hat.

© Hanna Kortus — Für die Animationen in »Trul|la« hat Hanna Kortus Archivmaterial verwendet.

»Trul|la« ist die nächste Veröffentlichung in der Cinema Next Series, die regel­­mäßig auf der Streaming­plattform Kino VOD Club kostenlos spannende Filme von heimischen Filmtalenten präsentiert.

In deinen eigenen Worten: Worum geht es in »Trul|la«?

Hanna Kortus: »Trul|la« erzählt die Geschichte meiner Urgroß­­tante Gertrud »Trulla«, die in den 1950er-Jahren, nach dem Tod ihres Vaters und ihres Bruders, unerwartet die Leitung des Beton­werks Lerag in Regens­burg übernehmen musste. Im Zentrum steht die Frage, wie sie durch ihre Kreativität Platz in einer männer­dominierten Welt findet, die nicht für sie ge­macht ist. Der Film folgt Trullas Reise – sowohl ihrer tat­säch­lichen Mittel­meer­kreuz­fahrt, die sie vor der Übernahme der Fabrik ge­macht hat, als auch ihrer inneren Suche nach Zuge­hörig­­keit und Selbst­bestimmung.

Wie bist du auf Gertrud Opbacher und ihre außer­gewöhnliche Geschichte gestoßen?

Gertrud Opbacher war meine Urgroß­tante, sie starb 2003, als ich noch sehr klein war. Ich bin ihr also vor allem über die Erinnerungen meiner Familie und ihr hinter­lassenes Archiv begegnet. Ausgangs­punkt waren alte Schmal­film­aufnahmen aus dem Familien­unter­nehmen Lerag, in denen ich immer wieder nach jener Person gesucht habe, die dort eigentlich im Mittel­punkt hätte stehen müssen: Trulla. Obwohl sie die Firma leitete, war sie auf den Aufnahmen kaum zu sehen. Ich habe Inter­views mit meiner Groß­tante Margot geführt, um mehr über sie zu erfahren, und sie hat mir Zugang zu einem Ordner aus Trullas Nachlass verschafft. Darin fand ich ihre Briefe, Gedichte und Reise­berichte und ich war begeistert von ihrer fantasie- und humor­vollen Art zu schreiben. Durch ihre Texte habe ich einen Zugang zu ihrer Viel­schichtig­keit gefunden und ich habe diese als drama­turgische Grundlage genutzt. Trullas Texte wurden von Magdalena Simmel einge­sprochen, einer groß­artigen Schau­spielerin, mit der ich in Regensburg zur Schule ge­gangen bin.

Was hat Gertruds Persönlichkeit bei dir ausgelöst? Gab es etwas, das dich besonders überrascht oder berührt hat?

Mich hat besonders ihre Vielschichtigkeit berührt. Auf der einen Seite war sie eine Frau, die sich in einer männer­dominierten Arbeits­welt behauptete und ein Unter­nehmen führte. Gleichzeitig zeigen ihre Texte aber auch ihre Un­sicherheiten, ihre Sehn­sucht nach Zuge­hörigkeit. Gerade dieser Widerspruch war für mich spannend. Ich wollte sie nicht als »starke Frau« darstellen, sondern als einen Menschen mit vielen Facetten. Besonders beein­druckend finde ich ihre Texte: Sie schrieb zum Beispiel Geschäfts­briefe in Reimform – diese haben es aber leider nicht in den Film geschafft.

Der Film kombiniert Archivmaterial, Papier, Typografie, Cut-out-Animation und verschiedene weitere Animations­techniken. Wie hast du diese Bild­sprache entwickelt und warum war sie für diese Geschichte die richtige Wahl?

Die Bildsprache entstand aus der Frage, wie man eine Person filmisch sichtbar machen kann, von der kaum visuelles Material existiert. Statt diese Lücke zu ver­stecken, wollte ich sie zum Teil der Erzählung machen. Die ausge­schnittene Silhouette von Trulla verweist auf eine historische Unsicht­barkeit von Frauen* im Allgemeinen, gibt ihr aber im Film gleichzeitig eine eigene Präsenz. Animation hat es mir ermöglicht, mich zwischen Realität und Erinnerung, Archiv und Fantasie zu bewegen. Besonders wichtig war mir auch die Materialität ihrer Texte, deshalb taucht der Original­reise­bericht immer wieder als Gestaltungs­element auf. Diese spielerische Form passt für mich sehr gut zu Trullas kreativer und humor­voller Art.

In »Trul|la« macht Hanna Kortus eine Person, von der kaum visuelles Material existiert, durch Animation filmisch sichtbar …
… und zeigt diese als ausgeschnittene Silhouette auf ihrer Reise. (Filmstills aus »Trul|la« © Hanna Kortus)

Wie lange hat die Arbeit an »Trul|la« insgesamt gedauert?

Von den ersten Recherche­interviews mit meiner Großtante Margot bis zur Premiere sind ungefähr zwei Jahre vergangen. An der Animation und am Schnitt habe ich circa ein halbes Jahr intensiv gearbeitet.

Wie bist du zum Animations­film gekommen? Hat es einen bestimmten Moment oder Film gegeben, der in dir den Wunsch ausge­löst hat, damit zu arbeiten?

Ich habe davor, abgesehen von ein paar Experimenten, noch nie mit Animation gearbeitet. Während der Recherche wurde mir aber immer klarer, dass Ani­mation die passende Form ist, um Trullas Geschichte zu erzählen. Trulla hat also diesen Wunsch ausgelöst. Ich finde generell, dass sich Projekte ihre Form selbst aussuchen sollten. Trullas fantasie­volle Art und ihre Leerstelle im Archiv haben für mich geradezu nach Animation verlangt. Ich war froh, dass ich am Anfang Unter­stützung von Jana Marzi bekommen habe, einer groß­­artigen Künstlerin, die mich in die Welt der Animation einge­führt hat. Auch wenn die Arbeit mit Animation viel Geduld erfordert, hat es mir sehr viel Freude bereitet, mich ein­zuarbeiten und Trullas Welt entstehen zu lassen.

Arbeitest du aktuell an einem neuen Filmprojekt? Und falls ja: Kannst du uns schon etwas darüber verraten?

Ich arbeite derzeit an einer Tanz­film­reihe, die sich mit queerer Intimität und utopischen Entwürfen auseinander­setzt. Der erste Kurzfilm ist gerade fertig­gestellt. Für den zweiten Film haben wir im Rahmen einer Residency mit den Proben begonnen. Es wird also hoffentlich bald etwas davon zu sehen und zu hören geben. Parallel dazu arbeite ich als Kamera­frau an verschiedenen freien Film­projekten und Auftrags­produktionen.

Hanna Kortus, geboren 1999 in Regensburg, arbeitet als Filme­macherin und Medien­künstlerin in Linz. Sie studiert Zeitbasierte Medien an der dortigen Kunst­universität und macht doku­men­tarische sowie experimen­telle Filme und Video­installationen, die queer-feministische Perspektiven erforschen.

Eine Interviewreihe in Kooperation mit Cinema Next – Film Talents Austria.

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