Verschlossene Außenseiter*innen, lange nächtliche Gespräche und das gemeinsame Sinnieren über Leben und Tod – im Spielfilmdebüt des Regieduos Elsa Kremser und Levin Peter finden zwei Menschen zueinander.

Ihre Welten könnten nicht unterschiedlicher sein: Masha (Marya Imbro) ist ein junges, aufstrebendes Model, Misha (Mikhail Senkov) arbeitet in einer Leichenhalle. Zu Hause hält er seine Erinnerungen an all die Körper in Gemälden fest, während sie versucht, ihre Sehnsucht nach dem eigenen Tod zu zügeln. Masha wird auf die Leichenhalle sowie auf Misha aufmerksam – und es beginnt die Annäherung zweier scheuer Menschen, die lernen, sich zu öffnen und einander zu vertrauen.
Nach den Dokumentarfilmen »Space Dogs« und »Dreaming Dogs« liefern die beiden Regisseur*innen Elsa Kremser und Levin Peter mit »White Snail« nun ihren ersten Spielfilm ab, der allerdings starken Bezug zur Realität aufweist. Die Figuren sind an die beiden Darsteller*innen angelehnt, vorgegebene Dialoge gab es keine. »White Snail« ist ein atmosphärischer Film mit starken Bildern und eigensinnigen Figuren. Im Interview erzählen Elsa Kremser und Levin Peter, wie es war, in einer echten Leichenhalle zu drehen, welchen Eindruck Belarus bei ihnen hinterlassen hat und warum abermals Tiere eine tragende Rolle in ihrem Film spielen.

Wie hat es sich ergeben, dass ihr nach zwei Dokumentationen euren ersten fiktiven Film drehen wolltet? Und inwiefern hat euch eure dokumentarische Arbeit dabei beeinflusst?
Elsa Kremser: Unsere Dokumentarfilme waren stets vom Magischen Realismus geprägt, dieser zeigt sich nun auch in »White Snail«. Die Idee zum Film hatten wir bereits vor ungefähr zehn Jahren, als ich Mikhail Senkov kennenlernte. Er ist Maler und arbeitete früher in einer Leichenhalle. Schnell wussten wir, dass wir seine Lebensgeschichte spannend finden, nur fehlte uns anfangs der konkrete Zugang – bis wir auf Marya Imbro trafen. Dann wussten wir, dass es eine Liebesgeschichte werden soll.
Levin Peter: Aus unserer dokumentarischen Arbeit konnten wir viel für dieses Projekt mitnehmen, etwa auf der Ebene der Inszenierung sowie beim Umgang mit Menschen. Uns ist es stets wichtig, den Prozess des Filmemachens für alle Beteiligten sichtbar zu machen. Wir wollen, dass sich die Menschen wie auf einem Set fühlen, dass die Kameras nicht versteckt werden. Im Laufe des Projekts sind unsere beiden Darsteller*innen selbstbewusster geworden, sie wurden quasi vor unserer Kamera zu Stars. Es liegt einfach eine Kraft darin, gemeinsam an einem Film zu arbeiten.
Der Film erzählt die Geschichte zweier Menschen, die versuchen, ihren Platz in der Welt zu finden: Masha ist Model und kämpft mit ihrer psychischen Gesundheit, Misha arbeitet in einer Leichenhalle in Minsk. Könnt ihr die beiden Figuren und ihre Motivationen kurz skizzieren?
Kremser: Es sind zwei Menschen, die viel darüber nachdenken, wie sie wirken. Beide sind zudem Außenseiter*innen und leben nonkonform. Sie sind so unglaublich unterschiedlich, im realen Leben würden sie einander nie begegnen. Auch ihre Begegnung im Film ist ungewöhnlich: Eines Nachts klingelt Masha an der Tür der Leichenhalle. Im Laufe der Handlung fühlen sich die beiden zunehmend voneinander verstanden – und gesehen.
Peter: Beide sind ziemlich unmöglich. Gerade das mochten wir an den Figuren, deshalb wollten wir sie zusammenbringen. Masha und Misha funktionieren nicht in normalen gesellschaftlichen Bahnen. Gerade in Belarus fallen solche Menschen schnell auf, denn in einem so autokratischen Staat funktionieren die Menschen mehr nach Normen, es gibt weniger Freiheit für das Individuum.
Wie war das für eure Darsteller*innen, haben sie sich sofort vor der Kamera wohlgefühlt?
Peter: Wir haben sie sehr lange vorbereitet, sind über Jahre hinweg immer wieder nach Minsk gefahren und haben Zeit mit ihnen verbracht. Natürlich konnten sie sich am Anfang nicht vorstellen, dass wir das ernst meinen. Vor vielen Jahren war Belarus noch deutlich verschlossener als heute. Sie wollten wissen, warum wir gerade mit ihnen drehen möchten. Zudem wussten sie, dass wir keine Dialoge schreiben werden. Das hat beide bis zum Drehstart verunsichert. Sie meinten: »Was sollen wir denn sagen?«
Kremser: Es gab zwar ein sehr genaues Drehbuch mit den verschiedenen Themen, aber keine Dialoge. Sie mussten die Worte selbst finden und waren beide sehr aufgeregt. Vor dem Dreh redeten wir oft mit Misha über Masha – und umgekehrt. Wir erzählten ihnen gegenseitig die Welt der anderen Person. Aber wenn Masha dann Misha eine Frage stellte, wusste sie nie, was genau er antworten wird. Das war sehr spannend, auch für uns.
Peter: Wir gaben ihnen die Aufgabe, die andere Person zu erobern. Wir sagten ihnen, dass ihr*e Spielpartner*in noch nie jemandem vertrauen konnte, noch nie jemandem sein*ihr Herz geöffnet hatte. Sie mussten das schaffen. Damit weckten wir ihren Ehrgeiz.

Die beiden Figuren sind Außenseiter*innen. Warum begegnen uns gerade solche Protagonist*innen oft in Film und Literatur?
Peter: Aktuell gibt es wohl zwei große Trends: einerseits Geschichten über die Oberschicht – Stichwort »eat the rich« – und andererseits Geschichten über marginalisierte Personen, über Außenseiter*innen. Ich kann nur vermuten, warum das so oft produziert wird, aber wissen tue ich es auch nicht. Als Filmemacher*innen sind wir keine Themen-Menschen, auch Genres oder Strömungen interessieren uns weniger. Mich selbst berührt es in der humanistischen Kunst sehr, wenn ich Menschen sehe, die ausgegrenzt sind, weil sie sind, wie sie sind; weil sie anderen nicht unbedingt gefallen wollen. Dass gerade Menschen, die ihren eigenen Weg gehen, so viel Gegenwind abbekommen, fasziniert mich.
Kremser: Ich nehme mich oft als Außenseiterin war, deswegen fühle ich mich von solchen Geschichten verstanden und weniger allein. Auch Masha und Misha erkennen im Film, dass sie Gemeinsamkeiten haben – und sie kommen sich weniger allein vor, weil sie merken: Da ist noch jemand, der so fühlt wie ich. Das ist schon ein großer Grund, warum diese beiden Figuren für uns zum Zentrum geworden sind.
Interessant an den beiden ist ja auch, dass sie vermeintlich aus komplett unterschiedlichen Welten kommen: Masha steht als Model am Beginn ihrer Karriere und wird international gebucht, während Misha mit seiner Mutter in Belarus lebt und seit mehr als zwanzig Jahren seiner Arbeit in der Leichenhalle nachgeht. Die Bilder, die er in seiner Freizeit malt, sind laut seinen eigenen Aussagen nicht gut zu vermarkten. Was hat euch an dieser Dynamik der beiden Figuren, die Gegensätze und Gemeinsamkeiten vereint, interessiert?
Kremser: Es geht viel um Körper und um Äußerlichkeiten. Misha verarbeitet seine Arbeit in den Gemälden. Er stellt sich die Frage, was mit uns passiert, wenn wir nicht mit mehr leben. Bei Masha geht es ebenso um Körper – aber um deren perfekte Darstellung. Das zusammenzubringen, hat uns interessiert. Wie schauen wir uns selbst an, wie kritisch sind wir mit unserem Körper? Wo gibt es eine Liebe zum Makel?
Peter: Familie und Zwänge, die in Zusammenhang mit der Familie stehen – das verbindet die beiden leider auch und war uns ebenso wichtig. Wir haben davor zwei Filme in Moskau gedreht, diesen nun in Minsk, und haben somit die letzten zehn Jahre in postsowjetischen Ländern verbracht. Da ist uns immer wieder begegnet, dass Generationen miteinander in Konflikt stehen. Dass es Menschen dort sehr viel schwerer haben, sich aus Familienkonstellationen zu lösen, die ihnen eigentlich schaden. Ich glaube, das ist kulturell bedingt. Dort gehören Eltern und Kinder sehr lange zusammen. Wenn Menschen heiraten, sind die Eltern auch viel mehr in das Leben des Paares involviert. Die Narben der politischen Vergangenheit der letzten Jahrzehnte verstärken das noch.
Was ist euch vom Dreh in Erinnerung geblieben? Ihr habt ja in einer echten Leichenhalle gefilmt.
Kremser: Das war faszinierend und abstoßend zugleich. Natürlich haben wir uns gefragt, ob wir da wirklich hinwollen. Wir wussten aber, dass es ein wichtiger Beruf ist. Selbst in Filmen sieht man so etwas nur selten. Vor dem Dreh machten wir – gemeinsam mit dem Kameramann – ein Praktikum in der Leichenhalle. Wir wollten die Abläufe und den Raum kennenlernen. Der Mann, der dort arbeitete, meinte, er habe keine Lust, dass wir hier einfach eine Woche herumstehen und schauen, wir sollten ihm also helfen. Das war sehr prägend für den Film. Wir durften nicht alles machen, die medizinischen Untersuchungen wurden von den Profis durchgeführt, aber wir holten die Leichen aus dem Kühlraum, zogen sie an und schminkten sie.
Peter: Wir lernten auch, die Leichenstarre zu lösen. Dies geschieht langsam und behutsam, mit dem richtigen Gefühl. Leichen sind sehr schwer; man kann sie deshalb nicht so leicht anziehen, die Kleidung ist so eng, die Körper sind nicht mehr beweglich. Es ist ein sehr anstrengender Beruf.
Wir sehen die beiden Figuren in vielen nächtlichen Szenen oder in kaum beleuchteten Innenräumen wie etwa Mishas Arbeitsplatz und Wohnung. Wie war es, so viel in der Nacht zu drehen?
Peter: Es hat durchaus seine Vorteile. Man hat seine Ruhe, muss sich weniger Gedanken um Umgebungsgeräusche machen, muss weniger blocken. Es ist einfach intimer. Wir wollten einen romantischen und makabren Liebesfilm drehen. Dafür eignen sich diese Sommernächte gut. Sie haben eine spezielle Energie – gerade, wenn man sich kennenlernt. Diese Momente erinnerten uns an unsere eigene Jugend. Minsk hat auch ein besonderes Licht, das inspirierte uns bei der Motivauswahl.

Auch die Themen Depressionen und Suizidalität kommen im Film vor. Wie seid ihr bei diesen heiklen Themen vorgegangen? War es schwer, nicht zu sehr in Klischees zu verfallen?
Peter: Wir hatten da einen hohen Anspruch. Es passiert uns immer wieder, dass uns gesagt wird, dass wir einen Umgang mit Toten zeigen würden, der nicht abstoßend sei. Das merkt man auch bei den Szenen in der Leichenhalle: Wir sehen einen Mann wie Misha, der groß, tätowiert und vielleicht etwas angsteinflößend ist. Und wir sehen ihn, wie er so ruhig und sanft mit den Toten umgeht.
Kremser: Wir haben uns gefragt, was in einer Person vorgeht, die sich regelmäßig das Leben nehmen möchte, und dann mit dem Tod konfrontiert wird? Wenn sie die Realität eines toten Menschen wahrnimmt, eines Körpers, der nicht mehr atmet. An sich ein einfacher Gedanke. Masha leidet auch in der Realität an Depressionen, die Szenen in der Leichenhalle haben sie auch persönlich nachhaltig geprägt.
Im Wald zeigt Misha Masha ein spirituelles Ritual. Wollt ihr noch kurz etwas über diese Szene mit dem Baum erzählen?
Peter: Spiritualität kam uns in Belarus öfters unter, sogar Exorzismus, den man im Film ebenso sieht. Die Szene im Wald zeigt etwas, das wir mochten: Es ist ein mystischer und vielleicht naiver Versuch, ein Ritual zu finden. Rituale gibt es ja auch in der Psychotherapie oder in der Religion. Es ist Mishas Versuch, Masha etwas aus der Reserve zu locken. Die Szene hat auch etwas von einem Märchen. Uns war wichtig, dass Masha in diesem Moment, die Parallelen zu ihrer Familie erkennt, diesen Hang zu spirituellen Kräften. Deshalb protestiert sie auch dagegen. In Belarus und Russland begegneten uns viele Menschen, die in jungen Jahren, als sie psychische Probleme hatten, zu Exorzist*innen geschleift wurden. Das ist unglaublich. Uns beschäftigt, dass es gewisse esoterische Tendenzen auch in Österreich immer leichter haben, vor allem seit der Coronapandemie.
Kremser: Der Glaube an Übernatürliches nimmt überall zu. Die Zukunft ist unsicher und viele Menschen greifen auf Esoterik und Spiritualität zurück, um Sinn in ihrem Leben zu finden. Der autokratische Staat in Belarus gibt den Menschen keine Sicherheit, sie können ihr Leben schlechter planen, daher suchen sie andere Formen der Beständigkeit. Wir haben im Laufe der Zeit in Belarus einige Heiler*innen getroffen. Oft sind es alte Frauen, die sich mit Kräutern auskennen und aus der Hand lesen. Mittlerweile wird aber viel davon kapitalistisch ausgeschlachtet und man kann sich zum Beispiel via Videocall heilen lassen.
Ihr habt in Belarus gedreht und der Film verhandelt auch das Leben im Osten Europas. Inwiefern unterscheidet sich dieses von jenem in westlichen Ländern?
Kremser: Unser längster Aufenthalt in Belarus dauerte sechs Monate. Wenn man so lange in einem autokratischen Staat lebt, ist das schon anders, aber natürlich führt man auch dort schnell einen normalen Alltag. Nach der Rückreise in die EU merkten wir allerdings schon sehr, dass wir wieder freier sprechen konnten.
Peter: Rechte Parteien, die sich mehr Polizei und deren stärkere Verzahnung mit Justiz wünschen, würden sich in einem Land wie Belarus sicherlich wohlfühlen. Nicht ohne Grund reisen Anhänger*innen von FPÖ oder AfD gerne nach Russland und in ähnliche Staaten. Sie finden dort Strukturen vor, die sie hier in Österreich auch gerne hätten. Menschen aus den dortigen Ländern, die uns nahestehen, waren wiederum geschockt von Wien oder Berlin; zum Beispiel davon, dass die Polizei Betrunkene nicht gleich verhaftet.
Kremser: Wir haben einige Menschen kennengelernt, die bereits in Westeuropa waren, wobei es seit dem Krieg gegen die Ukraine weniger Austausch gibt. Die Reaktionen waren unterschiedlich. Manche fühlen sich in einem autokratischen Staat wohl, Individualismus ist ihnen nicht so wichtig.
Peter: Es ist eine Enttäuschung in Belarus da, die Menschen hätten sich von der Europäischen Union mehr Unterstützung gewünscht. Das Land ist eingeklemmt zwischen Russland und der EU und die Menschen sind sehr sensibel dafür, wie man sie wahrnimmt. Man denkt oft, sie seien staatstreu und folgsam. Es gibt noch immer viele Vorurteile, zum Beispiel, dass das Land nur hässlich sei.
Wie habt ihr den Alltag vor Ort erlebt? Geht man dort auch in einen Fast-Fashion-Laden und dann auf einen Matcha Latte?
Kremser: Absolut. Es gibt riesige Shopping-Mails mit vielen Restaurants, es gibt Bubbletea und Matcha, aber die Leute wissen: Die Stimmung kann schnell kippen. Man muss immer behutsam sein. Eine gewisse Wachsamkeit geht nicht weg.

Wie in euren letzten beiden Filmen spielen auch in »White Snail« Tiere eine wichtige Rolle. Warum?
Peter: Für uns sind Tiere Geheimnisträger*innen, wir nutzen das für unser Storytelling. Bei den Filmen davor haben uns die Hunde interessiert: Hunde sind sehr treu, haben aber auch ein eigenes Leben. In diesem Film sind Misha und Masha sehr auf Tiere fokussiert. Beim Dreh haben die beiden sogar immer wieder über Tiere geredet – über Wasserschildkröten oder Ameisen.
Kremser: An den Schnecken faszinierte uns, dass man sie so schwer lesen kann. Es ist schwierig, zu verstehen, was in einer Schnecke vorgeht. Die Schnecken im Film sind übrigens sehr speziell, es sind die Haustiere von Marya Imbro. Wir hatten die Tiere auf der Hand, aber nie auf dem Gesicht so wie Masha im Film.
Peter: Wir hatten auch unsere Limits.
»White Snail« ist ein Film über Nähe und Verbindung sowie die Angst davor. Wieso haben viele Menschen – ob bewusst oder unbewusst – diese Angst?
Kremser: Man hat wohl Angst davor, verletzt zu werden. Dieses Risiko besteht immer.
Peter: Ich hoffe, mehr Menschen trauen sich, sich zu öffnen – das wäre ein großer Wunsch von uns.
Kremser: Bei Kindern kann man gut beobachten, dass sie eigentlich noch keine Angst haben, sich zu öffnen, aber sobald sie Ablehnung erfahren, wird es schwieriger für sie. Das könnte auch ein Appell sein: »Habt den Mut, euch zu öffnen, und seid nicht gemein zu denen, die es tun!«
Der Film »White Snail« von Elsa Kremser und Levin Peter ist ab 23. Jänner 2026 in den österreichischen Kinos zu sehen.