Herzblut

Blood Orange blickt auf »Freetown Sound« auf Wurzeln und bisherige Wege zurück, obwohl er eigentlich nur weinend Richtung Freiheit tanzen will.

Mit 30 wird gerne rekapituliert, Lebenswege analysiert und derzeitige Standpunkte

hinterfragt. In der Retrospektive ist das natürlich immer leichter, wie das auch Roger

Willemsen Juri Steiner mal erklärte. Der Brite Dev Hynes, der vor ca. zehn Jahren nach New York emigrierte, macht nun auf Freetown Sound jetzt genau das: Zurückblicken.

Because it’s twenty something

Selbst empfindet Hynes »Freetown Sound« als seine Reverenz auf den Beastie Boys- Klassiker »Paul’s Boutique«. Allerdings ist der Drittling mehr als ein reines Sammelsurium autobiografischer Erinnerungen. Es ist bezieht auch Position – ohne dabei nervig belehrend zu wirken.

Feminismus, Racial Equality und Antithesen zu via Instagram kommunizierten

Körperstandards der Protein-Werbedeppen finden alle Platz im Textbaukasten.

Bestehend aus 13 Songs und einigen halb Song, halb Skit-Mischlingen, wird das

beispielsweise bereits im eröffnenden »By Ourselves« deutlich, wenn Hynes Missy Elliot paraphrasiert (»I did not grow up to be you, but … to be a woman who plays a men’s game…On days I don’t feel pretty I hear the sweet voice of Missy singin’ to me: ‚pop that, pop that, jiggle your fat till your clothes get wet«). Hynes beweist so einerseits seine Fähigkeit zur Empathie und andererseits, dass er seine Vorredner kennt und sich in der Tradition sieht, deren Feuer weiterzugeben.

Club der toten Genres

Zusammengehalten wird so viel Meinung von Genrefäden, die selbst den strahlendsten Regenbogen monochrom erscheinen lassen. Das funky »E.V.P« könnte direkt der Fever 105 Playlist entstiegen sein, das hart gute »Best To You« klingt wie »Club Tropicana« nur halt noch ein Eck lässiger. Dass sich Dev Hynes gerne Verbündete mit ins Schlauchboot holt ist eh bekannt. Zu den Altgedienten, wie beispielsweise Debby Harry und Nelly Furtado, gesellen sich auf »Freetown Sound« auch Newcomer (BEA1991, Kelsey Lu), was vor dem Hintergrund des Themenkomplexes natürlich gar nicht mal so ungeil ist.

Hauptexportgut des unitaristischen Staates Sierra Leone, dessen Hauptstadt als Namensgeber für Blood Orange herhielt, waren leider schon immer diese Konfliktdiamanten. Am selbstgepressten Brilli »Freetown Sound« pickt zum Glück nur eines: Hynes’ Herzblut.

"Freetown Sound" erschien am 28. Juni bei Domino Records.

Bild(er) © Michael Lavine, Jason Nocito
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