Schrödingers Einhorn

Sowohl beim Experiment des Erwins als auch dem Erstlingswerk Henrik Szantos‘ ist vor allem eines wichtig, um es ordentlich fassen zu können: Die Fantasie.

Wenig Fantasie hingegen braucht es im Sommer am Weg in die Arbeit, wenn die Sonnenstrahlen unserem Abwasser dermaßen hart den Betonpullover aufheizen, dass auch dem olfaktorisch Abgesottensten der Riechkolben juckt. Jetzt wieder Student sein – das wär’s, watet man durch den Sumpf, vielleicht auch der eigenen Erinnerung. Natürlich verblendet, dass die letzte Prüfung meistens auch die Tür ins Pflichtpraktikum aufstößt. In genau diesem Milieu ist der Debütroman des Ungaro-Finnen Henrik Szanto beheimatet. Wie auch Vereinskollegin Mieze Medusa schreibt sich der Jungautor, wenn er nicht gerade Poetry bolzt oder an seinem Vlog SlamSenf strickt, eine Hornhaut auf die Finger. Ziemlich Generation Y. Y not.

I just don’t know what to do with myself…

"Es glänzt und ist schön" handelt vom tagträumenden Kindergärtner und Studenten Ben. Der hat eigentlich nicht wirklich Bock auf ein Praktikum. Ganz im Gegensatz zu seinem Spetzl Frederik, der von eben dieser Gralsjagd getrieben und gleichzeitig gelähmt wird, wie es Szanto zielsicher ausformuliert. (siehe Leseprobe). Zerissenheit und Ambivalenz strecken sich über seine Romanfiguren wie malträtierte Yogakörper. Einzige Ausnahme unter ihnen: Mara. Die hat augenscheinlich – zumindest in Sachen Job – eine dieser komplizierteren Fragen des Erwachsenwerdens für sich zwar nicht beantwortet, sich aber zumindest für eine Gabelung entschieden. Bei Ben kommt diesbezüglich erschwerend hinzu, dass große Teile seiner Fantasie auf ein imaginiertes Einhorn ausgelagert sind. Das durchbricht auf Fußnoten dahingaloppierend entweder die Handlung selbst, Bens stream of consciousness oder die vierte Wand. Und zwar meistens genau dann, wenn die Rahmenhandlung die humoristische Birkengerte verlangt.

Wirf die Hits wie Reich-Ranicki

Am unteren Seitenrand von "Es glänzt und ist schön" geht es deswegen auch immer ein wenig derb zu, wenn dieses fantastische Wesen, das laut Selbstportrait so aussieht, als ob es "eine Dose mit pissgelbem Legal-Doping" schmücken könnte, zu Tage tritt.

Das in Brüsten zwei Seelen wohnen kennt man natürlich aus diesem Fack ju Göhte-Film, bzw. dem Reich-Ranicki-Sager contra Jörg Fauser beim Bachmannpreis. Die Figuren in Szantos Debüt sind deswegen aber nicht weniger liebevoll gezeichnet oder einseitig. Fast alle werden mit Dimensionalität versehen. Teilweise zeigt Szanto sogar jenen Altruismus, für den bereits David Foster Wallace in "This Is Water" plädierte. Dem anfangs über-stereotypisch angelegten Karrieretiger Frederik wird genauso hinter die Gitterstäbe geblickt wie dem Protagonisten selbst.

Die Sprache Szantos‘ ist die eines Erfahrenen im Kampf um und mit den Worten. Als einzig störend kann das popkulturelle Namedropping empfunden werden (ähnlich dem in diesem Text), bei dem sich der Autor etwas scheinheilig auf sein einhörniges Zwischenmedium rausredet.

"Es glänzt und ist schön" bietet neben leichten Dialogen und schweren Denkanstößen auch noch ein paar der vermutlich best-getrimmten Eröffnungsseiten dieses Sommers. Auch Nicht-Studentinnen dürfen somit auf dem Weg ins Büro mal so tun, als wären sie en route zum glänzenden Traumpraktikum.

"Es glänzt und ist schön" ist bereits im Milena Verlag erschienen.

LESEPROBE:

Sie redeten. Das war es, was sie taten. Sie sprachen über dieses, über jenes, dann tranken sie, rauchten, feierten, schliefen. Gelähmt von einer Welt, die alle Möglichkeiten und Freiheiten bot, trafen sie die Entscheidung, keine zu treffen. Die Abenteuer gab es nur noch im Kopf, es konnte ihnen nichts passieren. Einerseits. Diese Sicherheit, diesen Möglichkeiten standen zeitgleich all die Risiken gegenüber, all die Sackgassen. Die Gewissheit, nicht reich und berühmt zu werden. Die Gewissheit, niemals ein Leben zu retten, nicht einmal das eigene. Sie waren gelähmt und getrieben. Reich und arm. Voller Möglichkeiten und doch chancenlos. Ihre Existenz gleichsam sinnvoll und –los. Das war Schrödingers Alltag. Mit Einhorn statt Katze.

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