»Junge Schauspieler*innen sind definitiv nicht zu beneiden« – Interview mit Ulrike Putzer und Matthias van Baaren zu »Casting Tapes«

Ein Filmcasting. Gesucht wird eine junge Schauspielerin für die Rolle einer jungen, sich abkämpfenden Schauspielerin. Ulrike Putzer und Matthias van Baaren machen daraus eine spannende wie vergnügliche Versuchsanordnung: Spielen die Schauspielerinnen womöglich auch ein wenig sich selbst? Der Film »Casting Tapes« ist neu in der Cinema Next Series kostenfrei zu streamen. Wir haben die zwei Filmemacher*innen zum Interview gebeten.

© © Harald Traindl — Casting Nr. 44: Schauspielerin Sandra Lipp spricht vor für die Rolle der Anna.

»Casting Tapes« ist die nächste Veröffentlichung in der Cinema Next Series, die regelmäßig auf der Streamingplattform Kino VOD Club kostenlos spannende Filme von heimischen Filmtalenten präsentiert.

Cinema Next: In euren eigenen Worten: Worum geht es in »Casting Tapes«?

Ulrike Putzer & Matthias van Baaren: Zuallererst haben wir für »Casting Tapes« ganz offiziell zu einem Casting für einen Spielfilm aufgerufen. Wir gaben an, auf der Suche nach einer Darstellerin für einen Film zu sein, der vom Leben einer jungen Schauspielerin handelt, die von einem Vorsprechen zum nächsten hetzt. Ohne großen Erfolg und zunehmend frustriert. Eine, die ohne die finanzielle Hilfe ihrer Familie die eigene Lage wohl oder übel mit »prekär« umschreiben müsste. Eine, die immer von der nächsten großen Chance spricht, sich aber nicht erklären kann (oder will), warum aus der letzten nichts geworden ist. 

Was die Bewerberinnen – allesamt junge Schauspielerinnen am Anfang ihrer Karriere – nicht wussten, war, dass sie sich in dem Moment, in dem sie sich um die Rolle der »jungen Schauspielerin« bemühten, bereits mitten in den Dreharbeiten befanden. Denn aus all den Situationen des Castings, aus den gespielten Dialogen, den Kommentaren aus dem Off etc. wurde schlussendlich der tatsächliche Film gebaut. Die Casting-Kamera stand quasi als »versteckte Kamera« für alle sichtbar mitten im Raum. Der Film, für den hier vorgesprochen wurde, wurde aus dem Vorsprechen selbst kreiert. Ein narrativer Spielfilm, den wir aus den vielen kleinen Elementen mehrerer Casting-Runden und sechs Schauspielerinnen, die sich die Hauptrolle teilen, konstruiert haben.

Der Studiodreh als Versuchsanordnung. Foto © Matthias van Baaren

Der Film ist klar erkennbar im Studio gedreht, das Schauspiel wirkt in dieser Versuchsanordnung überraschend echt und wahrhaftig. Oder täuscht der Eindruck, dass sich die Schauspielerinnen zum Teil auch selbst spielen (müssen)?

Das artifizielle Studiosetting, das aus diversen Kulissenfragmenten besteht, war eine Weiterentwicklung des bekannten Settings, wie Castingstudios oft aussehen. Nur dass wir zu dem üblichen Tisch mit Sessel, auch noch Bühnenwände etc. hinzugefügt haben. Innerhalb dieser formalen Strenge entstand bewusst eine Bühnensituation, die wie ein Skelett die recht unterschiedlichen schauspielerischen Spielarten, die auf Improvisation basierten, zusammenhalten sollte. Wir haben den Darsteller*innen ausschließlich Handlungsanweisungen gegeben. Wie sie die Vorgaben der jeweiligen Szene umsetzten, war ihnen freigestellt. 

Und dass man sich schlussendlich als Betrachter*in fragt, ob die Schauspielerinnen sich selber spielen oder nicht, freut uns, da diese Frage uns in gewisser Weise zeigt, dass der/die Zuseher*in sich bei »Casting Tapes« mit dem »Wahrhaftigen« in der Schauspielerei und der Frage »Was ist Schein und was ist Sein?« auseinandersetzt. 

Der Film ist ja auch eine Art Studie zur Lebenssituation junger Schauspielerinnen. Wie habt ihr die Dialoge der Schauspielerinnen und deren Konflikte entwickelt? Beruhen sie auch auf euren eigenen Erfahrungen? Etwa Ulrikes Erfahrungen als Casting Director? 

Wir haben nur ganz wenige Dialoge entwickelt bzw. ausgeschrieben. Wir haben uns eher Situationen ausgedacht und die Schauspieler*innen in diese hineingeworfen. 

Das narrative Grundgerüst war schon auch inspiriert von Selbst-Erlebtem. Wenn man mal selber viele Werbecastings gemacht hat, dann möchte man aus dieser stumpfen Tätigkeit vielleicht etwas künstlerisch Interessanteres machen und es »verwenden«. 

Und prinzipiell gibt es ja nicht nur Schauspieler*innen, die sich solchen »Prüfungssituationen« aussetzen müssen. Die Angst vorm Scheitern kennt doch eigentlich jeder. Damit haben wir alle Erfahrung.

Zu Besuch bei den verständnislosen Eltern (gespielt von Birgit Linauer und Reinhardt Winter): Warum kommt die Schauspielkarriere von Anna (gespielt von Lisa Carolin Nemec) nicht in Fahrt? Filmstill © Harald Traindl

Wie kommt man überhaupt auf die Idee, so einen – thematisch wie auch formal gänzlich einzigartigen – Film zu machen?

Das ist nicht so sehr eine Frage der Idee, sondern eine Frage der Lust und des Interesses. Uns interessiert und reizt es einfach mehr, formal bzw. erzähltechnisch andere Wege einzuschlagen. In der Hoffnung, so auch andere, vielleicht intensivere Reaktionen bei den Betrachtenden hervorzurufen und übliche Sehgewohnheiten herauszufordern. Ob das funktioniert, sei dahingestellt.

Ist es von euch nicht auch ein wenig »gemein«, den jungen Schauspielerinnen so den Spiegel einer eigenen Erfolglosigkeit vorzuhalten?

Ja, so könnte man das sehen. Aber im Grunde geht’s nicht um Erfolglosigkeit, sondern um das Scheitern an den eigenen Erwartungen. Und das betrifft uns hinter der Kamera genauso. Aber natürlich haben wir alle ausgewählten Schauspieler*innnen nach der ersten Castingrunde über unser Konzept aufgeklärt und gefragt, ob sie weiter mit uns arbeiten wollen. Das war zum Glück für alle okay. Insofern war es auch für uns okay. 

Aus eurer Sicht: Wie ist die Situation junger Schauspieler*innen hierzulande? Sind mühsame Castings unumgänglich, wenn man eine Karriere aufbauen oder entdeckt werden möchte?

Mühsame Castings und Vorsprechen kennt wahrscheinlich jede*r in dem Bereich, insofern gehören sie wohl leider dazu. Junge Schauspieler*innen sind definitiv nicht zu beneiden. Sie sind immer mit ihrer Körperlichkeit dem Urteil anderer Leute ausgesetzt. Das ändert sich auch nicht mit dem Alter, das gehört einfach dazu. Das ist schon ein Unterschied zu anderen Berufen. Und das muss man aushalten können.

Die beiden Regisseur*innen Matthias van Baaren und Ulrike Putzer (Screenshot). Matthias studierte an der Universität für angewandte Kunst in Wien und arbeitet seither als Grafikdesigner und Art Director, seit 2007 auch als Filmemacher. Ulrike studierte sowohl an der Akademie der bildenden Künste als auch an der Filmakademie Wien in der Drehbuchklasse. Sie ist Autorin, Regisseurin und Casterin. »Casting Tapes« ist ihre zweite gemeinsame Filmarbeit.

Welche ist eure Lieblingsszene in »Casting Tapes« und warum?

Ulrike: Ich muss immer sehr lachen, wenn der Vater der Schauspieler-Tochter von einer Laientheateraufführung erzählt, die ihn begeistert hat: die »Kreuzfahrt im Saustall«.

Matthias: Nein, ich hab keine Lieblingsszene. Bzw. sag ich nicht welche, sonst sind die anderen Szenen (zu Recht) beleidigt.

Eine Interview-Reihe in Kooperation mit Cinema Next – Junges Kino aus Österreich.

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