Deutschsprachiges zwischen Euphorie und Kapitulation, zwischen Pathos und Befindlichkeit. Ausgewählt von Dominik Oswald. Die wichtigsten deutschsprachigen Neuerscheinungen im Jänner 2026. Mit Frau Lehmann, Die Sterne und mehr.

Die Sterne – »Wenn es Liebe ist«

Nachdem man nach dreißig Bandjahren eine Jubiläums-Compilation (»Grandezza« aus 2024) veröffentlicht hat, die sich – Info am Rande – als kostengünstige Alternative zur längst überfälligen Anschaffung des gesamten Back-Katalogs der Gruppe Die Sterne erweist, kann man durchaus auch einmal etwas Neues wagen. Die Gruppe besteht mittlerweile neben Gigant Frank Spilker aus Jan Philipp Janzen und Philipp Tielsch (von den noch immer sträflich unterschätzten Neo-Krautern Von Spar) sowie Dyan Valdés, was sich auf das stellenweise adaptierte Soundkleid der Gruppe insofern auswirkt: Einerseits ist man klanglich ein bisschen elaborierter in seiner teilweise krautigen Rockness geworden. Andererseits gibt es jetzt auch englischsprachige Songs sowie von Valdés gesungene Stücke. Diese letzten beiden Adaptionen bedingen sich mitunter. Ob da jetzt im Endeffekt so viele Hits wie auf »Grandezza« drauf sind, lässt naturgemäß erst die Rückschau zu. Aber Die Sterne bleiben – anders als andere – weiterhin höchst relevant, aktuell und in der Veränderung immer wieder sie selbst.
»Wenn es Liebe ist« von Die Sterne erscheint am 9. Jänner 2026 via Pias. Livetermine: 29. März, Salzburg, Rockhouse — 30. März, Wien, Porgy & Bess. Hier kaufen.
Frau Lehmann – »Trost & Trotz«

Auf dem an Ort und Stelle sehr geschätzten Label La Pochette Surprise (u. a. Bachratten und Swutscher) erscheint nach einigen Singles und einer halben EP das Debütalbum der Leipziger Gruppe Frau Lehmann, die im Labelstatement gleich einmal mit den Größten verglichen und in Referenz gesetzt wird: Hildegard Knef, Nina Hagen, gar Christiane Rösinger oder Stella Sommer. Tatsächlich fabrizieren Frau Lehmann sehr warmen, eigensinnigen Poppunk nach Songwriter*innen-Schule – mein Referenzeinwurf: Acht Eimer Hühnerherzen! – der in der Regel vor allem gegen die Obrigen ansingt. So etwa im kleinen Hit »DLF Kultur will dass wir brennen«, der sich gegen vom (ansonsten eher gelobten) Deutschlandfunk Kultur ausgelöste Ausbeutungsmechanismen wendet. Schönes Zitat: »Und wenn wir nichts zu essen haben / essen wir die Reichen / das würd‘ uns schon die nächsten Tage locker reichen«. Ihr Debüt, das von Supportshows mit Tocotronic begleitet wird, ist inhaltlich gesplittet: Seite A mit Liedern zum »Trost«, die B-Seite mit »Trotz«. Beides natürlich völlig legitime Feelings – und beide mit sehr viel Need für Replays.
»Trotz & Trost« von Frau Lehmann erscheint am 30. Jänner 2026 via La Pochette Surprise. Keine Termine in Österreich. Hier kaufen.
Kaffkiez – »Wir«

Die KI-Funktionen, welche das Suchmaschinenmonopol von Google langfristig sichern sollen, sind nicht nur Grund für Empörung und Frustration, sondern dienen mitunter auch der Belustigung, vor allem in vermeintlich negativen Kontexten. Die Suche nach »Kaffkiez Album 2026« bringt neben unzuverlässigen KI-Zusammenfassungen auch eine wunderbare »weitere Frage«: »Wann erscheint das neue Album von Max Giesinger?« Das ist von Google natürlich ein bisschen hart, aber so richtig weit weg vom Synonym für seelenlosen Zielgruppenpop sind Kaffkiez dann auch wieder nicht, da kann man die Dots schon connecten. Auch auf ihrem dritten Album – der Vorgänger »Ekstase« erreichte Platz drei in den deutschen Charts – transportieren die Rosenheimer happy Poprock im Indiegewand, mit möglichst relatable Lyrics, ohne groß anzuecken. Tolles Beispiel: Die Single »Capri Sonne«. Das ist per se nicht unbedingt schlecht, bekanntlich ist wenig so schwierig, wie Erwartungen zu erfüllen. Und, das trauen wir uns zu behaupten: Das machen Kaffkiez definitiv.
»Wir« von Kaffkiez erscheint am 30. Jänner 2026 via Südpol. Livetermine: 30. August, Wien, Arena — 3. September, Linz, Posthof. Hier kaufen.
The Hirsch Effekt – »Der Brauch«

Fatalismus ist per se eine gute Sache, geht ihm ja immer eine ausgiebige Auseinandersetzung voraus, ein Abwiegen der zur Verfügung stehenden Optionen, aus dem sich ein potenzielles Ende als Favorit entschält oder in Frageform gepresst: »Wenn’s das gewesen ist, wäre das wirklich so schlimm?« The Hirsch Effekt, die vermutlich wichtigsten Balanceure auf dem schmalen Grat der Genres zwischen Indie, Math, Metal, Postpunk, Postrock und Artcore (und allem dazwischen und außerhalb), stellen sich auf ihrem bereits siebtem Langspieler »Der Brauch« die großen Fragen des Seins und Scheins, zwischen Selbstaufgabe und künstlerischer Lebensstil (dazu interessant: Sänger Nils Wittrocks Buch »Ein Hirsch, ein Virus und ein Baby«). Auf den neun Stücken klingen sie konsequenter- aber dennoch erstaunlicherweise nahbar und gewinnen so auch einen gewissen Popappeal. Natürlich in ihrem ureigenen Sinne.
»Der Brauch« von The Hirsch Effekt erscheint am 30. Jänner 2026 via Long Branch. Keine Termine in Österreich. Hier kaufen.
Die bisherigen Veröffentlichungen von Dominik Oswalds Reihe »Muttersprachenpop« finden sich unter diesem Link.