Deutschsprachiges zwischen Euphorie und Kapitulation, zwischen Pathos und Befindlichkeit. Ausgewählt von Dominik Oswald. Die wichtigsten deutschsprachigen Releases im Juni 2026. Mit Klez.e, Die Leute, Der Assistent, Madsen, Die Toten Hosen und mehr.

Die Leute – »Schöne Scheiße«

München ist für gewöhnlich ja ein unfruchtbarer Boden für Subkulturen, aber wenn sie dich wegen »Eigenbedarf« auch noch aus deiner heillos überteuerten Einzimmerwohnung mit Scheißhaus am Gang schmeißen, bleibt die schließlich nichts anderes über, als ein laute Wave-Punk-Trio zu gründen und erstmal gegen alles anzuschreien, was in dieser Welt so schief läuft – und das ist, geehrte Leserinnen und Leser, wie Sie wissen natürlich eine Menge: angesprochener Spekulantendreck, Freundlichkeit mit gekreuzten Fingern und gierigem Dolch, performative Males mit Nagellack, Erben (vielleicht die schlimmste Bagage von allen), you hate it, Die Leute erwähns it auf ihrem Debütalbum. Dazu ist die auch die Mucke nicht die schlechteste, schöner jangly Wavepop, wer jetzt NNDW buchstabiert, kommt eine Runde weiter. Überraschenderweise hat hier kein großes deutsches Label zugeschlagen – da wär sich schon ein ROI ausgegangen –, sondern Problembär/ Seayou Records. Wir können da mal sagen: Gute Leute, gute Entscheidung.
»Schöne Scheisse« von Die Leute erscheint am 5.6.2026 via Problembär/ Seayou Records. Live Termine: Keine Termine in Österreich. Hier kaufen.
Der Assistent – »Ultramarin«

Kennt jemand noch die sehr tolle Hamburger Indierock-Formation Fotos? Wer diese Frage liest und »ja« sagt, wird mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit spätestens jetzt noch einmal reinhören, weil: lohnt sich. Selbiges lässt sich – hier beginnt sich der Kreis zu schließen – auch über das sehr schöne Projekt Der Assistent sagen, das Soloprojekt des Fotos-Frontman Tom Hessler – Kreis geschlossen. 2023 erschien das selbstbetitelte Debüt »Der Assistent«, 2024 dann »Amnesie am Amazonas«, beide sollte man, falls noch nicht gehört, bei der Gelegenheit auch gleich nachholen, auch das lohnt sich. Auch das dritte Album kredenzt zauberhaften Downtempo-Pop mit Anleihen an Dub, Yacht Rock und Bossa Nova, wer also z.B. Düsseldorf Düsterboys oder Stabil Elite auf 0,75 Speed mag, wer entschleunigte Lyrik nicht New Age, sondern tatsächlich entspannend findet, dürfte an »Ultramarin« Geschmack finden und quasi zum Tastemaker assistiert werden. Irgendwie ganz schön sommerlich.
»Ultramarin« von Der Assistent erscheint am 19.6.2026 via Ultramarin. Keine Live-Termine in Österreich. Hier kaufen.
Klez.e – »Einmal mehr mit dir gegen die Furcht«

Immer, wenn die Könige der schwarzromantischen Popmusik neues Material veröffentlichen, ist das ein, nein, im Falle ihres sechsten Studioalbums, dem dritten seit 2017, sind das gleich zehn Gründe zum Freuen. Während das damals erschienene Überalbum »Desintegration« und der ebenfalls sehr tolle Nachfolger »Erregung« neben ihrer fantastischen, sadwavigen Instrumentierung – sagen wir wie es ist, geht am schnellsten: deutsche The Cure –, vor allem sehr melancholische, verklausulierte Lyrik boten, sind die Texte auf »Einmal mehr mit dir gegen die Furcht« fast schon leichtfüßig, nahbar, die Bisswunden in den guten Schularbeitsfüllfedern von Achtklässlern beim Interpretieren halten sich da zumindest in Grenzen. Sommerlich wäre fast schon zu viel gesagt, auch wenn es im vielleicht schönsten Song heißt »Und am längsten Tag im Jahr süße Melancholia / in mir schwer und schwerer / kein Sommer bleibt für immer«, sagen wir also eher: Goth Kid on Vacation. Was Klez.e unabhängig von ihrer hohen textlichen Qualität so einzigartig macht, sind diese wunderbaren Arrangements und Songstrukturen, quasi Sonnenuntergänge für die Ohren. Auch wenn die auf »Einmal mehr mit dir gegen die Furcht« etwas später sind.
»Einmal mehr mit dir gegen die Furcht« von Klez.e erscheint am 5.6.2026 via Windig/Cargo. Keine Termine in Österreich. Hier kaufen.
Madsen – »Smile«

Gut: Madsen veröffentlichen ihr bereits zehntes Album, das ist, um es mal so zu sagen, nicht nichts; die meisten Bands scheitern schon am ersten. Das neunte Album »Hollywood« – Sie erinnern sich bestimmt noch an die OG-Hook (»Bau mir ein Hollywood / in diese graue Hood«) –war tatsächlich als erstes Madsen-Album auf Platz 1 der deutschen Charts. Weniger gut: »Smile«, das neue Album von Madsen. Das Jubiläumswerk setzt leider inhaltlich, textlich und musikalisch, den Weg der letzten Alben weiter, hat ja offensichtlich trotzdem funktioniert, es ist Musik mit hohem Austauschpotenzial, es klingt poppig und schnöde, andernorts schreiben sie von »Nullmusik«, es ist uninspiriert und langweilig und voller Binsenweisheiten für»Ja, stimmt«-Sager, auch wenn gerade so gar nichts stimmt. Was viele dabei vergessen: Madsen waren schon immer so, z.B. schon auf dem Hit ihres zweiten Albums: »Du schreibst Geschichte / an jedem Tag / Denn jetzt und hier / Bist du ein Teil von ihr«. Offenbar fällt es erst jetzt so richtig auf. Wobei, den meisten reicht es ja, auch mal »ja, stimmt« zu sagen.
»Smile« von Madsen erscheint am 5.6.2025 via Goodbye Logik Records. Live Termine: 12.6. Conrad Sohm, Dornbirn; 13.6. Nova Rock Festival. Hier kaufen.
Die Toten Hosen – »Trink aus! Wir müssen gehen«

Nachtrag vom Mai. Spätestens mit »An Tagen wie diesen« wurde es längst Zeit: Die Toten Hosen beendet ihre (Album-)Karriere nach über 40 Jahren und gedenken auf ihrem 16. Studioalbum auf der A-Seite vor allem ihrer langen Karriere aus der Innenperspektive heraus, werfen aber – so viel politisches Gewissen scheint es dann doch noch zu geben – einen kritischen Blick auf die Gegenwart, auf die Welt, die nicht unbedingt eine bessere ist, als die, die sie 1983 auf ihrem ersten Album »Opel Gang« vorgefunden hatten – auch wenn bestimmt einzelne Songs Leben gerettet haben. Während also das reguläre Album neue Stücke und alte Probleme aufweist, gibt es auf der Bonus-Platte fast das Gegenteil: Dort intonieren DTH gemeinsam mit den Original-Interpreten Cover-Songs, wobei die Runde sehr illuster ist und auch ein wenig die Entwicklung der Band nachzeichnet: U.K. Subs, The Specials, Mittagspause und Fehlfarben, Wolf Biermann (89 mittlerweile), Sven Regener, Hannes Wader, Blixa Bargeld, Bettina Wegner bis zu Vicky Leandros (weiß übrigens jemand, warum »Ich liebe das Leben« in den letzten 5 Jahren so omnipräsent wurde? Hinweise bitte per Post). Ist es ein würdiger Abschied? Wir sagen mal: ja. Wird man DTH in den Stadien dieser Welt nochmal sehen: ja.
»Trink aus! Wir müssen gehen« von Die Toten Hosen erscheint am 29.5.2026 via JKP/Warner. 12.9. Ernst-Happel-Stadion, Wien. Hier kaufen.
Außerdem erwähnenswert:
Esther Graf – »Wofür es sich zu leben lohnt«
(VÖ: 26. Juni 2026)
Es gibt zwei Arten internationaler Popstars aus heimischen Anbau: Die, mit dem genuin Österreichischen kokettieren und die, die so gar nicht klingen nach Wien, Mühlviertel, Gnas oder eben – wie bei Esther Graf – nach Spittal an der Drau. Die veröffentlicht ihr zweites Album, das aber zum Glück gar nicht nach »ich bin jetzt erwachsen«, sondern tatsächlich befreiter und selbstbestimmter klingt. Alles weitere gibt’s in der aktuellen Ausgabe von The Gap, das Album kann auf allen gängigen Plattformen geshoppt werden.
Kobrakasino – »Alarm für Kobrakasino«
(VÖ: 12. Juni 2026)
»Sonne, Mond & Dynamit«, das Debütalbum des Wiener Dreiers war eine kleine Indieperle aus dem 23er-Jahr, da gab’s natürlich auch einiges an Rotation auf dem gelben Sender sowie eine Deutschland-Tour mit Megastar Resi Reiner. 2026 sind Kobrakasino natürlich noch immer sehr cool, vermutlich sogar zu cool, wie Kollege Tobias Natter in seiner tollen Rezension zum Album in der aktuellen Ausgabe von The Gap schreibt. Album hier kaufen.
Die Behörde – »Der letzte Arbeitgeber«
(VÖ: 12. Juni 2026)
Bei der Bremer Punkkapelle klingt nur der Name nach Verwaltungsapparat, die Songs sind weit davon entfernt, pragmatisiert zu werden, vor allem der quasi Titelsong »Arbeitgeber« spricht unangenehme Wahrheiten aus. Nach der 24er EP »Schule Arbeit Tod« erscheint das erste Album von Die Behörde, wobei auch das ist eher Kurzarbeit: Acht Songs in zwanzig Minuten, thematisch natürlich neben Ausbeutungsgeschichten auch welche über Diskriminierung, Patriarchat, Rassismus und alles, womit man sich heute so rumschlagen muss. Album hier kaufen, keine Live-Termine in Österreich.
Die bisherigen Veröffentlichungen von Dominik Oswalds Reihe »Muttersprachenpop« finden sich unter diesem Link.