Shooting Star

Hinten im Hirn

Einer der aufregendsten Krimi-Autoren der Gegenwart kommt von der Südhalbkugel. Peter Temple lässt seinen Ermittler durch den Melbournes Nobelsumpf streifen und lotet die Grenzen des /hard-boiled/-Genres aus.

Ein Australier im Höhenflug. Für „Kalter August“ wurde Peter Temple mit Englands renommierten Duncan Laurie Award ausgezeichnet. Für seinen neuen Roman „Shooting Star“ heimste er das australische Pendant den „Ned Kelly Award“ ein. Zu Recht, denn Peter Temple schuf mit „Shooting Star“ im Sinne der /hard-boiled/ Literatur einen knallharten, schnörkellosen Großstadtkrimi.

In der Nobelgegend von Melbourne residieren die Carsons. Pat Carson legte vor über 50 Jahren den Grundstein für das Imperium: Vom mittellosen Bauarbeiter schaffte er es zum millionenschweren Bauunternehmer. Skrupel sind der Familie fremd, Feinde und Opfer gibt es zuhauf, so gleicht die Carson-Villa eher einem Hochsicherheitstrakt. Und trotzdem: Anne Carson, die Jüngste aus der Dynastie, wird entführt. Frank Calder, Ex-Bulle mit Afghanistan-Kriegstrauma, soll der Familie die Kleine zurückbringen. Bloß Lösegeld überbringen und keine Polizei: Der Börsengang steht ins Haus, da macht sich eine Entführung nicht gut.

Schließlich wird es doch mehr als ein Botengang. Für Krimis nicht unüblich, holt sich Frank einen Freund alter Tage zurück, mit dem er schon in Afghanistan einige Kriegseinsätze absolvierte. Orlovsky ist nicht nur der Mann fürs Grobe, sondern auch ein kleiner Computer-Guru. Trifft sich gut, denn die Entführer arbeiten mit Stimmenverzerrern und sonstigem Firlefanz, auch die geheimnisvolle Melodie eines Computerspiels ist mehr als nur eine heiße Spur. Trotz allem ist „Shooting Star“ kein High-Tech-Krimi, viel eher entwirft Peter Temple ein Diagramm extremer Zügellosigkeit. Sein Schnüffler legt Kapitel für Kapitel neue unappetitliche Geheimnisse der Familie frei. Von Drogensucht bis Unzucht – wo auch immer die „Rockefeller auf Horrortrip“ in Aktion treten, sie hinterlassen eine Spur der Verwüstung. Genau diese Fährten nimmt Frank auf und tatsächlich führen sie ihn in die Nähe von Anne.

Dem Autor scheint keine menschliche Regung fremd zu sein. Er durchleuchtet die hintersten Winkel von Hirn und Seele und stößt dabei auf blanken Wahnsinn. Ohne zu moralisieren, schafft er es dennoch eine Art Moral in den Roman zu bringen. Wenn bei Bertolt Brecht der Moral noch das Stillen der Grundbedürfnisse vorangestellt wird, verkommt sie bei Peter Temple zu einem Treppenwitz. Jegliche Hemmschwelle unterliegt der Gier nach schnödem Mammon und schnellem Ruhm.

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