Schwarzkopf wird erwachsen

Nazar ist der wichtigste Rapper Österreichs. Klassische Medien braucht er dafür nicht. Hier daheim ignorieren sie ihn sowieso. Stattdessen hat er Fans, von denen andere nur träumen können und eine Klappe, die sich andere wünschen würden. Stefan Niederwieser hat ihn daheim in Wien-Favoriten getroffen.

„Narkose“ ist in Deutschland und Österreich in den Top Ten eingestiegen. Nazars Songs könnte auf allen Radiosendern von Pop bis Alternative Mainstream laufen, aber weil Nazar oft nicht ganz so spurt und mitspielt, wie es gern erwartet wird, und er auch genaue Vorstellungen davon hat, was ihm zusteht, findet es trotz seines belegbaren Erfolgs kein Medium nötig nach Favoriten für ein Interview zu fahren. Sein Album wäre die logische Wahl für den HipHop-Amadeus – aber wer weiß, vielleicht scheißt der im Iran geborene Rapper sowieso drauf. So wie lange Zeit auf Blockstars. Oder manches Angebot von US-Größen. Oder mikrige Angebote von deutschen Rappern ein Video für ihn zu drehen.

Vielleicht treiben ihn dabei die Folgen einer Verletzung so an, die ihn von Kindesbeinen an begleitet, dass er seit 2008 jährlich ein Album herausbringt, dass er nicht nur Marketing für einen Energy Drink, sondern auch noch Nazar Films macht und immer den richtigen Tonfall für seine Facebook-Fangemeinde trifft, die größer ist als ganz Salzburg. 2010 hatte sich Nazar noch für die Produktion seines Albums verschuldet, es landete im Netz noch bevor man es kaufen konnte. Die Brüder Riahi waren bei all dem mit der Filmkamera dabei – ihr Dokufilm „Schwarzkopf“ gewann bei der Diagonale im selben Jahr den Publikumspreis. Da ging es eigentlich schon deutlich aufwärts. Nazar hat intakte Kontakte zur SPÖ, dem Strache würde er dafür sofort eine Bitchslap verpassen, wenn er ihn sieht. Er muckt auf und gibt sich nicht schnell zufrieden.

Das lässt sich natürlich nicht so leicht in ganz Wien plakatieren wie David Alaba – obwohl beide auf ihrem Gebiet in diesem Land tonangebend sind. Wichtige Vorbilder sind sie beide. Zu sagen hat Nazar allerdings viel mehr, neuerdings sogar über Beats, die narkotisierend klingen wie Weeknd oder Drake.

Hol dir eine Tasse Tee, das Interview ist lang, aber es lohnt sich. (Vielen Dank an Sandra Adler, die dieses Interview zu einem beträchtlichen Teil transkribiert hat.)

Morgen wirst du 28. Wie feierst du?

Zu Hause mit einer Bestellung beim Pizzamann. Mein Freundeskreis hält sich in Grenzen, dafür hab ich ihn seit meiner Kindheit. Ich bin kein Freund davon, Parties mit jedem zu feiern, den man angeblich kennt. So im kleinen Rahmen bin ich glücklicher.

Wohin bist du früher gegangen?

Passage, Museumsquartier hin und wieder, und Volksgarten natürlich. Irgendwann ist mir dort das Publikum zu jung geworden. Und ich werde zu oft erkannt. Letztens waren wir für einen Videodreh in Marrakesch und sind irgendwo zwischengelandet. Plötzlich stand da eine Gruppe von Schweizern, die mich sogar erkannt haben. Ich war angezogen wie ein Müllsack.

Ich war schon immer lieber alleine als auf der Straße und in Clubs unterwegs und mich dafür feiern zu lassen, dass mich Leute erkennen. Ich hab mir vor Kurzem ein Grundstück außerhalb von Wien gekauft – zu viele Leute wissen mittlerweile, wo ich wohne. Es ist richtig unangenehm, wenn ich spätabends nach Hause komme und auf dem Weg von der Garage Fans warten. Es waren mal Leute aus Salzburg hier, die stundenlang im Regen standen. Ich kann dann auch nicht sagen: Lasst mich in Ruhe! Ich versuche, mich in ihre Lage zu versetzen und erinnere mich daran, als ich früher selbst Fan war.

Ist hier in deiner Wohnung auch "Schwarzkopf" gedreht worden?

Ja. Damals hat die Wohnung noch anders ausgesehen. Schwarzkopf wurde fast 1,5 Jahre lang gedreht. Damals hatte ich eine ganz schlimme Phase. Das Album, das ein paar Wochen vor "Schwarzkopf" in die Läden kam, war dann ein Riesensprung. Ich habe super Werbedeals bekommen. Ich bin Iraner, und ich glaube, die wussten immer schon, wie man mit Geld umgeht. Ich hab ein paar schlaue Sachen gemacht.

Meinst du auf Musik bezogen?

Ich habe hier in Österreich mit Hip Hop Grundsteine gelegt, die eigentlich ein Schlager- oder Popsänger hätte legen müssen. Ich kann es nicht verstehen, warum in Deutschland die größten Medien mit mir Interviews führen, mich in ihre Sendungen einladen und Radiosender meine Musik spielen, ohne dass wir sie bemustern und das in Österreich noch nie der Fall war. Das tut mir so unglaublich weh. Wer weiß, vielleicht wird das bei der nächsten Generation von Künstler besser werden.

"Narkose" ist in Österreich auf Platz Fünf, in Deutschland auf Zehn eingestiegen. Wer erreicht das außer dir?

Gestern habe ich erfahren dass ich der erste österreichische Rap Artist bin, der in Deutschland in die Top Ten gestartet ist. Und das auch noch Independent. Dieses Scheiß-Wort sage ich dazu, weil Laien nicht wissen, was es für einen krassen Unterschied macht, ob du wirklich alles selber finanzierst, alles selber in die Hand nimmst – oder ein Major Label, das z.B. CDs so stark in den Läden platziert, dass sie allein deswegen Gold gehen. Die laufen dann im Fernsehen rauf und runter und kommen auf das Cover der Krone.

Die anderen … Chakuza hat jahrelang in Österreich Musik gemacht, Raf ebenfalls. Beide sind weg gegangen, weil sie wussten, dass es in Berlin funktioniert. Ich habe es von hier aus geschafft. Ganz alleine, ich habe keinen dazu gebraucht, und das wird nicht honoriert in diesem Land. Wir waren mit einem Doku-Spielfilm in Österreich auf Platz Drei der Kinocharts. Trotz alldem war ich nicht einmal nominiert für den Amadeus. Und dann gewinnen die Vamummtn, deren Manager in der Jury saß. Wie ekelhaft ist das eigentlich?

Was waren die schlauen Entscheidungen, von denen du gerade gesprochen hast?

Ich wusste mit meiner Person gut umzugehen. Ich hab beispielsweise mit der Politik zusammengearbeitet. Ich habe mich nicht billig verkauft wie viele andere. Gratis Vorgruppe spielen für einen deutschen Rap-Act, und dafür soll man auch noch dankbar sein – so eine Scheiße habe ich niemals gemacht. Wenn ich angefragt werde, dann habe ich Preise wie ein Superstar. 70% können sich das nicht leisten, aber 30% schon. Im Endeffekt nehme ich nach zehn Konzerten so viel ein wie jemand, der das ganze Jahr tourt und sich körperlich kaputt macht. Und so habe ich das in jeglicher Hinsicht gemacht.


Bei Hip Hop-Konzerten ist der Andrang im Vergleich zu Youtube-Klicks oft verhältnismäßig klein. Wie ist das bei dir?

Youtube ist kostenlos, deswegen sind die Zahlen dort so hoch. Bei meinen Konzerten letztes Jahr hatte ich Deals, bei denen ich selber werben musste, d.h. es kommt auf die Plattform an, auf der du werben kannst. Meine Tour war komplett ausverkauft, und das als Österreicher in Deutschland und obwohl das Album schon sechs Monate alt war. Das war schon ein Riesenerfolg.

Hast du die Tour auch independent organisiert?

Alles, ich hab bis heute kein Management. Nach der Tour haben große Booking-Agenturen bei mir angefragt, aber ich bin da sehr vorsichtig, weil das Musikgeschäft sehr schmutzig ist. Ich bin trotz eines riesigen Major-Angebots bei meinem Vertrieb Wolf Pack geblieben. Das hat sich mit dem neuen Album bezahlt gemacht, weil man als Independent-Künstler sechs Mal so viel verdient wie bei einem Major Label, das über alles Entscheidungsmacht haben wollte. Worauf ich gesagt habe: Wie kannst du einen Künstler wie Nazar, der seit fünf Jahren kontinuierlich immer größer geworden ist, sagen, dass du ihn verbessern willst?

Cro hat ja sein Album independent veröffentlicht.

Ich finde es grandios, dass er so einen Erfolg hat, weil es zeigt, dass Hip Hop sehr relevant ist. Aber ich muss ein bisschen die Illusion stehlen, weil man independent nicht 500.000 CDs in die Läden stellen kann. Ich hab mich erst bei diesem Album richtig mit den Charts beschäftigt. Es ist skurril in Deutschland. Wie kann in einer Zeit, in der es so viele illegale Downloads gibt, der Online-Verkauf von Downloads und bei Amazon herunter gewertet werden? Was für ein Schwachsinn!

In Österreich hat man andrerseits keine Transparenz, da muss man ein halbes Jahr auf die Verkaufszahlen warten. Es kommt außerdem ganz stark darauf an mit welchen anderen Neuerscheinungen du einsteigst. Hätten wir eine Woche früher releast, wären wir in Österreich auf Eins gewesen und in Deutschland auf Drei. Es ist wie Roulette spielen.

Wie kriegst du dieses Feedback von den Fans mit?

Auf Facebook natürlich. Ein Independent-Künstler wie ich, mit 150.000 Facebook-Fans, kann da eine große Masse erreichen. Der Nachteil ist, dass es viel zu persönlich ist und man angreifbar wird. Es ist aber – leider Gottes – so wichtig als Künstler, dass man permanent twittert, damit die Fans die Nähe haben. Ich werde zum Glück nicht oft beleidigt, was im Hip Hop eigentlich üblich ist. Aber wenn es zu krass wird, auch gegen andere Fans, dann blockier ich eine Person schon mal.

Kannst du mittlerweile darüber lachen, dass dein Album vor zwei Jahren geleakt ist?

Das war ein schlimmes Ereignis für mich, ich habe da meine ganzen Ersparnisse investiert und plötzlich war es Wochen vor Release im Internet – über drei Millionen illegale Downloads. Trotzdem war das Album später ausverkauft, aber wir führen bis heute einen Rechtsstreit.

Gibt es Szenen im Film, die du nicht haben wolltest?

Es war sehr schwer für mich. Ich musste Arash und Arman (T. Riahi, Produzent bzw. Regisseur von "Schwarzkopf", Anm. d. Red.) ein paar Mal erklären, dass es für sie leicht ist mir zu sagen, was für den Film gut ist, sie mir aber nicht genug Geld geben, um mir später, wenn ich durch den Film noch bekannter bin, einen Rückzugsort zu leisten. Irgendwann musste ich einsehen, dass der Film anders nicht funktioniert, weil er eben nicht gestellt ist. Das war mein Leben und meine Vergangenheit und nur so konnte er interessant werden. Uns war schnell bewusst, dass ich ein uninteressanter Typ bin, auch privat. Wir mussten schnell die Kinder casten, um ein bisschen Pepp in den Film zu bringen.

Dein Song „Hochmut kommt vor dem Fall" beginnt mit einem Zitat aus dem Film "La Haine – Hass". Vergleich doch bitte mal Wien mit Paris …

Es ist lächerlich, wenn jemand behauptet, dass es in Österreich ein Ghetto gibt. Wien ist die lebenswerteste Stadt der Welt. Jeder, der einmal arbeitslos war und Sozialhilfe bekommen hat, weiß, wie gut es uns hier eigentlich geht, und dass man nicht auf der Straße enden muss. Das Problem ist, dass es sich aber immer mehr in Richtung des Films entwickelt. Egal wie viele Fassaden sie im 10. Bezirk renovieren und wie viele neue Häuser sie bauen, die Leute werden sich nicht verändern. Ihre Wut wird immer größer, weil die Miete steigt und sie noch immer kein Geld haben.

Ich wohne seit zwanzig Jahren in Favoriten. Früher waren viele österreichische Proleten hier, die schnell vom Kanaken-Überschuss abgelöst wurden. Jetzt sind nur noch alte Rassisten hier. Einerseits gibt es Kanaken, die richtig dumm sind, richtige Bauern, die ihre Kinder auch so erziehen, oder gar nicht. Und dumme, primitive Österreicher, die den ganzen Tag im Bierhaus sitzen, saufen und sich beschweren, dass die Kanaken ihnen die Arbeit wegnehmen. Die Zustände hier verbessern sich nicht.

Die FPÖ hat mit Strache viel Benzin ins Feuer geschüttet. Unter Haider war es noch gemäßigter. Strache am Viktor-Adler-Markt, das ähnelt einer Ansprache von Hitler. Die Rassisten, die sonst nur in ihren Wohnungen sitzen, treffen sich dort und werden dadurch mutiger. Dem Strache werde ich, sollt ich ihm irgendwann begegnen, eine ganz miese Schelle geben.


Wie merkst du konkrete Auswirkungen?

Jeder Kanacke wartet drauf, dass der Österreicher etwas Falsches sagt und umgekehrt – ein Fass kurz vorm Überlaufen. Der Großteil der Menschen, die hier leben, sind Sozialhilfeempfänger. Die SPÖ hat zu spät daran gedacht, die Ausländer zu integrieren. Es liegt aber auch an den Menschen selbst. Meine Mutter, mein Bruder und ich haben alle Deutsch gelernt und sind zur Schule gegangen. Mein Bruder ist, wie ich, erfolgreich. Er war American Football-Profi und ist mittlerweile Puls4- und ORF-Moderator. Dass nur die Politik schuld ist, ist eine Ausrede.

Denkst du die Neue Mittelschule, die soziale Durchlässigkeit schaffen soll, würde hier etwas bringen?

Gemischter wäre gut. In meiner Klasse waren von 20 Schülern 18 Ausländer, und die Lehrer mussten teilweise auf Türkisch unterrichten. Genauso gibt es in Fahrschulen separat Unterricht auf Türkisch oder Jugoslawisch. Was ist das für eine Scheiße? Wir leben hier in Österreich und jeder hat perfekt Österreichisch zu sprechen. Die Zustände in den Schulen, Schlägereien, Schutzgelderpressungen usw., liegen auch daran, dass die Lehrer unterbezahlt und überfordert sind.

Bringt Deutsch-Förderunterricht etwas?

Das sollte Pflicht sein, und zwar indem die Leute keine Aufenthaltsgenehmigung und keinen Sozialanspruch bekommen, wenn sie nicht hingehen. Es klingt hart, aber was macht man in einem Land, dessen Sprache man nicht beherrscht und dessen Kultur man verabscheut? Wir waren im Iran sehr wohlhabend, wegen des Krieges mussten wir fliehen. Mein Vater war gestorben und ich war sehr krank. Meine Mutter ist mit uns geflüchtet, an der Grenze ist sie angeschossen worden. Wir kamen hier in das Asylantenheim in Traiskirchen, das einem Gefängnis ähnelte. Trotz vieler schlimmer Dinge haben wir uns ein Leben aufgebaut.

Thematisierst du diese sozialen Fragen auch in deiner Musik?

Nein, ich habe vor irgendwann ein Buch zu schreiben. Das Leben kann man nicht in drei Minuten verpacken. Trotzdem ist es zum Beispiel bei "Fremde Welt" Thema. In einem Song auf dem ersten Album frage ich mich, ob es mir im Iran besser gegangen wäre. Ich wurde definitiv von vielen Österreichern nicht gut behandelt, aber ich generalisiere deswegen nicht.

Versuchst du ein Vorbild zu sein?

Es gibt auf jedem Album drei Songs, die vernünftig sind. Ich versuche Jugendlichen Werte zu vermitteln. Würde ich nur noch solche Songs schreiben, würden sie mir nicht mehr zuhören.

Fühlst du deine Anliegen von irgendeiner Partei repräsentiert?

Absolut nicht. Nur wegen unserer Zusammenarbeit, finde ich nicht alles gut, was die SPÖ macht. Meinetwegen hat die SPÖ damals die Jugendwahlen gewonnen, aber wenn die weiter so viel Scheiße bauen, werde ich meine eigene Partei gründen, auch wenn ich nie etwas mit Politik zu tun haben wollte. Die notwendigen Stimmen bekomme ich ganz schnell.

Die FPÖ hat mich wegen Volksverhetzung angezeigt – weil sie Angst vor mir haben. Im Internet standen Dinge über mich und meine Mutter … Wenn ich den finde, der das geschrieben hat, werde ich ihm Schmerzen zufügen – egal wie vernünftig ich sonst bin. Andererseits war es ein Zeichen dafür, dass ich sie getroffen habe, wie kein anderer Politiker oder die Presse es kann. Nach meinen Aussagen über die FPÖ bin ich sehr oft von der Polizei aufgehalten und anonym angezeigt worden und musste sehr viel Geld bezahlen. Ich habe auch gegen den Iran geschossen, was einer der Gründe für mein Einreiseverbot war.

Ich werde trotzdem nicht aufhören, meine Stimme zu erheben. Ich sehe das als meine Pflicht, weil ich mit meiner Musik eine Plattform habe, die anderen fehlt. Andere Iraner in meiner Position, Schauspieler oder Musiker, trauen sich das nicht.

Wie hast du die mediale Ausschlachtung deines Gerichtstermins 2008 erlebt?

Mit schuld ist mein damaliger Anwalt, für den es ein Zuckerschlecken war einen Rapper wegen schweren Raubes zu vertreten. In U-Haft habe ich das anfangs nicht mitbekommen bis Mithäftlinge mich gefragt haben, ob ich ein Gangster und Rapper bin. Ich wusste aber immer irgendwann kommt die Wahrheit ans Licht. Über meine Freisprechung haben natürlich nicht mehr so viele Medien berichtet.

Hat dir diese Geschichte auch genützt?

Andere hätten das krass vermarktet und auf den nächsten drei Alben erzählt, wie hart sie sind, weil sie im Gefängnis waren. Meine Musik ging irgendwann weg von dem Straßen-Ding. Aber ich stehe dazu, dass ich manche Angelegenheiten mit einem Bitch Slap regele.

Damals hattest du eine Waffe dabei. Besitzt du derzeit eine?

Nein, ich habe daraus gelernt. Es war ja nur eine Gaspistole, die man einfach so im Laden kaufen kann. Ich dachte, man darf sich damit verteidigen. Ich habe sie nicht abgefeuert, hatte sie nur um einzuschüchtern. Ich habe gemerkt, es ist besser ohne. Man neigt sonst schneller dazu, sie zu benutzen.

Textest du auch über Drogen?

In "Junkie", auf dem Album "Paradox", erzähle ich von einem Junkie, den einmal am Schwedentor auf mich losging. Nach einem Bitch Slap steckte ein Zahn in meiner Faust, davon habe ich heute noch eine Narbe. Aber sonst habe ich schon immer eine sehr große Abneigung gegen Drogen gehabt.

Hast du manchmal, wie sagt man, "Stress"?

Jemand hat mal versucht Schutzgeld von mir zu erpressen, aber sie haben schnell gemerkt, dass ich auch auf der Straße groß geworden bin. Mein Vorteil war, dass ich keinen Dreck am Stecken hab und sie mich nicht unter Druck setzen konnten. Trotzdem schade, dass so etwas in Österreich möglich ist. Aber ich hab viel mehr Stress mit meiner Freundin, wenn ich meine Unterhosen liegen lasse.


Gibt es einen Grund dafür, dass dein aktuelles Album weniger deprimierend ist, wie Sido das ausgedrückt hat?

Mir geht es finanziell und gesundheitlich besser. Und ich kann meiner Familie helfen. Ich habe nichts mehr mit den Leuten zu tun, die mich früher in schlimme Situationen gebracht haben – auch kriminelle.

"Narkose" ist auch musikalisch offener.

"Stilles Meer" ist von The Weeknd inspiriert, den hab ich zu Tode gehört. Wenn es jemand schafft, das auf deutsch umzusetzen, wird er ein Superstar. Der Songaufbau von "Sandsturm" ist an Drake orientiert. Ihre Textinhalte sind aber andere. Deutscher Hip Hop wird wegen der vulgären Sprache schnell kritisiert, dabei werden im amerikanischen Hip Hop, der überall rauf und runter läuft, tausendmal schlimmere Sachen gesagt. Die ganzen Vollidioten verstehen es nur nicht.

Hast du musikalisch mehr ausprobiert als früher?

Ja, es wird auch in diese Richtung weiter gehen. "Hallo Vergangenheit" mit Gary Howard, der mit den Flying Pickets ein Weltstar war, wurde mit einem Gitarristen eingespielt. Endlich hab ich einen Song, den ich meiner Mama zeigen kann. Ich, meine Musik und meine Fans sind älter geworden. Ich hab mit diesem Album bestimmt einige verloren, aber auch viele dazubekommen. Zum Glück auch solche, die Musik legal kaufen. Früher war das anders. Ein Künstler kann aber nur so existieren. Ich bin froh, dass ich mich dafür nicht verstellen musste, sondern die Musik, die ich momentan so stark fühle, von den Leuten angenommen wird.

Wie sehr bringst du dich in die Musik ein?

Ich habe mit allen Produzenten persönlich zusammengearbeitet, Anweisungen gegeben und teilweise selber eingespielt. O.Z. habe ich entdeckt. Er ist ein 20-jähriger Schweizer Rohdiamant, der produzieren kann wie die teuersten Produzenten aus den USA und mittlerweile von amerikanischen Größen angefragt wird. Amerikaner sind allerdings oft anfangs begeistert und am Ende des Tages versuchen sie dich abzuzocken. Ich habe schon gehört, dass Beispieltracks leicht verändert auf anderen Alben gelandet sind.

O.Z. ist vom Style her ein anderer Typ als du.

Ein türkischer Hipster-Junge. Ich bin nur mit Türken aufgewachsen und eigentlich ist er das Gegenteil eines Türken. Seine Mutter rief mal an um mir zu sagen, wie krass der Beat ist. Er ist ein Nerd, was amerikanischen Rap betrifft, und hat den größten Anteil daran, dass das Album ist, wie es ist. Der coole fröhliche Lifestyle von ASAP Rocky oder Cro, die ich mir privat überhaupt nicht gebe, ist durch ihn in meine triste Welt übergeschwappt, wie z.B. im Dankeschön-Video an meine Fans. Einige Nummern von Cro finde ich grandios, musikalisch super ausproduziert. Aber als Iraner ist das Poetische, Traurige einfach in mir.

Wie kommst du zu den Leuten, mit denen du zusammenarbeitest?

An den Anfragen von österreichischen Produzenten und Rappern habe ich meistens kein Interesse. Und die alteingesessene Hip Hop-Szene in Österreich, die nie erfolgreich war und mich von Anfang an als Bushido-Kopie beschimpft hat, wurde durch meinen Erfolg mundtot gemacht. Auf hiphop.at hab ich mitbekommen wie die über mich reden. Auch die Message hat mir von seltsamen Feedback auf ihre Nazar-Coverstory erzählt. Nur Kamp war cool zu mir, ein unglaubliches textliches Genie, der aber nicht auf das aktuelle Album gepasst hätte.

Und Money Boy? Der hat 38 Millionen Klicks

Das hat gar nichts zu bedeuten. Letztens hab ich das erste Mal mit ihm telefoniert, weil ich mich überzeugen wollte, ob er sich wirklich ein Face Tattoo gemacht hat. Da hab ich gemerkt, der ist wirklich ein bisschen komisch im Kopf, und es macht keinen Sinn ihm helfen zu wollen. Ich versteh nur nicht warum der ständig im News, Puls 4 und ORF vorkommt und diese Wichser dort sagen, er ist der erfolgreichste Rapper aus Österreich. Das macht es mir schwer den Leuten zu vermitteln, dass ich seriöse Musik mache. Ich verkauf hier mehr CDs als Christina Stürmer, wer will mir hier was erzählen.

Sido meinte in dem Album-Vlog, dass er niemanden kennt, der so zielstrebig arbeit.

Mir ist aufgefallen, dass erfolgreiche Rapper faul werden. Die meisten sind noch dazu Kiffer. Das will ich für mich nicht. Meine Produktionen haben schon früh sehr professionell geklungen.

Ich hab bei diesem Album bemerkt, dass ich mich anfangs in die falsche Richtung entwickelt habe, Mails nicht gleich aufgemacht habe und das schnell wieder abgestellt. Ich bin Marketing-Chef, ich hab eine Produktionsfirma, wo wir Videos und Werbung drehen, bin als Künstler erfolgreich, unterstütze meine Familie und schreib auch für andere Texte – ich wundere mich und bin aber froh, dass das alles funktioniert.

Machst du bei deinen Videos auch selbst Regie?

Ich mach zwar auch Regie und liefere Ideen, hab aber gemerkt die eigene Kamera, Final Cut und Logic, das wird zu viel. Manche Leute können Dinge besser als du selbst. Bei Nazar Films sind wir zu dritt ein perfektes Team. Wir haben viele Anfragen für Musikvideos von Musikgrößen und Superstars bekommen, die uns mit 10.000 Euro abspeisen wollten. Ich hab das nicht nötig, aus Imagegründen. Wenn die ein Video haben wollen, wie mein „Lost In Translation“, das 150.000 Euro gekostet hat, soll mir niemand kommen und glauben, das geht für einen Bruchteil. Und dann spielt GO TV mich nicht einmal.

Was gibt es dann noch, MTV und Viva?

Wir haben es dort nicht einmal eingesendet, weil die früher schon Faxen gemacht haben, obwohl ich wochenlang auf TRL Nummer Eins war. Dort entscheidet ein Gremium welche Videos laufen und über eine Sekretärin, die mich mochte, hab ich erfahren, wie die über mich reden, wo ich dachte, fickt euch, ich muss euch nicht in den Arsch kriechen. Ich hab jetzt als einziger Österreicher einen Partnerkanal auf Youtube, wo die Leute sowieso viel öfter und länger sind. Ich sag denen keine rosige Zukunft voraus.

Genauso FM4. Wenn der Staat denen irgendwann kein Geld mehr in den Arsch schiebt, weil sowieso nur zehn Leute zuhören, die mich immer boykottiert haben, dann wird es die auch nicht mehr geben, und ich werde ganz krass lachen. Ich war einmal für „Schwarzkopf“ dort im Studio und hab sie darauf angesprochen und auf ihre eigenen Freunde, die sie dort supporten. Da haben sie gelacht, meinten ‚bist eh leiwand’ und es hat sich nichts geändert. Die sollen ruhig weiter in der Liga spielen, in der sie spielen. Ich bin zu keinem Festival gebucht worden, bin beim Bürgermeisterfest dem Donauinselchef und Radio NRG vorgestellt worden. Sido und Bushido spielen sie – was soll ich davon halten?

Du hast in Österreich also kein Feature gehabt?

Nichts. Gar nichts. Du bist mein erstes Interview zu einem Album, das in der Schweiz nur durch iTunes auf Platz 28 eingestiegen ist.

Das Biber müsste dich doch interviewt haben?

Da war ich ja am Cover, damals mit dem Häupl zusammen. Das fand ich auch cool. Vor dem Album hab ich mit ihnen gequatscht, die meinten nur, ein Gewinnspiel wäre cool.

Die machen ja mit Novomatic eine Akademie …

Aha, krass. Ich hab mit SPÖ-Politikern gestritten, weil die mir weismachen wollten, dass es schlecht ist Glücksspielautomaten zu verbieten, wo ich nur gesagt habe, ihr verdammten Wichser, ich kenn so viele, die sich scheiden haben lassen, Väter, die sich im Wohnzimmer aufgehängt haben, weil sie ihr ganzes Leben verspielt haben, und ihr wollt mir sagen, das ist schlecht, nur weil ihr daran Steuern verdient? Und wenn ich das jetzt höre, bekomme ich richtig das Kotzen. Das ist diese dreckige Museumsquartiergesellschaft, wo 50% wirklich cool ist, weil sie Atmosphäre dort feiern, und 50% nur Alibi dort sind.


Du hast mit „Du bist Wien“ Wahlkampf für die SPÖ gemacht. Hattest du noch mehr Angebote von der Stadt Wien, würdest du wieder, oder anders?

Die Kontakte haben mir nichts gebracht, weil mir viel versprochen wurde, was danach nicht gehalten wurde – was mir im Vorhinein aber auch bewusst war. Ich war froh meine Stimme gegen die FPÖ erheben zu dürfen. Ich habe das für mich und alle, die sich durch diese Partei sehr gekränkt fühlen, gemacht. Ich bin auch der Meinung, dass die SPÖ auch am meisten für die Jugend tut. Der Sebastian Kurz hatte Kampagnen … mit dem Hummer vor das Moulin Rouge … das war wieder nur für reiche Jugendliche. Ich versuche meine Stimme für die Jugend zu erheben, die sonst keine Stimme hat, außer von mir, und ich hoffe bald von ein paar Sportlern, die das könnten, aber nicht die Eier haben das zu tun, weil sie wissen wie schnell dann Blockaden aufgebaut werden. Ich hoffe es passiert mehr. „Ich bin Wien“ hat der Peko Baxant mit Leib und Seele betrieben.

Hast du schon Angebote für die nächste Wahl?

Das mache ich, wenn sich Strache wieder erlaubt seinen Mund zu weit aufzumachen. Dann wird er mich wieder sehen und ich werde wieder Morddrohungen und böse E-Mails bekommen.

Würdest du „Präsidentenwahl“ und die Zeile zum Elften September heute anders texten?

Ja. Würde ich anders machen. Ich hab in meiner Musik schon oft etwas gesagt, das ich anders gemeint habe.

Hast du „Innocence Of Muslims“ schon gesehen? Beschäftigt dich das?

Nein, möchte ich mir auch nicht ansehen. Wenn ich jetzt mitbekomme, dass Unschuldige sterben, weil ein Idiot einen Verarschungsfilm über Mohammed gemacht hat, ist es wieder nicht richtig so darauf zu reagieren. Weil die genau das bewirken wollten. Dass Botschaften gestürmt werden, finde ich nicht schlimm, so lange niemand ums Leben kommt, weil Botschafter ohnehin zu viele Rechte haben. Ich muss aber auch sagen, wenn ich Jesus-Karikaturen sehe, dann denk ich mir sogar als Moslem, ihr seid dumm. Es ist schon gut, wenn man lachen kann, aber sehr gläubige Menschen weinen bei so etwas. Du kannst das mit deiner eigenen Religion machen.

Aber war das nicht eher das Problem, dass man Dinge wegen dem Recht auf Meinungsfreiheit nicht einfach verbieten kann?

Ich glaub das ist eine Lücke und eine Ausrede. Mir kann doch niemand sagen, dass man die NPD nicht verbieten kann; oder der FPÖ ein Spiel auf ihrer Homepage, bei dem man Moscheen abschießen muss. Ich weiß schon, dass viele Verbote zu führen, dass Dinge illegal werden und so vielleicht noch größer, aber ich hoff, dass sich das einschränkt.

Du warst doch auch Sidos Blockstars?

Es war auch sehr skurril. Am Anfang wollten sie mich böse abfertigen, worauf ich keinen Bock hatte, dann hat mich Sido versucht zu überreden. Dann wollten sie einen Ersatz für mich casten und sind dann wieder angekommen, weil sie gemerkt haben, „scheiße, wir brauchen den Quoten-Kanaken.“ Die haben zwar nicht gezahlt, was richtig gewesen wäre. Am Ende war ich froh, dass ich nur drei, vier Mal zu sehen war, weil die Sendung anders war als ich gedacht hatte.

Habt ihr für „Schwarzkopf“ eine Förderung bekommen?

Ja, 150.000 Euro. Was für so einen Film gar nichts ist. Ich hab damals viele Einblicke in das österreichische Filmsystem bekommen, es ist schmutzig. Da werden viele Gelder ungerechtfertigt verteilt. Die Kunstministerin Schmid, die steckt das Geld nur in klassische Musik. 50 Millionen nur für die Staatsoper. Street Art, Musik, wird total vernachlässigt. Die Ex-Freundin von Raf, Sarah Musser, hat in dem Bereich tolle Ausstellungen gemacht. Wir sind in vielen Dingen sehr weit. Wir haben das Talent, die Möglichkeiten, aber die Gelder werden unter nur den eigenen Freunden verteilt.

Du beschäftigst dich ja ziemlich intensiv mit diesen langweiligen Institutionen.

Ja, das hat durch den Kontakt mit der Politik begonnen. Ich wusste bis vor einem Jahr nicht, dass es in Österreich eine Musikförderung gibt. Ich hab mich dann gleich mit dem Harry Fuchs getroffen, ein super Typ. Der Prozess ist aber so schwachsinnig, dass wir es sein haben lassen. Das liegt am System. Ich hab mich immer mehr damit beschäftigt, habe Leute kennengelernt. Aber es war zu undurchschaubar. Es ist eigentlich ganz einfach und verständlich. Du hast eine Funktion, wo du Geld verteilst. Und irgendwann lernst du die Leute kennen, denen du das Geld gibst. Und wenn du 3000 Euro monatlich bekommst und Millionen verteilst, sagst du, ich will davon was abhaben. Und wenn dann Leute wie ich kommen und dran schnuppern, werden Leute unruhig. Wobei es auch gar nicht viele Leute interessiert. Wir haben den scheiß Opernball und das war’s dann.

Ich weiß, dass es sehr, sehr viel Geld in der Politik gibt. Ich hatte ein Angebot in New York gegen die iranische Regierung zu reden, für eine beträchtliche Summe. Und dachte mir nur, wo lebt ihr und habe das schnell abgelehnt. Ich weiß aus vielen Vorfällen wie diesem, dass es in der Politik so unglaublich viel Geld gibt, das dem Volk gehört, nicht nur für die Kunst, wo mehr Kindergeld bezahlt werden müsste, die Krankenkassa überhaupt nicht pleite ist. Ich block dann irgendwann ab, weil mir das so weh tut, wenn so vielen Menschen gut, aber auch so vielen schlecht geht. Ich hab auch mit der SPÖ gestritten und gesehen, dass Dinge anders gemacht wurden.

Du hast gemerkt, dass du auch Macht hast.

Natürlich, so ein Typ wie ich hat Macht. Ich bin die Stimme derjenigen, die sich noch trauen sich zu erheben und auf die Straße zu gehen und jemandem auf die Fresse zu hauen. Die Antifa hat mir einmal geschrieben, die sind nur leider gegen alles, sonst wären sie cool. Die haben mir gesagt, ich soll das gut nützen. Auch die SPÖ hat akzeptiert, dass sie mich nicht verändern können. Die haben sogar gelacht, als ich in „Du bist Wien“ gesagt habe, irgendwann gründe ich die Schwarzkopfpartei. Ich hab auch dem Bürgermeister gesagt, dass der Rassismus bei der Polizei nicht in Ordnung ist, und wie die Polizei mit den Leuten umgeht. Und der muss sich nicht mit einem kleinen Kanaken wie mir treffen, deswegen mag ich den auch.

Würde es helfen, wenn die Polizei entsprechend der Bevölkerung zusammengesetzt ist, oder ist die Polizei immer ein bisschen beschissen?

Ja. Wobei ich eigentlich schon für Recht und Ordnung bin. Ich selbst kenn allein fünf Schwerkriminelle, die jetzt bei der Polizeiausbildung sind. Man hatte in den USA das Problem, dass schwarze Polizisten noch aggressiver gegen Schwarze waren. Man kommt da in einen Proletenladen rein, wo du sofort runtergedrückt wirst und hörst wie über Ausländer gelästert wird und du dich eingliedern musst. Österreicher werden nie verstehen wie Polizisten mit uns Ausländern hier umgehen. Und bin leider ein bisschen stur und glaube, dass sich diese Dinge nur verändern, wenn etwas Schlimmes passiert, wenn ein paar Polizisten ums Leben kommen, aber wir sind halt zu gemütlich dafür, uns geht es zu gut.

„Narkose“ von Nazar sollte auf allen Sendern dieses Landes laufen, ist hervorragend und bereits erschienen.

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