Simon Says

Am 21. Dezember 2012 geht die Welt unter. Den Untergang des Pop hat Simon Reynolds (angeblich) schon 2011 verkündet. Der Prophet über die heiligen Hallen des Pop, den wunden Punkt der Schriftgelehrten und die eigene Schuld.

Handelt es sich bei »Retromania« nun wirklich um den Maya-Kalender der Pop-Welt? Oder ist die Diskussion um Simon Reynolds’ Chronik des Pop genauso unnötig wie die Berichterstattung um die vorweihnachtliche Apokalypse?

Anscheinend bietet »Retromania« ebenso viele Interpretationsmöglichkeiten wie die Bibel. Das Buch schaffte es in Uni-Lehrpläne und regte in intellektuellen Köpfen Überlegungen zu Nostalgie und kultureller Innovation bzw. Stagnation an. Kein Wunder, denn es ist unterhaltsam und anschaulich geschrieben und zeichnet zugleich ein akkurates Bild der popmusikalischen Gegenwart. Nebenbei bietet es Medien- und Kulturtheorien und schreibt eine nachvollziehbare Pop-Geschichte, anhand der Frage nach Retro-Manie eben.

Zum Erscheinungstermin der englischen Originalausgabe im Sommer 2011 bot so gut wie jedes Kulturmedium – ob Feuilleton, Magazin oder Radiosendung – seine eigene Lesart an (The Gap unterzog die Texte einem Bullshit-Bingo) – dabei wollte Simon Reynolds deutschsprachigen Medien eigentlich erst zur Veröffentlichung der deutschen Übersetzung ausführliche Interviews geben. Die passierte erst ein gutes Jahr später, im Oktober 2012. Unter anderem, weil so viele popinteressierte Österreicher, Deutsche und Schweizer ohnehin nicht warten konnten und gleich die englische Originalversion gelesen haben. The Gap natürlich auch, aber wir hatten da trotzdem noch ein paar Fragen, die Herr Reynolds beim Stopp seiner Lesetour im Wiener Phil gerne beantwortete.

»Retromania« war letztes Jahr überall Thema, in Magazinen, dem Feuilleton, im Radio usw. Das Buch wurde meist als negativ oder pessimistisch interpretiert. Wie siehst du das selbst?

Simon Reynolds: In der Musik scheinen die Menschen eine sehr niedrige Toleranzschwelle gegenüber jeglicher Art von Negativität zu haben. Hätte ich über den Zustand der Natur oder der Wirtschaft geschrieben, wäre es anders gewesen. In meiner Musiksozialisation waren einige meiner Lieblingsautoren sehr gut im Preisen der Musik und darin, das Großartige an ihr zu beschreiben. Aber sie waren ebenfalls sehr kritisch, witzig und spöttisch – tatsächlich auch ziemlich grausam. Für mich ist »Retromania« kein negatives Buch, aber in manchen Rezensionen waren die Leute sehr empfindlich. (verstellt die Stimme) »Ach, er ist so gemein.«

Es gibt auch jüngere Popmusik, die ich mag und die Werke aus der Vergangenheit neu interpretiert. Hauntology und Chillwave basieren sehr stark auf Musik aus den 80ern, früher elektronischer Musik oder Produktionsmusik, nutzen diese aber auf eine interessante Weise. Ich sehe die Musiklandschaft nicht als Wüste. Es gibt viele talentierte Musiker, aber auch diese Obsession mit der Vergangenheit. Mit dem Buch habe ich versucht sie zu verstehen.

Beziehst du, wenn du als Musikjournalist Reviews schreibt, immer Innovation als Kriterium ein?

Zu einem bestimmten Grad suche ich bewusst nach etwas Neuem, Überraschendem oder nach etwas, das ich vorher noch nie gehört habe. Ich mag auch Musik, die mit etablierten »Methoden« arbeitet, z. B. einige Songs der White Stripes. Durch meine Arbeit als Autor sind mir neue Ideen wichtig. Das ist Teil des Vergnügens. Vielleicht ist mein Blick verzerrt und die meisten Menschen, die keine Musikschreiber sind, haben diese Erwartung an Musik nicht, sondern sehen sie als reine Unterhaltung.

Da du es schon erwähnst: Du bist sowohl Journalist als auch Autor von Büchern über Pop und seine Geschichte. In einem wissenschaftlichen Artikel habe ich einmal gelesen, dass Pop-Journalisten zwar einerseits das Wissen für Geschichtsschreibung über Popmusik hätten, andererseits seien sie mit ihrer alltäglichen Arbeit an Aktualität gebunden und deswegen eher ungeeignet. Du hast das Gegenteil bewiesen.

Die meisten Bücher, die sich mit der Pop-Geschichte oder mit einzelnen Bands beschäftigen, sind eigentlich Journalismus in Langform. Die Autoren verwenden die gleichen Methoden, die sie bei kurzen Magazintexten gewohnt sind, und weiten das auf die Länge eines Buches aus. Anstatt nur mit der Band zu sprechen, werden auch Interviews mit den Produzenten, Freunden, Managern usw. gemacht. Es gibt da aber Unterschiede. Autoren wie Jon Savage oder Greil Marcus haben einen Sinn für die Kultur, für die soziale und politische Geschichte.

Ich selbst versuche eine korrekte Chronik zu liefern. Keine Ahnung, was ein richtiger Historiker über meine Methoden sagen würde, wahrscheinlich sind sie nicht einwandfrei. Aber ich bin immer am größeren Bild interessiert. Für das Post-Punk-Buch habe ich etwas zur Politik der Zeit gelesen und Verbindungen zu anderen Kunstbereichen hergestellt. Reagan oder Thatcher erwähne ich nur hie und da. Es gibt eine Stelle über Gang Of Four. Auf eineinhalb Seiten versuche ich zu erklären, wie sich die britische Politik in den 70ern angefühlt hat – der Zwiespalt, das Chaos. Die linkspolitische Kultur an den Universitäten wird schnell abgehandelt, aber um Gang Of Four wirklich zu verstehen, muss man wissen, was es in den 70ern bedeutete, als Band einen maoistischen Namen zu haben. Maoismus ist heute nicht mehr bedrohlich, aber damals war er es schon. Wenn man also heute eine Band wie Gang Of Four erklärt, geht es nicht nur um die Musik.

Bild(er) © Joy Press; Ventil Verlag
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