20 Menschen der heimischen Kulturszene über definierende Momente – Teil 1

20 große Kulturensöhne und -töchter aus dem The-Gap-Umfeld erzählen von einschneidenden Erlebnissen und persönlichen Schlüsselmomenten ihrer Vergangenheit – und Zukunft. Teil 1.

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Zukunft | Tanz & Performance

Bettina Kogler: Wir tanzen weiter

Bettina Kogler, designierte Tanzquartier-Leiterin (ab 2018) © Elsa Okazaki

Wir schreiben das Jahr 2047, ich habe mein siebtes Lebensjahrzehnt etwas überschritten, bin aber ganz gut in Form. Das Abspulen der zehn Kilometer langen Joggingstrecke drei Mal pro Woche, mein Yogatraining und das US-amerikanische Muskeltraining, das ich in den letzten 40 Jahren regelmäßig betrieben habe, haben sich doch ausgezahlt, denke ich, während ich ohne Unterwäsche in meinen Jogginganzug schlüpfe und mich auf den Weg zu einem Nacktrave der österreichischen Künstlerin Doris Uhlich mache. Ich freue mich darüber, dass dieses Format in der Zwischenzeit so populär ist und nicht mehr als Provokation wahrgenommen wird. Die Zeiten von Sexismus und Voyeurismus haben wir, Buddha sei Dank, längst hinter uns gelassen.

Der Saal ist zum Bersten voll und energiegeladen. Die Grenzen zwischen TänzerInnen und Publikum verschwimmen. Partizipation muss man heute niemandem mehr erklären. Der 90-jährige Karl Regensburger, der noch immer das alljährliche Sommertanzfestival veranstaltet, ist auch da und ravt. Es gibt ein ständiges Kommen und Gehen. Die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen entspricht der verkürzten Unterschenkelmuskulatur von High-Heels-TrägerInnen. Etwas wehmütig denke ich an die alten Tage zurück, an denen das Publikum hochkonzentriert und nahezu reglos auf der Tribüne saß und so auch eine Stunde ausharren konnte. Aber naja, früher war auch nicht alles besser …

Es war ein langer Weg bis sich die Erkenntnis der Neurowissenschaften, dass Tanz zur Lösung der meisten Probleme beiträgt, durchgesetzt und eine gesellschaftliche Revolution bewirkt hat. Aggressionen, Burn-out, Panikattacken, Depressionen und Melancholie – alles haben wir mit choreografischen Mitteln hinter uns gelassen. Was folgte war ein richtiger Hype. Der Beruf der Choreografin, der Tänzerin, der Performerin hat extrem an Bedeutung gewonnen und genießt heute hohe Aufmerksamkeit. Es gibt für alles eine Spielstätte. Tanz ist längst nicht mehr von Subventionen abhängig, sondern erwirtschaftet Gewinne. Besucherzahlen spielen keine Rolle mehr in einer Zeit, in der man Securitys braucht, um die Ein- und Ausgangssituation zu koordinieren. Ich bin froh, dass Wien diesen Trend rechtzeitig erkannt und alles getan hat, um die universitäre Ausbildungssituation für Tanz grundsätzlich zu überdenken. Heute liegen wir hier im globalen Vergleich ganz vorne.

Gesellschaftlich hat sich die Akzeptanz einer Vielfalt von Körpern durchgesetzt. Die Diversity-Proteste der 2020er-Jahre haben sich eben doch bezahlt gemacht. Der Choreograf und Tänzer Michael Turinsky hat in dieser Zeit das ITZ, ein inklusives Tanztrainingszentrum gegründet, das heute nicht mehr wegzudenken ist. Und die Zeiten von Jérôme Bels Diversity-Shows sind auch vorbei, denn auch Diversity ist längst selbstverständlich.

 

Bettina Kogler ist seit mehr als 15 Jahren im Bereich Tanz und Performance veranstalterisch tätig. Ab Jänner 2018 übernimmt sie die künstlerische Leitung von Tanzquartier Wien. Derzeit programmiert sie WUK Performing Arts und ist Performance-Kuratorin für das Donaufestival 2017. Dokumentation: Manuel Fronhofer

 

Hier geht es zu Teil 2.

Mehr zu 20 Jahre The Gap findet ihr hier.

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