Eine Kolumne bei FM4, unzählige Artikel zum Thema Popkultur, ein Sachbuch über Feminismus und die Arbeitswelt, Memes für »Galerie Arschgeweih«: Verena Bogner ist vielbeschäftigt. Nun erscheint auch noch ihr erster Roman »I Am Cringe, but I Am Free«.

Am 19. April 2024 beantworten zwei Expertinnen, zwei junge Frauen, in der »Zeit im Bild 3« Fragen zu Taylor Swift. Abendliche Nachrichtenprogramme sind meist mehr Peter Filzmaier als Popkultur, aber an diesem Tag veröffentlicht die größte Popmusikerin unserer Zeit ihr elftes Album. Das kann auch der ORF nicht ignorieren – und lässt Verena Bogner und Melanie Schönberger das Phänomen Taylor Swift analysieren. Später wird Bogner »ZIB« auf einen Zettel schreiben, der an ihrem Kühlschrank haftet. Dort sammelt sie Erinnerungen an jene Momente ihrer Karriere, auf die sie besonders stolz ist. Ihr Interview mit den No Angels letztes Jahr ist eine weitere Erfahrung, die es auf den Kühlschrank geschafft hat, verrät sie im Interview mit The Gap.
Alltag im Ausnahmezustand
In Zusammenhang mit solchen Erlebnissen spricht sie von full circle moments. Sie hat es vom Fan zur Expertin geschafft – oder vielleicht besser: als Fan zur Expertin: »Es gibt viele middle aged men, die sagen, sie seien Experte für dieses oder jenes Thema, und dann sind sie das einfach. Ich habe mir eines Tages gedacht: Ab jetzt bin ich Expertin für Popkultur.« Und genau als solche hat sie sich etabliert. Sie schreibt Texte über Musik, Feminismus sowie die Arbeits- und Datingerfahrungen junger Frauen; unter anderem für FM4, Rolling Stone, Glamour und Vogue, aber auch für Falter, Der Standard und Wiener Zeitung. Sie erklärt popkulturelle Phänomene wie den Hype um Taylor Swift oder den »Brat Summer« im ORF. Zudem ist sie Teil der Instagram-Meme-Seite »Galerie Arschgeweih«. Ende April veröffentlicht sie nun ihr zweites Buch, ihren ersten Roman »I Am Cringe, but I Am Free«.
Verena Bogner wird 1992 geboren und wächst in Oberösterreich auf. »Schreiben war bereits in der Kindheit mein liebstes Hobby«, erinnert sie sich. Schreiben – und die Liebe zur Popkultur. Es sind die Nullerjahre, die Medienlandschaft befindet sich im Wandel: Während die No Angels im Radio »Daylight in Your Eyes« singen und nachmittägliche Talkshows Privatpersonen über ihr Leben sinnieren lassen, schaffen die ersten Reality-TV-Formate wie »Big Brother«, »Popstars« und »Der Bachelor« den Sprung in unsere Breitengrade. Immer mehr zeigt sich die Lust, den Alltag als Spektakel zu inszenieren. Reality-TV sei »Alltag im Ausnahmezustand«, schreibt etwa der Kommunikationswissenschaftler Jürgen Grimm 1995.
Der popkulturelle Alltag wird Anfang des neuen Jahrtausends bunter. Dessen Protagonist*innen sind dabei oft »normale« Menschen. Von der Castingshow auf die ganz große Bühne sozusagen. Sozialer Aufstieg durch mediale Sichtbarkeit – und das, bevor Social Media unser Leben beeinflussen werden. Das Publikum für diese Popkultur ist vorrangig weiblich und/oder queer. Auch Verena Bogner ist Fan und bekommt die Infos über ihre liebsten Stars damals aus Zeitschriften wie Bravo. Das wirkt sich auch auf ihren Berufswunsch aus: »Letztens sortierte ich mit meiner Mama alte Schulhefte aus. Darin fand ich einen von mir selbst geschriebenen Nachruf, in dem stand: ›Verena Bogner war Moderatorin bei MTV und Chefredakteurin von Bravo.‹«
Cool und crazy?
Mit absolvierter Matura zieht sie nach Wien, um Publizistik- und Kommunikationswissenschaft zu studieren. »Ein Klassiker«, wie sie selbst sagt. Bereits während ihres Studiums macht sie journalistische Praktika – unter anderem bei Vice. Das ursprünglich aus Kanada stammende Medium gibt es damals recht frisch auch im deutschsprachigen Raum, mit eigener Redaktion in Wien. Es ist in den 2010er-Jahren – wie Buzzfeed und diverse persönliche Blogs – nicht nur für einen Ich-zentrierten Zugang bekannt, sondern auch für den lockeren Stil und die Clickbait-Headlines. Und Vice spaltet die Gemüter: Manche sind dem Grenzen auslotenden Medium gegenüber skeptisch, belächeln es sogar, andere wiederum feiern diese Arbeitsweise und sehen in solchen Projekten die Gelegenheit, jüngere Menschen für journalistische Inhalte zu begeistern beziehungsweise diesen einen Berufseinstieg zu ermöglichen.
Die Wiener Redaktion von Vice erarbeitet sich Respekt – Kritik an der österreichischen Politik und am Boulevard wird jugendgerecht verpackt, auch soziale Themen stehen im Fokus. Dass Verena Bogner dort landet, hätte sie anfangs selbst nicht gedacht: »Vice war cool und crazy. Die nehmen mich sicher nicht, war ich überzeugt, denn ich war weder cool noch crazy. Aber ich war halt 21 Jahre jung, ein unbeschriebenes Blatt und blauäugig – im besten Sinne. Ich dachte mir: Was kann schon schiefgehen?«

Vice ist der Anfang ihrer journalistischen Karriere: Sie schreibt ihre ersten Texte, wird Managing Editor und leitet dort später die von ihr mitaufgebaute feministische Plattform Broadly – bis zum Sommer 2018, als Verena Bogner und viele ihrer damaligen Kolleg*innen kündigen. Der Grund: Durch interne Umstrukturierungen bekam Vice Deutschland mehr Einfluss auf die redaktionelle Arbeit der Wiener Kolleg*innen. Für diese ist das ein No-Go, für Verena Bogner das Ende ihrer ersten beruflichen Ära.
Sie wechselt ins Kurier Medienhaus – »ganz am anderen Ende des Spektrums«, meint sie heute. Auch dort hat man die Notwendigkeit erkannt, Journalismus für ein jüngeres Publikum zu machen. Bogner nennt Buzzfeed als Vorbild für ihre damalige Arbeit: »Das war viel Lifestyle, viel Entertainment, bissi Clickbait.« Gemeinsam mit Karina Mettendorff ist sie Redaktionsleiterin für k.at, film.at und events.at.
Coolnessketten
Doch nicht nur journalistisch widmet sich Verena Bogner in dieser Zeit vermehrt der Popkultur, sie wird Mitte 2019 auch Teil der »Galerie Arschgeweih«, die popkulturelle Momente der Nuller- und 2010er-Jahre feiert. Deren Betreiber*innen sind neben Bogner noch Daniel Wiegärtner sowie Franz Lichtenegger. Letzterer gründete die Meme-Seite 2018 und kennt Bogner von der gemeinsamen Zeit bei Vice: »Damals waren wir beide noch in diesem Mindset, in dem dir eingebläut wurde, Pop sei peinlich und uncool.« Irgendwann seien die beiden aber doch noch ins Gespräch über die Band No Angels gekommen. »Verena gestand mir dann quasi, dass sie als Kind eine eigene Mappe gehabt hatte, in der sie akribisch alle Zeitungsschnipsel und Poster gesammelt hatte – wie eine kleine Archivarin«, erinnert sich Lichtenegger. Und Bogner habe auch zugegeben, dass sie die Band immer noch gut finde, aber halt nur heimlich. »Das ließ mein Herz hüpfen, weil ich wusste, dass wir uns ja jetzt gefunden hatten und wir uns gemeinsam von diesen Coolnessketten befreien konnten«, erzählt der »Galerie Arschgeweih«-Gründer.

Vielleicht sind es solche Nebengleise zum Hauptberuf im Kurier Medienhaus, die Bogner dann 2022 Lust auf Veränderung machen. Sie kündigt, ohne eine neue Stelle in Aussicht zu haben. Eigentlich untypisch für sie: »Ohne Job und ohne Plan – das ist gar nicht meine Art, denn ich bin sehr sicherheitsbedürftig. Nach meiner Kündigung wusste ich nicht, was ich machen soll, aber ich dachte mir, in irgendein Großraumbüro kann ich immer noch zurückgehen.«
Girlboss?
Anstatt sich jedoch eine neue Anstellung zu suchen, beginnt Bogner für ihr erstes Buch zu recherchieren. Das Thema: Feminismus und Arbeitswelt. Kurz zuvor, in den 2010er-Jahren, erlebte nämlich der Girlboss-Feminismus seinen Höhepunkt. Während Feminismus im Mainstream lange negativ behaftet war, begann sich damals das Blatt zu wenden: 2014 veröffentlichte Sophia Amoruso, die Gründerin des Modeunternehmens Nasty Gal, ihre Memoiren. Der Titel: »#Girlboss«. Beyoncé nutzte – ebenfalls 2014 – in ihrem Song »Flawless« eine Stelle aus Chimamanda Ngozi Adichies bekanntem TEDx-Talk »We Should All Be Feminists«. Und ungefähr zwei Jahre später stellte Dior ein T-Shirt mit demselben Slogan vor. Auch Taylor Swift, deren Karriere im nicht gerade progressiven Genre Country begonnen hatte, schien nach ihrer Hinwendung zum Pop zu realisieren, dass sich Frauen gegenseitig supporten sollten – und umgab sich ab da bei Auftritten mit ihrem girl squad – darunter etwa Blake Lively, Cara Delevingne oder Karlie Kloss.

Natürlich bemerkten in der Folge auch Unternehmen, dass Feminismus nicht mehr uncool war – und nutzten mehr oder weniger feministische Positionen, um daraus Profit zu schlagen. Was hier propagiert wurde: Feminismus, das sei nicht mehr ein Slogan auf einer Demo, sondern das seien (junge) Frauen, die im Großraumbüro Karriere machen und dabei ihren Kaffee aus einem Häferl mit der Aufschrift »Girlboss« trinken. Anfang der 2020er-Jahre möchte Verena Bogner über diese Gemengelage ein Buch schreiben. Es ist der Beginn ihrer Selbstständigkeit.
»Not Your Business, Babe!« wird 2024 veröffentlicht. Parallel dazu setzt Bogner alles daran, als freie Journalistin über Popkultur zu schreiben. »Ich begann, den Redaktionen diverser Medien, die ich toll fand, Pitches zu schicken. So nach dem Motto: Der deutschsprachige Popkulturdiskurs ist immer um ein halbes Jahr zu spät dran – let’s change that.«
Kein Hater sein
In der Brockhaus Enzyklopädie findet sich folgende Definition: »Popkultur, auch ›populäre Kultur‹ genannt, bezieht sich auf die Aspekte des Alltagslebens, die von einer breiten Masse konsumiert und geteilt werden.« Der Aspekt der breiten Masse scheint jener zu sein, der bei manchen auf Ablehnung stößt; denn was viele mögen, kann ja nichts Besonderes sein – so wohl die verquere Logik, die sich weiterhin hält. Verena Bogner: »Im deutschsprachigen Raum ist die Auseinandersetzung mit Popkultur steckengeblieben. Den ›Poptimismus‹, den es im englischsprachigen Raum schon seit Jahren gibt und der besagt, dass man Pop nicht automatisch ablehnen muss, ist bei uns noch nicht angekommen. Hierzulande kommentieren in den Medien meistens Männer, die betonen, wie scheiße sie Taylor Swift finden – und die dann ihr neues Album analysieren. Man kann ein Hater sein – feel free –, aber ich bin es nicht und ich finde, man kann diese Inhalte anders besprechen.«
Popkultur und Fandom seien identitätsstiftend, so Bogner: »Bei den abgesagten Konzerten von Taylor Swift in Wien, war zu sehen, was Fandom bedeuten kann. Es bringt Leute zusammen, die sich sonst nie getroffen hätten. Man tröstete sich damals gegenseitig und stellte etwas auf die Beine. Das kann man lächerlich finden, aber wenn man zu einem Harry-Styles-Konzert geht und dort Gruppen von Mädels mit ihren Mamas und ihre tollen Outfits sieht – das ist einfach unhatebar.« Ihrer Ansicht nach gebe es nichts, das Menschen mehr verbindet, als gemeinsam Popkultur zu genießen.

Auch Theresa Ziegler zählt zu jenen, die dem Pop optimistisch gegenüberstehen. Sie ist ehemalige The-Gap-Chefredakteurin, Unternehmerin mit ihrer Bewegtbildschmiede Supercute Productions und online als @raverresi unterwegs. Außerdem ist sie schon lange mit Verena Bogner befreundet und findet, dass der Popkulturjournalismus in Österreich nach wie vor viel zu sehr von der Nische getrieben sei: »Es herrscht noch immer die Grundansicht vor, dass etwas, das als hochwertig erachtet werden soll, nicht im Mainstream oder – Gott bewahre! – auf Tiktok stattfinden darf, und andersrum. Dass dieses Sentiment super veraltet und in internationalen Märkten längst nicht mehr tonangebend ist, scheint hierzulande noch nicht angekommen zu sein, weil noch immer zu viele mittlerweile mittelalte Männer versuchen, den Diskurs zu beherrschen.«
The Girls and the Gays
Gerade in diesem Klima sei es laut Ziegler wichtig, dass Verena Bogner hier eine andere Perspektive, jene von mainstream-affinen Kulturkonsument*innen, »den Girls und Gays, den Mäusen, die von Kultur in erster Linie unterhalten werden wollen«, hineinbringe – allesamt Zielgruppen, die in Österreich »kriminell underrated« seien. »Das macht Verena zu einer der wichtigsten Stimmen im deutschsprachigen Kulturdiskurs«, meint Ziegler.
Im April veröffentlicht Verena Bogner nun ihr zweites Buch. Und diesmal ist es ein Roman. In »I Am Cringe, but I Am Free« hat die Hauptfigur Angst, nicht cool wie ihr Boyfriend und ihre Kolleg*innen zu sein, sondern eben cringe. Bogner: »Cringe ist die Peinlichkeit des Seins, wenn man sich zu viel durch die Brille anderer Menschen sieht.« Vermutlich fühlen sich mehr Frauen als Männer cringe, schließlich beinhaltet die weibliche Sozialisation, es allen recht machen zu wollen: »Frauen denken immer, sich optimieren zu müssen – likeable zu sein, nicht penetrant zu sein, nicht negativ aufzufallen«, so die Autorin. Unterstützung dabei, Cringe zu überwinden oder zumindest damit leben zu können, würden häufig Freund*innen bieten, erklärt Bogner: »Für Frauen und queere Menschen spielen Freund*innenschaften eine zentrale Rolle. Romantische Liebe wird immer mehr infrage gestellt. Ich denke mir mittlerweile: Eigentlich sind meine besten Freund*innen meine großen Lieben.«
Während die Hauptfigur des Romans ihren Weg also noch sucht, scheint Verena Bogner selbst diesen schon gefunden zu haben, gerade auch beruflich: »Ich mache zu 99 Prozent nur mehr Arbeit, die ich machen will, bin viel entspannter und denke mir: Wer soll mich stoppen? Wenn es also so weitergeht, bin ich happy. So schnell wird man mich jedenfalls nicht mehr los.«
Der Roman »I Am Cringe, but I Am Free« von Verena Bogner erscheint am 30. April 2026 bei Park x Ullstein.