Mehr als nur Freiluftparty – Wie Festivals Erfahrungs­räume bauen

Auf Bergen und Waldlichtungen, in Clubs und an selbst­­organisierten Kultur­­orten entstehen Festivals, die Musik nicht nur als Programm, sondern als räumliche und soziale Erfahrung verstehen. Vier recht unter­­schiedliche Formate zeigen, wie sehr Atmosphäre, Community und Ort dabei Teil des Konzepts sind.

© Jazzfestival Saalfelden / Michael Geißler

Die letzten Sonnenstrahlen verschwinden hinter den Bergspitzen, während der Bass leise unter den Zehen vibriert. Wir drehen uns um – eine andere Szene: Am See­ufer tanzen Sounds miteinander, bunte Lichter spiegeln sich auf der Wasser­ober­fläche. Wir schließen kurz die Augen und landen wieder woanders: auf vermoostem Waldboden, wo sich eine Menschen­traube langsam durch die Nacht bewegt. Und dann plötzlich wieder die Stadt: Stimmen­gewirr im Innenhof, verschwitzte Körper zwischen Licht­installationen. Festivals funktionieren in Österreich längst nicht mehr nur über ihre Line-ups — zumindest jene, die ihre Identität nicht aus­schließlich aus fett gedruckten (männlichen) Headlinern beziehen. Immer öfter definieren sich kleinere und alternative Festivals über Orte, Atmosphäre und die Frage, wie Musik über­haupt erlebt werden soll. Zwischen Bergen, Seen, Clubs und improvisierten Bühnen entstehen dabei temporäre Räume, in denen Natur, Architektur und Community genauso Teil des Programms sind wie die Acts selbst. Gemeinsam ist ihnen weniger ein Genre als eine bestimmte Haltung dazu, wie Musik, Ort und Publikum miteinander in Be­ziehung treten.

Räume für Improvisation

Eines der ältesten Festivals, das sich durch diese Verbindung zwischen Musik, Raum und Atmosphäre auszeichnet, ist das seit 1978 bestehende Jazzfestival Saalfelden. Fast fünf Jahrzehnte lang verwandelt das Festival die kleine Stadt am Steinernen Meer in Salzburg nun schon in eine Location, bei der Musik nicht an der Bühnen­kante endet, sondern durch Wälder, kleinere Off-Spaces und manchmal sogar übers Wasser wandert. »Berge und Landschaft gehören einfach zum Umfeld von Saalfelden, sie sind mit ein Teil der Geschichte, die wir erzählen. Sie sind zugleich aber auch Räume, die wir bespielen«, schildert Mario Steindl, der seit vielen Jahren die künstlerische Leitung des Festivals innehat. Raum wird in Saalfelden dabei zum kuratorischen Prinzip. Steindl reist jedes Jahr zu zahl­reichen Events, scoutet Musiker*innen und entwickelt daraus sein Programm. Dabei steht nicht nur die Musik selbst im Vordergrund, sondern auch die Frage, wo sie wirken kann: »Wenn ich ein Pro­jekt höre, taucht in meinem Kopf sofort ein Bild auf, wo sich dieses am besten entfalten könnte – nicht jedes Projekt passt in jeden Raum.« Ob Konzerte im Wald oder auf einem Ruderboot: Natur wird hier bewusst Teil der Inszenierung.

Beim Jazzfestival Saalfelden finden Konzerte duchaus auch mal im Ruder­boot statt. (Bild: Michael Geißler)

Gleichzeitig lebt das Festival stark von Austausch und Vernetzung. Viele Acts bleiben mehrere Tage vor Ort und begegnen einander immer wieder in unter­schied­lichen Konstel­lationen. Steindl er­möglicht Künst­ler*innen regelmäßig, neue Pro­jekte zu entwickeln – etwa über Commissions oder sogenannte Wildcards, bei denen sich Musiker*innen am Festival gegen­seitig zu gemeinsamen Sessions einladen können. Dadurch entstehen spontane Kooperationen weit über einzelne Konzerte hinaus. Zwischen den verschiedenen Venues wird flaniert, die Nexus Bar wird zum Treff­punkt von Besucher*innen, Musi­ker*innen und Veran­stalter*innen. Die Grenzen zwischen Bühne und Publikums­raum wirken dabei oft bewusst durchlässig. »Es ist ein Festival des Miteinanders, des Aus­tauschs, des gemein­samen Erlebens auf verschiedensten Ebenen – weil wir auch die Räume dafür schaffen«, so Steindl. Gerade dadurch wirkt Saalfelden wie ein Gegen­modell zu anonymen Großevents.

Bass über der Baumgrenze

Auch das Nordkette Wetterleuchten Festival auf der Innsbrucker Seegrube versteht Musik nicht bloß als etwas, das auf einer Bühne stattfindet, sondern als Teil eines Ortes und einer temporären Gemeinschaft. Während in Saalfelden improvisierte Musik in Wäldern und Bars erklingt, zieht das Nordkette Wetter­leuchten die Clubkultur aus der Stadt hinaus — auf knapp 2.000 Meter Seehöhe. Licht, Wetter und die Aussicht auf Innsbruck werden Teil der Dramaturgie und verändern die Wahr­nehmung von Musik und Raum gleicher­maßen. Für viele Künstler*innen sei das Festival deshalb ein besonderer Ort, erzählen die Veranstalter Berthold Schwan und Chris Martinek: »Sie kommen raus aus den dunklen, oft stickigen Club­räumen und spielen mitten in der Natur.« Der Berg ist dabei allerdings nicht bloß romantische Kulisse, sondern auch ein logistischer Kraftakt. »Man muss sich vorstellen: Man nimmt eine grüne Wiese ohne Infra­struktur und verlegt sie dann noch mitten in die Berge«, so die Veranstalter. Strom, Wasser, Sicherheit und Transporte müssen dort oben überhaupt erst möglich gemacht werden — erschwert von Wetter­umschwüngen, Regen oder sogar Schnee.

Eine Couch fürs Nordkette Wetterleuchten auf 2.000 Höhenmeter zu schleppen, ist kein leichtes Unterfangen. (Bild: Nordkette Wetterleuchten)

Gerade der Natur ausgesetzt zu sein, prägt den intimen Charakter des Festivals. »Es ist eher ein temporärer Ort, an dem für ein Wochenende eine eigene kleine Gemeinschaft am Berg entsteht – mit Musik als Zentrum, aber nicht als einzigem Inhalt«, so Schwan und Martinek. Campen, Feuer machen und gemeinsam Zeit verbringen werden genauso Teil des Wochenendes wie die Konzerte selbst. Wetterleuchten funktio­niert dadurch weniger als klassisches Festival­programm, sondern wie ein kurzer Ausnahme­zustand fernab der Stadt. Dass dieses Konzept auch ohne reine Head­liner*innen-Logik aufgeht, zeigt sich seit Jahren am Vertrauen des Publikums: »Es gab Ausgaben, die aus­verkauft waren, bevor wir überhaupt das Programm veröffentlicht hatten.« Gerade diese Mischung aus improvisierter Gemeinschaft, DIY-Geist und logistischer Absurdität prägt bis heute den Charakter des Festivals. Oder, wie Schwan und Martinek selbst sagen: »Eines haben wir nach all den Jahren auch gelernt: Couches und Sofas 2.000 Höhenmeter hinauf­zu­schleppen, wird nicht leichter.«

Vom Club ins Camp

Andernorts entstehen neue Festival­strukturen, die noch stärker aus inter­nationalen Netzwerken und Kollektiven heraus wachsen: Das Stream­lines Festival ist deutlich jünger und kleiner als das Jazzfestival Saalfelden und das Nordkette Wetter­leuchten. Ursprünglich wurde es 2018 als DJ- und Veranstaltungs­netzwerk in Wien gegründet, bevor Teile des Gründungs­teams nach Berlin und Amsterdam über­siedelten. »Die Ver­bindung zwischen den drei Städten ist organisch gewachsen«, erzählt Co-Founder Jona Sorger. Statt aus­einander­zudriften, entwickelte sich daraus ein Netzwerk, dessen gemein­sames Zentrum nun jährlich im nieder­österreichischen Kautzen sichtbar werden soll. Dass Stream­lines weniger als klassisches Festival­projekt, sondern viel­mehr aus einer Community heraus ent­standen ist, zeigte sich bereits letztes Jahr in der Struktur der ersten Ausgabe: Von den rund 200 Besucher*innen seien fast alle irgendwie involviert gewesen – als Künst­ler*innen, Helfer*innen oder Teil der Community. »Das war Absicht. Wir wollten ein Fundament legen für weiteres Wachstum«, so Sorger. Streamlines versteht sich weniger als Event mit möglichst großen Namen, sondern viel­mehr als Festival von der Community für die Community.

Das Streamlines Festival vereint in seiner Ästhetik urbanes Bau­material mit organischen Elementen. (Bild: Tim Manhalter)

Auch räumlich unterscheidet sich Streamlines stark von klassischen Club­formaten. Das Festival­gelände im Seedcamp Kautzen verbindet harte elektronische Musik mit einer fast ver­wunschenen Natur­kulisse aus alter Mühle, Bachlauf und Wald. »Für uns ist Streamlines immer eine Inter­section gewesen zwischen Natur, organischen Formen und der eher kantigen Ästhetik der elektro­nischen Musik«, erklärt Sorger. Nebel zwischen den Bäumen, Licht­installationen im Wald und der Fluss neben dem Gelände würden die Musik auf eine Ebene heben, »die zum Beispiel in einem Club nicht möglich ist«. Besonders ein Satz beschreibt die Philo­sophie des Festivals dabei wohl am besten: »So was kann man nicht bauen, so was muss wachsen.«

Queerfeministischer Fiebertraum

Dass Festivals heute nicht nur musikalische, sondern auch soziale und politische Räume schaffen wollen, zeigt sich deutlich beim Sterrrn Fest des Grrrls Kultur­vereins in Graz. Während die zuvor genannten Festivals stark über Natur- und Land­schafts­räume funktionieren, entsteht hier mitten in der Stadt ein queer­feministischer Gegenraum. Seit mittler­weile fünf Jahren verbindet das Festival an selbst­organisierten Kultur­orten wie der Kombüse oder dem Schaumbad Konzerte mit Workshops, Installationen und Per­formances. »Dieser An­spruch ist beim Sterrrn Fest nicht nur ein Programm­punkt, sondern die Grund­lage des gesamten Festivals«, erzählt Lilly Jagl vom Organisations­team. Sichtbar­keit, Zugäng­lich­keit und solidarisches Arbeiten seien dabei essenzielle Prinzipien.

Dem Sterrrn Fest geht es darum, zumindest temporär einen queer-feministischen Raum zu schaffen. (Bild: Lea Blagojević)

Auch die Venues selbst prägen das Festival wesent­lich mit: »Beide Räume sind Teil einer lokalen, selbst­organisierten Kultur­szene und bringen ihre eigene Geschichte, Atmosphäre und Community mit«, sagt Jagl. Dadurch entstehe ein Festival­gefühl, das näher und durch­lässiger wirke als bei klassischen Musik­festivals. Publikum, Künst­ler*innen, Mit­arbeiter*innen und Veran­stalter*innen begegnen einander bewusst auf Augenhöhe. Das Festival setzt auch in anderer Hinsicht auf Nieder­schwellig­keit und Community­arbeit: Alle Formate können gegen frei­willige Spende besucht werden, viele Be­reiche werden von frei­willigen Helfer*innen getragen. Eine DJ habe das Sterrrn Fest, so Jagl, einmal als »queer­feministischen Fieber­traum« bezeichnet. Und viel­leicht weist gerade das auch auf etwas hin, das die vier beschriebenen Festivals gemeinsam haben: Dass sie weniger fertige Produkte sind als viel­mehr Räume, in denen für kurze Zeit andere Formen von Gemein­schaft mög­lich werden.

Das Sterrrn Fest findet am 19. und 20. Juni in Graz statt. Das Nord­kette Wetter­leuchten geht am 18. und 19. Juli in Innsbruck über die Bühne. Und das Jazz­festival Saalfelden wird heuer von 20. bis 23. August veranstaltet, zeitgleich mit dem Stream­lines Festival in Kautzen, das aller­dings erst am 21. August beginnt.

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