Auf Bergen und Waldlichtungen, in Clubs und an selbstorganisierten Kulturorten entstehen Festivals, die Musik nicht nur als Programm, sondern als räumliche und soziale Erfahrung verstehen. Vier recht unterschiedliche Formate zeigen, wie sehr Atmosphäre, Community und Ort dabei Teil des Konzepts sind.

Die letzten Sonnenstrahlen verschwinden hinter den Bergspitzen, während der Bass leise unter den Zehen vibriert. Wir drehen uns um – eine andere Szene: Am Seeufer tanzen Sounds miteinander, bunte Lichter spiegeln sich auf der Wasseroberfläche. Wir schließen kurz die Augen und landen wieder woanders: auf vermoostem Waldboden, wo sich eine Menschentraube langsam durch die Nacht bewegt. Und dann plötzlich wieder die Stadt: Stimmengewirr im Innenhof, verschwitzte Körper zwischen Lichtinstallationen. Festivals funktionieren in Österreich längst nicht mehr nur über ihre Line-ups — zumindest jene, die ihre Identität nicht ausschließlich aus fett gedruckten (männlichen) Headlinern beziehen. Immer öfter definieren sich kleinere und alternative Festivals über Orte, Atmosphäre und die Frage, wie Musik überhaupt erlebt werden soll. Zwischen Bergen, Seen, Clubs und improvisierten Bühnen entstehen dabei temporäre Räume, in denen Natur, Architektur und Community genauso Teil des Programms sind wie die Acts selbst. Gemeinsam ist ihnen weniger ein Genre als eine bestimmte Haltung dazu, wie Musik, Ort und Publikum miteinander in Beziehung treten.
Räume für Improvisation
Eines der ältesten Festivals, das sich durch diese Verbindung zwischen Musik, Raum und Atmosphäre auszeichnet, ist das seit 1978 bestehende Jazzfestival Saalfelden. Fast fünf Jahrzehnte lang verwandelt das Festival die kleine Stadt am Steinernen Meer in Salzburg nun schon in eine Location, bei der Musik nicht an der Bühnenkante endet, sondern durch Wälder, kleinere Off-Spaces und manchmal sogar übers Wasser wandert. »Berge und Landschaft gehören einfach zum Umfeld von Saalfelden, sie sind mit ein Teil der Geschichte, die wir erzählen. Sie sind zugleich aber auch Räume, die wir bespielen«, schildert Mario Steindl, der seit vielen Jahren die künstlerische Leitung des Festivals innehat. Raum wird in Saalfelden dabei zum kuratorischen Prinzip. Steindl reist jedes Jahr zu zahlreichen Events, scoutet Musiker*innen und entwickelt daraus sein Programm. Dabei steht nicht nur die Musik selbst im Vordergrund, sondern auch die Frage, wo sie wirken kann: »Wenn ich ein Projekt höre, taucht in meinem Kopf sofort ein Bild auf, wo sich dieses am besten entfalten könnte – nicht jedes Projekt passt in jeden Raum.« Ob Konzerte im Wald oder auf einem Ruderboot: Natur wird hier bewusst Teil der Inszenierung.

Gleichzeitig lebt das Festival stark von Austausch und Vernetzung. Viele Acts bleiben mehrere Tage vor Ort und begegnen einander immer wieder in unterschiedlichen Konstellationen. Steindl ermöglicht Künstler*innen regelmäßig, neue Projekte zu entwickeln – etwa über Commissions oder sogenannte Wildcards, bei denen sich Musiker*innen am Festival gegenseitig zu gemeinsamen Sessions einladen können. Dadurch entstehen spontane Kooperationen weit über einzelne Konzerte hinaus. Zwischen den verschiedenen Venues wird flaniert, die Nexus Bar wird zum Treffpunkt von Besucher*innen, Musiker*innen und Veranstalter*innen. Die Grenzen zwischen Bühne und Publikumsraum wirken dabei oft bewusst durchlässig. »Es ist ein Festival des Miteinanders, des Austauschs, des gemeinsamen Erlebens auf verschiedensten Ebenen – weil wir auch die Räume dafür schaffen«, so Steindl. Gerade dadurch wirkt Saalfelden wie ein Gegenmodell zu anonymen Großevents.
Bass über der Baumgrenze
Auch das Nordkette Wetterleuchten Festival auf der Innsbrucker Seegrube versteht Musik nicht bloß als etwas, das auf einer Bühne stattfindet, sondern als Teil eines Ortes und einer temporären Gemeinschaft. Während in Saalfelden improvisierte Musik in Wäldern und Bars erklingt, zieht das Nordkette Wetterleuchten die Clubkultur aus der Stadt hinaus — auf knapp 2.000 Meter Seehöhe. Licht, Wetter und die Aussicht auf Innsbruck werden Teil der Dramaturgie und verändern die Wahrnehmung von Musik und Raum gleichermaßen. Für viele Künstler*innen sei das Festival deshalb ein besonderer Ort, erzählen die Veranstalter Berthold Schwan und Chris Martinek: »Sie kommen raus aus den dunklen, oft stickigen Clubräumen und spielen mitten in der Natur.« Der Berg ist dabei allerdings nicht bloß romantische Kulisse, sondern auch ein logistischer Kraftakt. »Man muss sich vorstellen: Man nimmt eine grüne Wiese ohne Infrastruktur und verlegt sie dann noch mitten in die Berge«, so die Veranstalter. Strom, Wasser, Sicherheit und Transporte müssen dort oben überhaupt erst möglich gemacht werden — erschwert von Wetterumschwüngen, Regen oder sogar Schnee.

Gerade der Natur ausgesetzt zu sein, prägt den intimen Charakter des Festivals. »Es ist eher ein temporärer Ort, an dem für ein Wochenende eine eigene kleine Gemeinschaft am Berg entsteht – mit Musik als Zentrum, aber nicht als einzigem Inhalt«, so Schwan und Martinek. Campen, Feuer machen und gemeinsam Zeit verbringen werden genauso Teil des Wochenendes wie die Konzerte selbst. Wetterleuchten funktioniert dadurch weniger als klassisches Festivalprogramm, sondern wie ein kurzer Ausnahmezustand fernab der Stadt. Dass dieses Konzept auch ohne reine Headliner*innen-Logik aufgeht, zeigt sich seit Jahren am Vertrauen des Publikums: »Es gab Ausgaben, die ausverkauft waren, bevor wir überhaupt das Programm veröffentlicht hatten.« Gerade diese Mischung aus improvisierter Gemeinschaft, DIY-Geist und logistischer Absurdität prägt bis heute den Charakter des Festivals. Oder, wie Schwan und Martinek selbst sagen: »Eines haben wir nach all den Jahren auch gelernt: Couches und Sofas 2.000 Höhenmeter hinaufzuschleppen, wird nicht leichter.«
Vom Club ins Camp
Andernorts entstehen neue Festivalstrukturen, die noch stärker aus internationalen Netzwerken und Kollektiven heraus wachsen: Das Streamlines Festival ist deutlich jünger und kleiner als das Jazzfestival Saalfelden und das Nordkette Wetterleuchten. Ursprünglich wurde es 2018 als DJ- und Veranstaltungsnetzwerk in Wien gegründet, bevor Teile des Gründungsteams nach Berlin und Amsterdam übersiedelten. »Die Verbindung zwischen den drei Städten ist organisch gewachsen«, erzählt Co-Founder Jona Sorger. Statt auseinanderzudriften, entwickelte sich daraus ein Netzwerk, dessen gemeinsames Zentrum nun jährlich im niederösterreichischen Kautzen sichtbar werden soll. Dass Streamlines weniger als klassisches Festivalprojekt, sondern vielmehr aus einer Community heraus entstanden ist, zeigte sich bereits letztes Jahr in der Struktur der ersten Ausgabe: Von den rund 200 Besucher*innen seien fast alle irgendwie involviert gewesen – als Künstler*innen, Helfer*innen oder Teil der Community. »Das war Absicht. Wir wollten ein Fundament legen für weiteres Wachstum«, so Sorger. Streamlines versteht sich weniger als Event mit möglichst großen Namen, sondern vielmehr als Festival von der Community für die Community.

Auch räumlich unterscheidet sich Streamlines stark von klassischen Clubformaten. Das Festivalgelände im Seedcamp Kautzen verbindet harte elektronische Musik mit einer fast verwunschenen Naturkulisse aus alter Mühle, Bachlauf und Wald. »Für uns ist Streamlines immer eine Intersection gewesen zwischen Natur, organischen Formen und der eher kantigen Ästhetik der elektronischen Musik«, erklärt Sorger. Nebel zwischen den Bäumen, Lichtinstallationen im Wald und der Fluss neben dem Gelände würden die Musik auf eine Ebene heben, »die zum Beispiel in einem Club nicht möglich ist«. Besonders ein Satz beschreibt die Philosophie des Festivals dabei wohl am besten: »So was kann man nicht bauen, so was muss wachsen.«
Queerfeministischer Fiebertraum
Dass Festivals heute nicht nur musikalische, sondern auch soziale und politische Räume schaffen wollen, zeigt sich deutlich beim Sterrrn Fest des Grrrls Kulturvereins in Graz. Während die zuvor genannten Festivals stark über Natur- und Landschaftsräume funktionieren, entsteht hier mitten in der Stadt ein queerfeministischer Gegenraum. Seit mittlerweile fünf Jahren verbindet das Festival an selbstorganisierten Kulturorten wie der Kombüse oder dem Schaumbad Konzerte mit Workshops, Installationen und Performances. »Dieser Anspruch ist beim Sterrrn Fest nicht nur ein Programmpunkt, sondern die Grundlage des gesamten Festivals«, erzählt Lilly Jagl vom Organisationsteam. Sichtbarkeit, Zugänglichkeit und solidarisches Arbeiten seien dabei essenzielle Prinzipien.

Auch die Venues selbst prägen das Festival wesentlich mit: »Beide Räume sind Teil einer lokalen, selbstorganisierten Kulturszene und bringen ihre eigene Geschichte, Atmosphäre und Community mit«, sagt Jagl. Dadurch entstehe ein Festivalgefühl, das näher und durchlässiger wirke als bei klassischen Musikfestivals. Publikum, Künstler*innen, Mitarbeiter*innen und Veranstalter*innen begegnen einander bewusst auf Augenhöhe. Das Festival setzt auch in anderer Hinsicht auf Niederschwelligkeit und Communityarbeit: Alle Formate können gegen freiwillige Spende besucht werden, viele Bereiche werden von freiwilligen Helfer*innen getragen. Eine DJ habe das Sterrrn Fest, so Jagl, einmal als »queerfeministischen Fiebertraum« bezeichnet. Und vielleicht weist gerade das auch auf etwas hin, das die vier beschriebenen Festivals gemeinsam haben: Dass sie weniger fertige Produkte sind als vielmehr Räume, in denen für kurze Zeit andere Formen von Gemeinschaft möglich werden.
Das Sterrrn Fest findet am 19. und 20. Juni in Graz statt. Das Nordkette Wetterleuchten geht am 18. und 19. Juli in Innsbruck über die Bühne. Und das Jazzfestival Saalfelden wird heuer von 20. bis 23. August veranstaltet, zeitgleich mit dem Streamlines Festival in Kautzen, das allerdings erst am 21. August beginnt.
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