Die „Kreativen Räume“ machen Leerstand zugänglich

Leerstandsaktivierung mag zwar bieder und ungelenk klingen, ist es in Wahrheit aber nicht. Aus Kaputtem wird Schönes, aus Altem wird Neues. Die Wiener Kreativräume zwischen Aktivierung und Gentrifizierung.

Der Begriff der „Leerstandsaktivierung“ wurde 1987 ins Leben gerufen als Hartmut Häußermann sich in seiner Publikation „Neue Urbanität“ intensiv mit dem Thema Leerstand beschäftigte. Leerstand bedeutet in diesem Fall das Brachliegen von öffentlichen Plätzen und Räumen, deren Aktivierung eine effizientere Flächennutzung meint. Lange Zeit war der Begriff Leerstand negativ besetzt und wurde mit Vandalismus, Verfall und abnehmender Lebensqualität verbunden. Nicht ganz zu Unrecht, denn häufig sind die betroffenen Gebäude und Plätze wirklich sehr lange Zeit ihrem Verfall ausgesetzt.

Recycle deine Stadt

Gerade weil das Gesamtbild einer Stadt darunter leidet, wenn ungenützte Flächen lange Zeit leer stehen, gibt es die „Kreativen Räume Wien“. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, den leerstehenden Räumen wieder Leben einzuhauchen, indem sie an Kunst- und Kreativwirtschaftende vermietet werden. Die „Kreativen Räume Wien“ sind eine Dachorganisation, die sich aus vier verschiedenen Unternehmen zusammensetzt. Die beiden Hauptakteure sind „SOHO in Ottakring“, die als Schnittstelle zur Kunstwelt dienen und „KohlmayerLutterKnapp“, die den Kontakt zur Immobilien-Welt ermöglichen. Das Besondere an dem Konzept ist, dass die Besitzer der Immobilien Geld für den Unterhalt des Raumes bekommen und die Mieter den Raum pflegen, bewirtschaften und in und mit ihm experimentieren können. Kostengünstig versteht sich, denn in Wien große Flächen anzumieten kann durchaus einen tiefen Griff in die Tasche bedeuten. Ist die Fläche einmal gemietet, finden sich dort meistens Kunstinitiativen, soziale Einrichtungen, Pop-Up Stores oder andere Projekte aus Handels- und Kreativwirtschaft.

Um herauszufinden wie die einzelnen Schritte ablaufen und was entsteht, haben wir mit Herrn Christian Knapp von der Firma „KohlmayrLutterKnapp“ gesprochen.

Festivalzentrale Gschwandner
(c) Karolina Plaskova

Auf Ihrer Website halten Sie sich eher bedeckt was die einzelnen Schritte auf dem Weg zum kreativen Raum sind. Dafür bieten Sie Beratung an. Welche Voraussetzungen müsste ich erfüllen, um eine Leerstandsfläche zu aktivieren?

Derzeit führen wir einmal Erstgespräche mit Interessenten um herauszufinden, was gewünscht wird. Voraussetzungen gibt es dafür keine, jeder kann bei uns anfragen, egal ob Sie kreativ arbeiten, Vertreter eines Vereins oder einer Institution sind oder sich anderweitig beschäftigen und etwa auf der Suche nach Versammlungs-, Ausstellungs- oder Arbeitsräumen sind.

Eigentümer größerer leerstehender Flächen müssen oft immense Verluste und Abschreibungen hinnehmen. Oftmals sind diese freien Flächen nirgends inseriert, eine dauerhafte Vermietung existiert aus unterschiedlichen Gründen nicht. Die Nutzer profitieren so von sehr geringe Nutzungskosten für vergleichsweise sehr viel Raum; die Eigentümer im Gegenzug erhalten eine Grundfinanzierung, haben aber auch den Vorteil, dass die Immobilien belebt sind und so weniger Risiko durch Verfall, Vandalismus oder Besetzung eingehen.

Sie pochen sehr auf das Wort Aktivierung und meiden den Begriff Miete. Worin besteht der Unterschied zur klassischen Maklertätigkeit?

Bei uns gehen beide Seiten keinen Miet-, sondern einen temporären Leihvertrag ein. Ein weiterer Unterschied zum Mietrecht ist auch die Zeitspanne der Nutzung, die oft weit unterhalb der Perioden des Mietrechtsgesetzes liegen. Außerdem unterscheiden sich temporäre Nutzer von klassischen Mietern, da sie mit ganz anderen Bedingungen einverstanden sein müssen.

Sie nennen unter anderem Initiativen aus den Bereichen Kunst und Kultur, soziale Einrichtungen und Pop-Up Stores als Beispiele für Leerstandsaktivierungen. Was für Projektanfragen erreichen Sie am häufigsten?

Anfragen aus dem Bereich der Kunst und Kultur erreichen uns in der Tat am häufigsten. Gleich danach kommen temporäre kommerzielle Vorhaben wie eben Pop-Ups oder Start-Ups. Auch Kulturprojekte wie Ausstellungen und Performances fragen bei uns an. Solch meist temporären Projekten fällt es oft schwer, auf dem freien Markt etwas Geeignetes zu finden. Oft ist die Motivation auch die, in einem befristeten Raum ohne viel Risiko ein Modell auszuprobieren, bevor man z.B. mit einem eigenen Geschäftslokal ein höheres Kostenrisiko eingeht.

Was wären Beispiele für erfolgreich erfolgreiche Vermittlungen?

Das „Urbanize! 2016“ Festival, das jetzt Mitte Oktober stattgefunden hat, hat mit unserer Unterstützung seine Festivalzentrale im Gschwandner bezogen. Ein tolles Beispiel ist auch das ZOOM Kindermuseum. Dort hatte man die Idee, Ihre Projekte zusätzlich zur ihrem Standort im Zentrum in Bereichen außerhalb des Gürtels anzubieten. Wir haben dann den Kontakt zum Sandleitenhof vermittelt, wo ihre Arbeit sehr bald so gut ankam, dass sie dort nun dauerhaft Kinderprojekte anbieten.

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(c) Julian Mullan

Indem Sie leerstehende Plätze und Räume von Kunst – und Kulturinstitutionen recyceln lassen, tragen Sie zur Gentrifizierung von Grätzeln bei (z.B. die Gegend um den Brunnenmarkt). Zuletzt kritisierte die IG Kultur in einer offiziellen Presseaussendung, dass Sie auf ihrer Pressekonferenz zu diesem Problem keine Lösungsvorschläge präsentiert hätten. Was haben Sie geplant um der Gentrifizierung entgegenzuwirken?

Das sehe ich nicht so. Unser Auftrag als auch unsere Tätigkeit stehen in keinem Zusammenhang mit Gentrifizierung. Gentrifizierung ist ein längerfristiger Prozess, das steht im Gegensatz zu einer temporären Nutzung. „Belebung“ wäre ein treffenderer Begriff. Weder wir als Agentur vergeben, noch haben die Nutzer die Mittel, die für ein „Recycling“ notwendig wären. Das ist auch nicht unser Anliegen. Es ist überaus wichtig über Gentrifizierung in der Stadt zu sprechen, diese Diskussion steht aber auf einem anderen Blatt.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit der vier Unternehmen unter dem Namen „Kreative Räume Wien“?

Wir haben unsere Bewerbung und anschließend unseren Konzeptvorschlag bei dem zweistufigen, international ausgeschriebenen Verfahren der Stadt Wien als Arbeitsgemeinschaft erstellt. In der Rechtsform sind wir eine GmbH. In jeder einzelnen Anfrage werden die Themen und Herausforderungen an diese vier Bereiche spürbar: Die Bedürfnisse der Kreativen und Kulturinitiatoren erfassen unsere Kolleginnen von „SOHO in Ottakring“. Wenn es um die spezifischen Rahmenbedingungen für die Leihverträge geht, braucht die Juristen von „Pepelnik & Karl“. Für die Kommunikation unseres Angebots sorgt die Agentur „Bader & Team“. Wir vom Ingenieurbüro „Kohlmayr-Lutter-Knapp“ kennen durch unsere Tätigkeiten sowohl die Bedürfnisse von Immobilieneigentümern als auch die besonderen Bedingungen bei Zwischennutzungen.

Was passiert mit temporär vermieteten Flächen, wenn die Nutzung vorbei ist? Gibt es dann schon Nachmieter oder stehen sie auf unbestimmte Zeit leer?

Frei gewordene Flächen kommen erneut in unsere Kartei und können je nach Objekt jederzeit weiteren Interessenten angeboten werden.

Von außen wirkt es, dass die Agentur für Leerstandsmanagement NEST ähnliche Ziele verfolgt wie Sie. Haben Sie jeweils unterschiedliche Aufgaben? Gibt es Kontakt untereinander?

Ja, wir kennen uns gut und wir schätzen die Arbeit von NEST sehr. Abgesehen davon, dass unsere Gründungsgeschichte eine andere ist, arbeiten privatwirtschaftliche Initiativen wie die Agentur NEST und wir an den gleichen Zielen. Sie sind Teil unseres Netzwerks und helfen effektiv geeignete Räume zu finden und zu bespielen. Indem wir als „Kreative Räume Wien“ eine zentrale Stelle zur Beratungstätigkeit in diesem Themenkomplex einrichten sparen wir anderen Einzelinitiativen wie NEST auch Zeit und Arbeit.

 

 

Mehr Informationen zu den kreativen Räumen Wien findet ihr am besten auf ihrer kreativen Wiener Website.

Bild(er) © Lukas Preisinger
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