Gender Gap: KANZLER, KANZLER!

Heteronormativ ist gar kein Ausdruck für das, was sich während des Wahlkampfs in den Schlagzeilen abspielt. Frauenpolitische Agenden werden fast grundsätzlich ignoriert, auch 2017 gibt es nur eine einzige Spitzenkandidatin, ansonsten haben wir es mit mehr oder weniger alten weißen Männern zu tun. Wie soll man sich da repräsentiert fühlen?

© Wurlidaps

Nach etwa 22 Semestern Politikwissenschaft weiß ich eines mit absoluter Sicherheit: Ich habe absolut keinen Bock, über Politik zu sprechen. Grundsätzlich ignoriere ich alle Wahlkämpfe, bis es nicht mehr geht – also meist bis zum Wahlsonntag im Pyjama in der Wahlkabine. Dort mache ich dann mein Kreuzerl und gebe ein kurzes Stoßgebet ab, dass es das jetzt eine Weile lang war. 2016 hat dann gezeigt, dass man Wahlkämpfe leider nicht immer ignorieren kann und dass das Ausblenden jeglicher parteipolitischen Regung dann unmöglich ist, wenn dir Norbert Hofer droht, dass du dich noch wundern wirst, was alles möglich ist.

Irgendwo zwischen zweitem und drittem, echtem oder falschem Bundespräsidentschaftswahlkampf (Details inzwischen wieder verdrängt), Trump und Brexit habe ich meine Dissertation aufgegeben, moderne Demokratie konzeptionell hinterfragt und war kurz davor, Monarchistin zu werden, nur, damit wir nie wieder irgendwas mit Wahlen, Abstimmungen, Volksbegehren oder ähnlichen, offensichtlich autoaggressiven demokratischen Prozessen zu tun haben müssen.

Es war sicherlich das übertrieben hohe Frühlingsserotonin, das mich dazu bewegt hat, die Sache mit der Dissertation wiederaufzunehmen, meine Studiengebühren zu zahlen und zaghaft wieder die Webseiten österreichischer Tageszeitungen aufzurufen. Spätestens seit ich von einem besoffen überschwänglichen JVPler das halbe Bier im Alpbacher Jakober übers T-Shirt geleert bekommen habe, habe ich mich der Wahlkampfrealität stellen müssen.

Was mich an der politischen Sphäre wohl am meisten schlaucht, ist das übertriebene Herumgeaffe, dieses männlich konnotierte Brustgeklopfe und der Wahlkampf-Kriegsjargon, den uns Gratisblätter in der U-Bahn entgegenwerfen. KANZLERDUELL! DUELL UM DEN KANZLER! KANZLER, KANZLER! KRIEG! Heteronormativ ist gar kein Ausdruck für das, was sich da in Schlagzeilen abspielt. Die Tatsache, dass frauenpolitische Agenden so stringent im Wahlkampf und in der Tagespolitik ignoriert werden, dass es ein eigenes Volksbegehren braucht, um darauf hinzuweisen, dass 50 Prozent der Wähler_innen Frauen sind, ist tragisch. Was noch tragischer ist: Auch 2017 gibt es nur eine einzige Spitzenkandidatin, ansonsten haben wir es mit mehr oder weniger alten weißen Männern zu tun, die gegenseitig Penisgröße messen.

Während uns die ÖVP erklärt, es wäre Zeit für ein neues Frauenbild (wait, what?), die FPÖ um »unsere Frauen« fürchtet – es wäre ja tragisch, wenn Frauen in Österreich nicht von »echten« Österreichern verprügelt würden, sondern von anderen – und die SPÖ sich mir nicht erschließbare Wahlkampfkonzepte um Wut-Omas zusammenbastelt, passiert gender-technisch in diesem Wahlkampf nicht sonderlich viel.

Das Grüne »Sei ein Mann, wähl eine Frau!«-Sujet ist gut gemeint, aber kontextlos irgendwie auch sinnlos, und ich will gar nicht erst über denjenigen sprechen, der derzeit aus gekränktem Ego einfach mal so eine im Parteiensystem längst angekommene Bewegung sprengt. Ja, in den meisten Parteien werden Frauen in Position gebracht, Neos schickt Griss ins prominente Rennen, die Grünen haben mit Lunacek eine glaubhafte Feministin an der Spitze, Pilz holt sich einen Haufen Quereinsteigerinnen ins Team, die ÖVP lässt einige Damen nach vorne und die SPÖ besetzt brav paritätisch und natürlich sinnvoll mit der bewährten Ministerinnen- und Staatssekretärinnenriege.

Daneben passiert aber nicht viel, außer dass ab und an irgendwo irgendein Social-Media-Berater oder eine -Beraterin ein pinkes Shareable auf Facebook knallt, das den Wähler_innen zeigen soll, dass man sich eh mit diesem Feminismus auseinandersetzt.

Versteht mich nicht falsch, ich kenne alle Partei- und Wahlprogramme leider halbwegs gut, ich habe schon bemerkt, dass die Themen Einkommensschere, Kinderbetreuung, Pflege, Frauengesundheit, Altersarmut und Artverwandtes je nach Couleur mehr oder weniger abgehandelt werden. Das reicht mir aber nicht: Ich komme nicht darum herum, mich nicht repräsentiert zu fühlen, wenn ich mit 33 Prozent Frauen im Parlament und knapp 20 Prozent in der Regierung vertreten bin.

Dass es nach dem nächsten Wahlgang wahrscheinlich nicht viel besser aussehen wird, ist jetzt schon abzusehen. Die wunderbaren Ausführungen zu frauenpolitischen Themen bleiben so nämlich für immer einfach nur heiße Luft auf Papier, und umgesetzt wird die kommenden Jahre davon sowieso kaum etwas. Es tut mir tatsächlich leid, dass ich hier so binär werden muss, weil es sonst nicht mein Stil ist: Aber wenn nicht mal das einfachste soziodemografische Merkmal auf Polit-Ebene abbildbar ist, und man sich ja eigentlich doch in einer repräsentativen Demokratie befindet, dann ist das bitter. Wie soll denn jemals Politik oder Wahlkampf mit kritischen Zugängen zu Geschlechterrollen gemacht werden, wenn zwei Drittel der Parlamentarier_innen noch nie am eigenen Leib erfahren mussten, was es bedeutet, auf Grund des Geschlechts diskriminiert zu werden?

Frauenpolitik ist dann hoch im Kurs, wenn Politik auch von Frauen gemacht wird. Parteien sollten sich nicht zaghaft zu halbherzigen Quoten für die Listenerstellung verpflichten, sondern tatsächlich einfach paritätische Listen aufstellen – und da reden wir noch gar nicht über Diversität hinsichtlich Einkommen, Herkunft, Bildungsgrad oder sexueller Orientierung. Wenn ich dann nach Oktober 2017 irgendwann wieder im Pyjama in der Wahlkabine stehe, will ich zu gleichen Teilen Frauen und Männer auf der Liste stehen haben. Vor lauter KANZLER-KANZLER-Geschreie kann ich mich nämlich kaum noch auf Inhalte konzentrieren, und ich will innerhalb der nächsten zehn Semester dann auch meine Diss abgeben, bitte danke, Bussi!

 

Therese Kaiser ist Co-Geschäftsführerin des feministischen Business Riot Festivals sowie Geschäftsführerin des Konzeptbüros Kathe und als thereseterror auf Instagram anzutreffen. Für unserer Kolumne „Gender Gap“ beschäftigt sie sich mit den großen und kleinen Fragen zu Feminismus.

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