Hundefutter statt VHS-Kassetten: Geschichten aus Wiener Videotheken

Sie sind Relikte der Unterhaltungsbranche und boomten in einer Zeit, in der Filmstreaming dank nicht vorhandenen oder langsamen Internetleitungen undenkbar schien. Wir haben mit drei Betreibern von Videotheken in Wien über die guten alten Zeiten und das Überleben heute gesprochen.

© Noel Kriznik

Will sich der vom Kater der vergangenen Nacht gebeutelte Mensch Sonntagmorgen einen Film reinziehen, so genügen zwei Klicks. Auch an verregneten Abenden muss kein Mensch mehr das Haus verlassen – Netflix & Chill hat sich durchgesetzt. Früher, als das Internet noch so ausgesehen hat, musste man sich schon von der Couch hinaus auf die Straße begeben, die paar Meter um die Ecke gehen und hinein in die Videothek, wollte man sich mit dem neuesten Blockbuster unterhalten lassen. Der Gedanke an die gute alte Videothek lässt so manche in Nostalgie schwelgen. Keine Frage, dieser Ort versprühte eine gewisse Magie: Leuchtende Kinderaugen vor den Regalen, verstohlene Blicke in Richtung rotem Vorhang, eine gigantische Auswahl an Filmen und Spielen. Da wird das Stöbern an sich schon zur Attraktion.

Aber wie steht es eigentlich um die Videothek heute? Bringt das Retro-Revival auch Aufschwung für die cineastischen Sammelstellen oder sind sie tatsächlich dem Tode geweiht?  Gibt es attraktive Geschäftsmodelle, die das einst so beliebte Unterhaltungsetablissement wieder einen frischen Wind verleihen könnten?

Fragt man Google nach der Anzahl an Videotheken in Wien, so wird rasch klar, dass es sich nur mehr um eine Handvoll handeln kann. Der ORF titelte in einem Lagebericht im Juli 2015 zu diesem Thema mit „Nur mehr 35 Videotheken in Wien“. Herold spuckt bei der Suche 12 Ergebnisse aus. Davon sind einige telefonisch allerdings nicht mehr erreichbar. Drei Videotheken in Wien haben wir immerhin erreicht, besucht und nachgefragt, wie das Business so läuft.

G’sundes für den Hund im Videokeller

„Die kommen nur rein wegen dem Hundefutter. Es gibt ein paar, die noch DVDs ausleihen, vielleicht 5 Stück in der Woche, aber von dem kann man nicht leben. Unser Hauptgeschäft liegt jetzt beim Hundefutter und Zubehör. Wir fangen langsam an umzustrukturieren“, erzählt Josef Fellinger, Besitzer des Videokellers im 19. Bezirk. Er hat sich für seinen Filmverleih eine ungewöhnliche Überlebenstaktik überlegt.

Betritt man den kleinen Laden im Keller der Obkirchergasse, so springt der Übergang zum neuen Businessmodell ins Auge. Zwei große Kühltruhen mit Rohfleisch nehmen jetzt den meisten Platz ein. Daneben ein Regal mit Trockenfutter und an den Wänden Teenie-Poster von Hunden. Erst auf den zweiten Blick entdeckt man die Regale mit DVDs. Rechts befindet sich die Theke, die an bessere Zeiten des Verleihgeschäfts erinnert. Sie ist mit allerlei Snacks und Süßigkeiten ausgestattet und mit DVD-Rohlingen geschmückt. Es gibt einen Kaffee- und sogar einen Popcorn-Automat. 1,90 Euro kostet die kleine Tüte.

Hinter der Theke steht Annemarie. Sie ist die meiste Zeit im Laden und Mitarbeiterin der ersten Stunde. „Es kommen manchmal sogar Neukunden aus anderen Bezirken, die sich für unser Hundefutter interessieren“, erzählt sie. Man wolle auch mit der Zeit gehen, Bio anbieten und dem Trend zur Rohfütterung nachgehen. Besonders stolz ist Annemarie auf den selbst gemachten Dorcy’s Bio-Smoothie für Hunde und natürlich auf Dorcy, ihren Adoptivhund. Sie hat ein großes Herz für Tiere und sammelt Spenden für Hunde im Tierheim in der Slowakei. „Alles was einen Hund wärmen kann, können Sie bei uns abgeben. Die Spenden werden von Glück für Tiere abgeholt und in die Tierheime gebracht“, steht auf einem Zettel am Kühlschrank.

Wenn Annemarie über bessere Zeiten spricht, kommt sie ins Schwärmen: „Unser Laden war früher oft bis 1 Uhr nachts geöffnet. Wir haben Musik gespielt, es sind Leute aus der City zu uns gekommen. Es war ein richtiges Treff.“ Der Videokeller soll auch zu einigen Liebschaften geführt haben, da man sich hier immer wieder über den Weg gelaufen sei, fügt sie hinzu. Dann ist ihrer Stimme wieder etwas Wehmut zu entnehmen, wenn sie über die aktuelle Situation im Filmverleih zu sprechen kommt: „Monatlich werden weniger DVDs verliehen, am besten gehen noch Kinderfilme. Spiele zahlen sich überhaupt nicht mehr aus.“

Herr Fellinger sah sich angesichts der sinkenden Nachfrage im DVD-Verleih vor einem Jahr dazu gezwungen, sein Geschäft neu zu orientieren. Werbung für DVDs mache er keine mehr, das sei für ihn vergossene Milch. Der Vertrieb für Tierfutter und -zubehör war für ihn die Notlösung. „Man muas si strecken nach der Decken. Wenn das ned geht, findet man halt was anderes“: Fellinger ist Realist mit Humor.

Annemarie mit Dorcy © Noel Kriznik
Videokeller © Noel Kriznik

Happy Family seit 33 Jahren

Weder Online-Streaming, noch das steigende Internetangebot seien Schuld an der sinkenden Nachfrage ihrer Filme, sondern die vielen Fußballübertragungen im Fernsehen, glaubt Elfriede-Christine Stadler. Sie führt nun seit 33 Jahren die kleine Videothek „Happy Family“ in der Gentzgasse im 18. Bezirk und auch sie sieht sich mit einem schrumpfenden Kundenstock konfrontiert. Zu ihrer besten Zeit zählte sie an die 30.000 Stammkunden. Diese hat sie alle fein säuberlich geordnet in Akten verewigt und nun um sich herum in Läden gelagert und in Schränken sortiert.

Heute verschlägt es nur mehr sporadisch Kunden in den kleinen Laden. Dafür wissen diese ihre persönliche Beratung und das familiäre Ambiente zu schätzen, betont Frau Stadler. „Meine Filme sind alle persönlich ausgewählt. 60 bis 70 Filme kommen monatlich auf den Markt. 10 Filme, suche ich mir aus, die ich mir dann auch anschaue, zwei bis drei davon landen dann im Verkauf“, erklärt die Cineastin. Zwei kleine Räume, nicht mehr, benötigt „Happy Family“, um eine Auswahl an Neuerscheinungen und Klassikern anzubieten. Es gibt eine eigene Wand mit Filmklassikern und eine, in der die Filme nach ihren Hauptdarstellern sortiert sind. Sogar die uralten VHS Kassetten finden bei ihr noch Verwendung. „Ich habe zwei Senioren, die sich keinen DVD Player mehr leisten konnten und regelmäßig zu mir kommen und VHS Kassetten austauschen“, erzählt Frau Stadler.

Elfriede-Christine hat früher als Versicherungssekretärin gearbeitet und ist durch eine Empfehlung von Freunden zur Eröffnung der ersten großen Videothek in München eingeladen worden. Das brachte sie auf die Idee eine Videothek auch in Wien zu eröffnen. „Um an die Filme zu kommen, musste ich anfangs noch nach München zu größeren Filmvertrieben fahren. Erst in den 85er hatten wir bei uns in Österreich die Möglichkeit Filme zu kaufen“, beschreibt die Pionierin von damals die beschwerlichen ersten Schritte.

Da das Geschäft nicht mehr so gut laufe, hat sie sich jetzt ein zweites Standbein aufgebaut. Sie verkauft Wohnungen und Autos im Nobelsegment. Mit Fotokopien bewirbt sie ihre luxuriösen Objekte: Darunter eine Villa mit Garten im 21. Bezirk, einen Bentley und ein Mercedes Cabrio. Die Geschäftsfrau wird nicht müde und pflegt einen durchgeplanten Berufsalltag. Am Vormittag besichtigt sie Wohnungen und nachmittags schupft sie ihre kleine Videothek.

Eine Anekdote hat Frau Stadler auch auf Lager. Einmal wollte ihr ein Liebhaber die Videothek abkaufen. Das sei allerdings nicht möglich gewesen, da sie lediglich Mieterin des Geschäftslokals war.

Happy Family © Noel Kriznik
Happy Family © Noel Kriznik

Der Filmkurator

Alexander Lustig, Betreiber der gemeinnützigen Filmvermittlung „Filmgalerie Achteinhalb“ nennt das Problem beim Namen: Online-Streaming. „Die Versorgung des Mainstreams durch Videotheken kann nicht mehr erfolgen, weil das von vielen verschiedenen Anbietern, die meist zu größeren Konzernen wie Apple oder Amazon gehören, übernommen wurde“, erklärt Lustig. Mit seiner Filmgalerie hat er ein Nischenprodukt geschaffen und will dem Kommerz-Wahn etwas entgegensetzen. Er bemüht sich darum, mit seinen Kunden in den Dialog zu treten, ihnen eine kritische und reflektierte Auseinandersetzung mit Kino & Film nahe zu legen.

Alexander Lustig sieht sich selbst als Filmkurator. Seine Videothek gleicht einer Bibliothek. Die Rubriken tragen Titel wie  „Thema der Woche“, Filme sind nicht nur nach Genres, sondern auch nach Regisseurin geordnet. Das Interior ist stillvoll, die Regale bis an den Rand voll mit DVDs befüllt, aber doch wirkt sein Laden nicht überfüllt. Das macht den Ort auf Anhieb interessant und attraktiv. Auf seiner Homepage erscheint Monat für Monat ein Filmtipp mit persönlicher Rezension.

Mit Online-Vermarktung hat Lustig nichts am Hut. „Die Social Media Kanäle gehen mir am Arsch vorbei, weil das keine Medien sind, auf denen ich Niveau bieten kann. Ich kann das nur im persönlichen Gespräch. Das Internet hat einfach Grenzen“, verdeutlicht er. Seine Kundenkarte kostet einmalig so viel wie eine Monatsgebühr bei Netflix. „Es ist ja absurd. Die verlangen einen kleinen Betrag im Monat. Wie soll sich das ausgehen? Außer durch Masse“, meint Lustig. Für die Ausleihe gibt es dann einen Extra-Aufpreis. Wer Qualität und Vielfalt bieten möchte, darf eben auch etwas dafür verlangen. Das Prinzip scheint zu funktionieren. Täglich bekomme er ein bis zwei neue Einschreibungen.

Was Lustig neben der profitorientierten Filmindustrie sauer aufstoßen lässt, sind schlechte Filme. Obwohl Blockbuster in seiner Auswahl neben Independent-Filmen koexistieren, legt er ein Mindestmaß an kinematographischem Anspruch an den Tag. „Ich dachte zuerst, dass ich eigentlich auch offen für Filme wie The Fast and the Furious sein muss. Aber dann hab ich mir 10 Minuten den Film angeschaut und mir gedacht: ‚Um Gottes Willen. Wie blöd halten die Produzenten die Leute. Das finde ich unverantwortlich'“, so Lustig. Damit verzichtet er zwar auf bestimmte Zielgruppen, wahrt allerdings seinen Ruf als Filmkurator.

Alexander Lustig in seiner Filmgalerie Achteinhalb © Noel Kriznik

 

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